Standort: science.ORF.at / Meldung: "Neue Helden braucht der Platz"

Österreichs Flagge vor blauem Himmel

Neue Helden braucht der Platz

Der Heldenplatz in Wien ist ein zentraler Ort für Österreichs Geschichte und Erinnerungskultur. Im Heldendenkmal materialisiert sich der zentrale Widerspruch des österreichischen Gedächtnisses: die Beurteilung des Kriegsdienstes in der Deutschen Wehrmacht. Im Sockel des Denkmals soll sogar eine Nazi-Parole versteckt sein.

8. Mai 08.05.2012

Nicht nur deshalb plädiert die Zeithistorikerin Heidemarie Uhl in einem Gastbeitrag für eine Neugestaltung des Denkmals. Anlass ist der 8. Mai: der Tag, an dem 1945 die Deutsche Wehrmacht kapitulierte.

Über die Autorin:

Heidemarie Uhl

ÖAW

Heidemarie Uhl ist Historikerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

8. Mai auf dem Heldenplatz

Die Initiative "Jetzt Zeichen setzen" feierte am 8. Mai 2012 um 17.00 Uhr die Befreiung vom nationalsozialistischen Verbrechensregime auf dem Heldenplatz.

Ö1-Sendungshinweis

Über das Thema berichteten auch die Ö1-Journale, 8.5.2012.

Link:

Die Geschichte des Heldendenkmals

Von Heidemarie Uhl

Es ist den Diskussionen über die Kranzniederlegung deutschnationaler Burschenschaften am 8. Mai zu verdanken, dass ein praktisch unbekanntes Denkmal wieder jene Aufmerksamkeit erhält, die ihm aufgrund seiner staatlich-repräsentativen Funktion zukommt: das österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg.

Die Krypta für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurde 1934 im rechten Flügel des Burgtors eröffnet, nach 1945 wurde sie durch die Anbringung der Jahreszahlen 1939-1945 auch den Soldaten der Deutschen Wehrmacht gewidmet, unter Einbeziehung von SS-Angehörigen - davon zeugen die Namen in den Totenbüchern, die in der Krypta aufliegen.

1965 wurde im linken Flügel des Burgtores ein Weiheraum für die "Opfer im Kampfe für Österreichs Freiheit" (so die Widmung) eingerichtet - das erste offizielle Denkmal der Republik Österreich für den politischen Widerstand. Von den Opfern der "rassischen" Verfolgung sollte noch jahrzehntelang geschwiegen werden.

Unvereinbare Widersprüche des Gedenkens

Die räumliche Trennung dieser beiden Denkmäler hat durchaus symbolische Qualität: Woran hier erinnert und wessen hier gedacht wird, lässt sich nicht in eine gemeinsame Geschichte und in ein gemeinsames Gedenken integrieren. Vielmehr werden hier die unvereinbaren Widersprüche des österreichischen Gedächtnisses im Umgang mit der NS-Vergangenheit sichtbar: Die beiden Gedenkstätten verweisen auf antagonistische Sichtweisen, die sich bereits kurz nach Kriegsende formiert haben und bis heute bestimmend sind.

Der Widerstand gegen das NS-Regime, 1945 als Basis des neuen Österreich gefeiert, war nur kurze Zeit identitätsstiftend. Unter dem Vorzeichen von Kaltem Krieg und Re-Integration der ehemaligen Nationalsozialisten veränderten sich die geschichtspolitischen Rahmenbedingungen.

Seit Ende der 1940er Jahre wurden die österreichischen Soldaten der Wehrmacht als "tapfere Helden", die "die Heimat" in "treuer Pflichterfüllung" gegen den "Feind aus dem Osten" verteidigt haben, geehrt - 1945 waren sie noch als Opfer eines sinnlosen Eroberungskrieges betrauert worden.

Mutiges Signal 1965

Widerstandskämpfer galten nun als Vaterlandsverräter, Kameradenmörder und generell als Kommunismus-verdächtig. Nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages 1955 und dem Abzug der Alliierten verschärfte sich diese Stimmung: Widerstandsdenkmäler wurden "entschärft", Projekte zur Würdigung von Opfern politischer Verfolgung angefeindet und zu verhindern versucht.

Insofern war die Einrichtung des Weiheraums für den Widerstand ein durchaus mutiges Signal der Bundesregierung gegen die "Ewiggestrigen". Zusätzliche Brisanz erhielt die Eröffnung am 27. April 1965 durch die kurz zuvor erfolgten Zusammenstöße bei Demonstrationen für und gegen den Hochschullehrer Taras Borodajkewycz, bei denen das erste Todesopfer bei politischen Auseinandersetzungen in der Zweiten Republik zu beklagen war.

Nach den heißen geschichtspolitischen Debatten der 1960er Jahre wurde es still um das österreichische Heldendenkmal, obwohl es der Ort von zentralen, wenngleich öffentlich kaum beachteten staatlichen Gedenkzeremonien ist: Am Nationalfeiertag legen Bundespräsident und Bundesregierung Kränze in beiden Gedenkräumen nieder, am 27. April gedenkt das Bundesheer der Wiederrichtung der Republik Österreich im Jahr 1945.

