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Ein Ritter in Rüstung: "Mittelalterfest" auf der Burg Lockenhaus im Mittelburgenland.

Das Leben der "ganz normalen Ritter"

William Wallace, der schottische Freiheitskämpfer aus dem 13. Jahrhundert, wurde durch den Hollywood-Film "Braveheart" weltberühmt. Schon die Literatur, die wenige Jahrzehnte nach seinem Tod erschienen ist, überhöhte sein Leben. Der deutsche Historiker Jörg Rogge interessiert sich weniger für Helden wie Wallace, sondern für "ganz normale Ritter".

Geschichte 07.05.2012

Im Zentrum seiner Untersuchungen stehen die Körperbilder, die Kämpfer im Mittelalter in autobiografischen Texten von sich gezeichnet haben.

science.ORF.at: Franz von Assisi schrieb einmal: "Einen größeren Feind als meinen Körper habe ich nicht." Woher kommt diese Körperfeindlichkeit?

Porträtfoto des Historikers Jörg Rogge

IFK

Jörg Rogge ist akademischer Direktor des Forschungsschwerpunkts Historische Kulturwissenschaften an der Universität Mainz und derzeit IFK Gast des Direktors am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 7.5. hält Jörg Rogge einen Vortrag mit dem Titel "Die Körper der Kämpfer".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 7.5., 13:55 Uhr.

Jörg Rogge: Die Franziskaner wollten im 13. Jahrhundert zurück zu einer alten Kirche. Diese Vorstellung der Kirchenreformer war stark mit einer Konzentration auf Spirituelles verbunden. Dabei spielte die Körper-Seele-Dualität eine wesentliche Rolle. Mit dem "Training" der Seele einher ging die Abkehr von körperlichen Bedürfnissen, weil diese vom eigentlichen Ziel des irdischen Daseins ablenken, nämlich von der Vorbereitung auf das Jenseits.

So wie Jesus gelitten hatte, um wiederaufzuerstehen, so ähnlich haben sich das auch die Anhänger von Franz von Assisi vorgestellt: Askese und das Kasteien des Körpers waren entscheidend für die Rettung der Seele. In dieser Zeit kommt auch in der Kunst ein neues Motiv auf: Christus als Schmerzensmann, als Leidender, der vom Kreuz abgenommen wird.

Warum gerade zu diesem Zeitpunkt?

Bis zu den Bettelorden wurde monastische Spiritualität anders gelebt. Zisterzienser und Benediktiner bevorzugten im 12. Jahrhundert noch die Abgeschiedenheit von der Welt, die Klausur und das Leben hinter den Klostermauern. Ihre Spiritualität haben sie vor allem in ihren Klöstern gelebt, denn sie waren an einem Ort - ihrem Kloster - verwurzelt.

Die Franziskaner hingegen trugen ihre Spiritualität in die Welt und waren in den sich entwickelnden Stadtgesellschaften präsent. Auf diese Weise haben sie ab dem 13. Jahrhundert auch die Körpervorstellungen - die Wichtigkeit von Askese etc. - über die Mauern der Klöster getragen.

Der leidende Jesus wird zumeist nackt dargestellt, was im Widerspruch zu den Körperbildern steht, mit denen Sie sich beschäftigen: den gut gerüsteten Rittern, die das Christentum verteidigen. Wie ist das Verhältnis dieser beiden Körperbilder?

Am wichtigsten ist es festzuhalten, dass im Mittelalter gleichzeitig sehr unterschiedliche Konzepte und Vorstellungen von Körperlichkeit existierten. Spätestens seit dem Hochmittalter gibt es verschiedene Diskurse über Körper, höfische, theologische, medizinische und andere. Mit der Rezeption der arabischen Medizin wurde das Wissen darüber, wie Körper funktionieren, erweitert und damit die Möglichkeiten, Diagnosen zu stellen und zu heilen. Mich interessieren aber nicht diese wissenschaftlichen Texte in erster Linie, sondern jene Dokumente, in denen "ganz normale Ritter und Kämpfer" über ihre Körper schreiben.

Wer waren diese Ritter?

Männer, die im 15. und 16. Jahrhundert im Alter aus unterschiedlichen Motiven aufgeschrieben haben, was sie als junge Ritter und Kämpfer erlebt haben. Sie hatten dafür unterschiedliche Anlässe, wollten z.B. ihre Kinder belehren. Viele betonen das Leid, das sie während ihrer Ausbildung erlebt haben: die Schmerzen, das stundenlange Reiten auf einem Pferd etwa, bei dem sie sich das Hinterteil wundgeritten haben; wenig Essen, Trinken und Schlaf und dennoch die Notwendigkeit, stets körperlich leistungsfähig zu bleiben. Die Askese der Mönche hat viele Analogien zu diesen Entbehrungen der angehenden Ritter. Die körperliche Zurichtung hat zwar andere Ziele, das Ertragen von Leid und Schmerzen ist bei beiden Gruppen aber ähnlich.

Die bekannteren Rittergeschichten erzählen eher von den heiteren Stunden: treue Pferde, edle Zweikämpfe, Minnedienste …

Das sind andere Texte, die aus der höfischen Literatur und Minnedichtung stammen. Die darin vorkommenden Ritter sind zumeist gut ernährt und wohlgerüstet - und sie vermitteln auch ein anderes Körperbild. Sie suchen nach dem heiligen Gral oder besingen die Liebe und haben scheinbar weniger körperliche Grundbedürfnisse zu befriedigen.

Im Zentrum steht bei ihnen die Beschreibung ihrer Taten, die berühmten "Chansons de geste" der französischen Literatur. Wobei diese Taten historisch oft schwer zu belegen sind. Aber diese Tatenberichte aus dem hohen Mittelalter haben sich einige Autoren des späteren Mittelalters möglicherweise zum Vorbild für ihre Erzählungen genommen.

Ein berühmter Text stammt von Georg von Ehingen, der im ausgehenden 15. Jahrhundert seine autobiografischen "Reisen nach der Ritterschaft" geschrieben hat. Bei den Zweikämpfen, die er darin beschreibt, stellt sich die Frage: Haben die tatsächlich so stattgefunden oder hat er sich an den Rittergeschichten aus dem 13. Jahrhundert orientiert? Hat er sie so beschrieben, damit sie die Leser schnell begreifen, indem er ihnen Vertrautes servierte, oder sind sie tatsächlich so verlaufen?

Wie beantwortet man diese Fragen als Historiker?

Für meine Beschäftigung mit den Körperbildern der Ritter sind weniger die historische Exaktheit bzw. Belegbarkeit der geschilderten Ereignisse wichtig, als die Frage, wie die Autoren über ihre Körper schreiben. Am wichtigsten sind da die Stellen vor und nach einem Zweikampf. Georg von Ehingen beschreibt z.B. einen "Kampf gegen einen Heiden vor Fez 1456".

Davor schreibt er, dass er sich für den Zweikampf gemeldet habe, weil er "besonders geschickt in Kämpfen in voller Rüstung" sei. Danach, dass "der Gegner eigentlich viel kräftiger war, er ihn aber mit der Hilfe Gottes besiegen konnte". Gleichgültig wie stilisiert diese Stelle ist oder sich an literarischen Vorbildern orientiert: Mit dem Hinweis auf seine eigene Geschicklichkeit macht er klar, was er eigentlich sagen will, nämlich dass er gut trainiert ist.

Der Gottesverweis ist der Vorstellung geschuldet: Wer gewinnt, hat immer Gott auf seiner Seite. Entscheidend ist für mich etwas anderes: Wer das liest, weiß, was es heißt, geschickt und gewandt zu sein, ein klarer Verweis auf die Körperausbildung.

Gibt es historische Vorbilder zu diesen mittelalterlichen Schriften?

Eine Textsorte, in der ein Ich-Erzähler seine Erlebnisse schildert und dieses Akteurs-Ich im Text mit dem Schreiber-Ich des Textes zusammenhängt, ist relativ neu. Der erste deutschsprachige Text mit einem Ich-Erzähler ist der "Frauendienst" von Ulrich von Liechtenstein aus dem 13. Jahrhundert.

Diese Erzählperspektive ist im späteren Mittelalter also neu. Man findet sie seit dem Ende des 14. Jahrhunderts in Texten von Kämpfern, aber schon vorher in Städten, wo sich - zuerst in Italien - Angehörige der bürgerlichen Schichten ihrer selbst literarisch vergewissert haben.

Sind die Texte, die sie untersuchen, auch Heldengeschichten?

Nein, Helden und Heldengeschichten sind eine eigene Kategorie. Mich interessieren Texte von Personen, die selber gekämpft haben. Die gehen anders mit ihren Körpern um, stellen sich nicht als Helden dar, sondern verweisen bei ihren Erfolgen auf Gott. Das sind normale Ritter, die keinen Heldenstatus haben wollen, die aber sehr wohl - wie Georg von Ehingen - in der Lage waren, über ihre körperlichen Fähigkeiten zu schreiben.

Helden werden anders erzählt, z.B. der große Freiheitsheld im schottisch-englischen Konflikt William Wallace. Er wird 1305 hingerichtet, gut 50 Jahre später entsteht der erste größere Text über ihn. Er wird weitertransferiert bis ins 15. Jahrhundert und wächst immer stärker an. Je mehr Zeit vergeht, und je weniger die Autoren ihn kennen, desto heldenhafter beschreiben sie ihn.

Gute Kämpfer, aber insbesondere auch Helden kann man laut den Texten auch gut erkennen. Sie haben einen bestimmten Körperbau, ein bestimmtes Verhältnis von Armen und Beinen zum Rumpf, sie sehen gut aus - im Sinne von: wohlproportioniert und symmetrisch -, sie können sehr einnehmend sein, sind ein Vorbild und geben denen, die sie anführen, Mut und Motivation. In seinem Körperbau kommt die innere Haltung eines Helden zum Kampf zum Ausdruck.

Das trifft auf die normalen Ritter nicht zu?

Nicht in diesem Maße. Zwar kann man in den Texten der Kämpfer auch über gut proportionierte Körper lesen. Aber die Heldenerzählungen haben oft eine bestimmte zusätzliche Funktion. William Wallace, der durch den - im Übrigen vor Fehlern strotzenden - Film mit Mel Gibson berühmt wurde, wird so heldenhaft beschreiben, weil er nicht aus dem Hochadel stammte.

Er wird durch die Texte regelrecht in die Führungselite Schottlands um 1300 hineingeschrieben. Aber die prinzipielle Idee, wonach Körper, Gesicht und Haltung einen guten Kämpfer und die Abstammung vom Adel verraten, die war weit verbreitet.

Wenn Sie an die Gegenwart denken: Fallen Ihnen Parallelen zwischen diesen Körperbildern der Ritter und männlicher Praxis heute ein?

Vielleicht ist das ein wenig plakativ, aber ich sehe schon Ähnlichkeiten mit Fußballfans. Wenn sich Ultras oder Hooligans nach dem Spiel auf der Wiese für eine Prügelei verabreden ist das so ähnlich, wie wenn Götz von Berlichingen und seine Begleiter auf ihnen unbekannte Krieger getroffen sind, mit denen sie sich geschlagen haben. Da wie dort erweist man sich gegenseitig eine gewisse Ehre nach den Regeln einer bestimmten männlichen Sozialisation. Miteinander zu kämpfen bedeutet eine gegenseitige Bestätigung für diese Art von Männlichkeit: als Krieger oder Kämpfer.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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