Rechtsextreme "gedenken" seit zehn Jahren

Seit 2002 steht das Heldendenkmal allerdings regelmäßig im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Im April 2002 demonstrierten Rechtsextreme und Burschenschaften auf dem Heldenplatz gegen die Wehrmachtsausstellung, mit Plakaten, auf denen "Großvater wir danken dir" und "Wehrmachtssoldaten - wir gedenken Eurer Heldentaten" zu lesen war.

Am 8. Mai 2002 wurde von schlagenden Burschenschaften erstmals eine Totengedenkfeier für die Wehrmachtssoldaten abgehalten, die erwartungsgemäß auf starke öffentliche Kritik stieß. Jährlich wiederholt sich nun das gleiche Schauspiel: Der Heldenplatz wird am 8. Mai weiträumig abgesperrt, Gegendemonstrationen wird der Zugang zum Platz verweigert, die Burschenschaften werden durch ein massives Polizeiaufgebot abgeschirmt und können den Platz exklusiv für ihre Heldenehrung nutzen.

Es bedurfte einer Initiative von Ariel Muzikant, des damaligen Präsidenten und heutigen Ehrenpräsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, um dieses unwürdige Ritual zu durchbrechen. Muzikant stellte 2011 das Ansuchen für die Abhaltung eines Totengedenkens im Weiheraum für den österreichischen Freiheitskampf. Dem Argument, dass die Opfer des Nationalsozialismus wohl ein ebenso großes Anrecht auf Ehrung haben wie die Wehrmachtssoldaten, konnte man sich wohl nicht verweigern. Die Bannmeile Heldenplatz war damit erstmals durchbrochen.

Deutschland machte es vor

Der 8. Mai 2012 steht im Zeichen einer längst überfälligen Neudefinition des Kriegsendes. Seit 1945 hat die offizielle österreichische Geschichtspolitik eine klare Haltung zu diesem Gedenktag vermieden. Ein eindeutiges Bekenntnis zum 8. Mai als Tag der Befreiung, wie es der damalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes ablegte, ist bisher noch nicht erfolgt.

Das bedeutet nicht ein Umschreiben der Geschichte, darauf hat auch Weizsäcker dezidiert hingewiesen: "Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft." So unterschiedlich die individuellen Erfahrungen des Kriegsendes waren, worauf es ankommt ist, dass "es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft".

NS-Parole in der Krypta?

Der 8. Mai 2012 kann ein erster Schritt zu einem neuen Verständnis des 8. Mai in Österreich sein. Die Initiatoren - NGOs, Vertreter von Parteien und Religionsgemeinschaften - haben für das erstmalige breit organisierte Fest der Befreiung auf dem Heldenplatz die Stadt Wien als Mitveranstalter gewonnen. Eine weitere Initiative setzt das Bundesheer: Eine Kommission wird eingesetzt, um Vorschläge für die Neugestaltung beider Gedenkräume im Äußeren Burgtor zu diskutieren.

Dabei soll auch ein Gerücht geklärt werden, das dem Heldendenkmal zusätzliche Brisanz verleiht: Der Bildhauer Wilhelm Frass, mit der Gestaltung des Denkmals für den unbekannten Soldaten in der Krypta betraut, behauptete nach dem "Anschluss" 1938 in einem Brief an den "Völkischen Beobachter", er habe als überzeugter Nationalsozialist eine Kapsel mit NS-Parolen in einer Mulde im Sockel der Skulptur verborgen.

Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) hat gestern eine Untersuchung in Auftrag gegeben, das Bundesdenkmalamt, die Burghauptmannschaft und die Militärhistorische Denkmalkommission sollen diese Frage klären.

Neugestaltung des Heldendenkmals

Die Diskussion um das Heldendenkmal ist deshalb so kontrovers, weil sie den zentralen Widerspruch des österreichischen Gedächtnisses aufgreift: die Beurteilung des Kriegsdienstes in der Deutschen Wehrmacht. Diese Sollbruchstelle wurde zum Auslöser der Waldheim-Debatte 1986. Die Aussage des späteren Bundespräsidenten, "Ich habe im Krieg nichts anderes getan als Hunderttausende Österreicher auch, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt", stieß auf Unverständnis und Kritik einer neuen Generation. Die Waldheim-Debatte machte schlagartig deutlich, wie tiefgreifend die Identifikation mit der Deutschen Wehrmacht in Österreich weiterwirkte - ungeachtet der offiziellen Opferthese.

Seit 1986 wurde die österreichische Erinnerungslandschaft durch unzählige Initiativen für die Opfer des Nationalsozialismus neu ausgerichtet, auch innerhalb des Bundesheers.

Auf dem Heldenplatz herrscht allerdings noch immer der Geist der Nachkriegszeit. Das offizielle Denkmal der Republik für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs ermöglicht nach wie vor eine ungebrochene Identifikation mit der Deutschen Wehrmacht. Das zu ändern und zugleich die historischen Schichten des Heldendenkmals sichtbar zu machen, wird wohl die zentrale Herausforderung einer Neugestaltung sein.

Weitere Beiträge von Heidemarie Uhl:

Mehr zu dem Thema: