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Ein Soldat, der eine Maschinenpistole hält

Ausreden für den Krieg

Wenn der Krieg der Vater aller Dinge ist, dann ist die Ausrede für Krieg seine kleine Schwester. Die Argumente, mit denen bewaffnete Konflikte legitimiert werden, sind von der Antike bis heute oft die gleichen geblieben. Die Rahmenbedingungen - Kodifizierung des Rechts, Veränderung der politischen Ordnung - haben sich aber gewandelt.

Geschichte 10.05.2012

Der Aufwand, Krieg glaubwürdig zu legitimieren, ist dadurch immer größer geworden, sagt der Historiker Bernd Wegner von der Helmut-Schmidt- Universität Hamburg in einem Interview.

science.ORF.at: Mit welcher Legitimation darf ein Staat heute einen Krieg beginnen?

Der Historiker Bernd Wegner

Helmut-Schmidt- Universität Hamburg

Bernd Wegner ist Professor für Neuere Geschichte unter Berücksichtigung Westeuropas an der Universität der Bundeswehr Hamburg (Helmut-Schmidt- Universität).

Veranstaltung in Graz:

An der Karl-Franzens-Universität Graz findet von 9. - 11. Mai die internationale Tagung "Ich erklär Dir den Krieg! Anlässe und Ausreden für bewaffnete Konflikte von der Antike bis zur Gegenwart" statt.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 9.5., 13:55 Uhr.

Bernd Wegner: Die UN-Satzung verbietet Gewaltanwendung mit Ausnahme der Selbstverteidigung. Die Frage, wie weit dieses Recht auf Selbstverteidigung reicht, ist umstritten. Bis zur Zäsur von 9/11 wurde es eher restriktiv, seither von Staaten wie die USA oder Israel eher weiter interpretiert. Das betrifft aber nur das Völkerrecht. Etwas anderes ist, dass Staaten, die sich als Weltmacht verstehen, immer wieder auch ohne hinreichende völkerrechtliche Begründung irgendwo intervenieren. Oder es werden neue Figuren ausgedacht, wie die "responsibility to protect" oder ähnliches.

Wie weit gehen heutige Rechtfertigungen historisch zurück?

Viele Argumente lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen: Bündnisloyalität, Präventivkrieg, friedensschaffende Intervention, die Sicherung des eigenen Landes an einem ganz anderen Ort der Welt, all das haben wir schon in der Antike.

Ein Beispiel?

Im 5. Jahrhundert vor Christus rief der Feldherr Alkibiades das Volk von Athen zu einem Eroberungskrieg gegen Sizilien auf: Er beschwor den mit der Expedition erwarteten Ruhm, redete die Gegner klein und zerstreute die Sorge der Athener vor einem Gegenschlag Spartas. Er appellierte an die Bündnistreue seiner Landsleute, die Athen zu dem gemacht habe, was es heute sei. Es ginge darum, einen größeren Krieg zu verhindern; man müsse den Mächtigeren angreifen, solange er noch nicht zu mächtig sei - also das Präventivkriegsargument. Das sind rhetorische Figuren, die wir die ganze Geschichte hinweg haben. In dieser Hinsicht hat sich relativ wenig verändert.

Dennoch hat sich einiges geändert, was war der nächste entscheidende historische Schritt?

Die Veränderungen durch das Christentum, die Lehren des Augustinus und später der Kirchenväter, bis hin zu Thomas von Aquin und den Spätscholastikern. Hier wird zum ersten Mal die Kriegsschuld als abstrakte Idee eingeführt, d.h. die von Menschen gemachten Gründe für den Krieg werden ethisch gewichtet. Eine ethische Hierarchie unterscheidet zwischen erlaubten, guten und gerechten Gründen und solchen, die zu verwerfen sind.

Nach Augustinus gibt es drei Anforderungen für einen gerechten Krieg. Das eine ist das grundsätzliche Recht des Herrschers, überhaupt Krieg führen zu dürfen. Er muss ein legitimer Herrscher sein, die sogenannte auctoritas besitzen. Zweitens geht es um die iusta causa, die gerechte Ursache für den Krieg. In der Regel war damit die Wiedergutmachung von erlittenem Unrecht gemeint. Krieg war also ein Rechtsakt, ein Akt zur Wiederherstellung von Recht.

Damit eng verknüpft ist das Dritte, die intentio recta, die aufrechte Absicht, die nicht darauf abzielt, sich Länder einfach unter den Nagel zu reißen, sondern den gerechten Frieden wiederherzustellen. Das waren die Anforderungen, die durch diese christliche Lehre gestellt wurden.

Drei Anforderungen, die der Realität nicht immer entsprochen haben …

Die Praxis der Kriege war oft anders, das stimmt. Diese Anforderungen schufen aber bis zur beginnenden Neuzeit einen gewissen Druck, Gewaltakte rechtfertigen zu müssen. Eine weitere entscheidende Entwicklung war die Herausbildung eines modernen internationalen Staatensystems. Staaten wurden zu den Trägern der Gewalt, sie durften Kriege führen, sollten aber auch Frieden sichern.

Nach dem Ende des 30-jährigen Krieges und dem Westfälischen Frieden 1648 gibt es zum ersten Mal eine kodifizierte europäische Friedensordnung, die nicht auf die Autorität der Kirche zurückging, sondern durch eine Konferenz gleichberechtigter, wenn auch nicht gleich wichtiger weltlicher Mächte entstanden war.

Sie einigten sich auf ein Friedensmodell, an das nun per Gesetz alle Mächte gebunden waren. Sie haben sich natürlich nicht immer daran gehalten, aber der Unterschied zwischen Theorie und Praxis besteht immer. Das Besondere war, dass nun Angriffskriege oder rechtswidrige Kriege auch als solche identifiziert werden konnten.

Welches dieser beiden Ansätze - der christliche oder der weltliche - hat zu weniger Kriegen geführt, lässt sich das belegen?

Ich habe Zweifel, ob der wachsende Druck zur Legitimation von Kriegen bedeutet, dass es deshalb weniger Kriege gibt. Die Motive für Kriege sind oft so stark, dass man den Aufwand, sie zu rechtfertigen, gerne auf sich nimmt. Wir müssen auch sehen, dass wir gleichzeitig mit der Kodifizierung des modernen Völkerrechts in der frühen Neuzeit auch eine Abschwächung anderer Elemente haben.

Das christlich geprägte Motiv der iusta causa etwa spielt im Absolutismus keine Rolle mehr. Alle Kriegsführenden sind gleichberechtigt. Entscheidend ist, dass man die Legitimität hat, Krieg zu führen. Dadurch definierte sich der Staat. Das Recht, Krieg zu führen, war der Ausweis für die Souveränität, und davon wurde natürlich häufig Gebrauch gemacht.

Hat der Druck zur Legitimation eines Kriegs überhaupt etwas mit der Wahrscheinlichkeit von Kriegen zu tun? Das 20. Jahrhundert spricht z.B. nicht unbedingt dafür …

Wir müssen unterscheiden, ob Legitimation zu weniger Kriegen führt oder ob es zwar weniger, aber dafür zerstörerischere Kriege gibt. Letzteres hat zum Teil ganz andere Gründe, die mit der Entwicklung der Technik und der Strategien zu tun haben. Insgesamt denke ich schon, dass es im Lauf der Jahrhunderte zumindest im zwischenstaatlichen Bereich eine Abnahme organisierter Gewalt gibt.

Eine wesentliche Ursache dafür ist neben dem relativ stabilen politischen System, wie es sich in der Neuzeit herausgebildet hat, auch die Zunahme an Partizipation. Das ist schon im Mittelalter zu beobachten, als die Stände dem Kaiser nicht mehr unbedingt Folge leisteten. Oder in der frühneuzeitlichen Geschichte Englands, wo es zwar keine Demokratie gibt, aber einen entwickelten Parlamentarismus. Die Regierung traf auf erhebliche Widerstände, wenn sie in Kriege eintreten wollte, denn das Parlament musste die Mittel bewilligen. Die Kosten explodierten im 18. Jahrhundert für die Kriegsführung und die Regierung musste erhebliche Arbeit leisten, um ihre Parlamentarier zu überzeugen.

D.h. die Parlamentarisierung, die breitere Partizipation an Entscheidungen tragen dazu bei, dass zwischenstaatliche Kriege zumindest im europäischen und europäisch dominierten Teil der Welt deutlich seltener geworden sind. Es gibt in der Politikwissenschaft sogar die These, dass Demokratien gegeneinander überhaupt keine Kriege führen. Ich weiß nicht, ob diese These apodiktisch haltbar ist, aber tendenziell scheint sie schon richtig zu sein.

Wie wichtig war die Französische Revolution für die Frage der Kriegslegitimierung?

Sehr, weil mit ihr Ideologien auftauchen, die großes Sendungsbewusstsein haben und kriegsträchtig sind: etwa der Nationalismus oder die Freiheitsideen, die sich auch über Kriege verbreiten wollten, wenn man etwa an die Napoleonischen Kriege denkt. Trotzdem ist das 19. Jahrhundert bemerkenswert arm an großen und zerstörerischen Kriegen in Europa.

Das hat damit zu tun, dass sich mit dem Wiener Kongress 1815 eine neue europäische Friedensordnung etablierte, die bemerkenswert flexibel und stabil war und auf einem Prinzip des wechselseitigen Austarierens der europäischen Mächte basierte. Dieses System war in den meisten Ländern innenpolitisch repressiv, aber sehr erfolgreich, was das gewaltlose Zusammenleben der europäischen Nationen betraf.

Das wurde erst gestört in Folge des Krimkriegs, als einige große Nationen wie Italien und Deutschland im Zuge von Einigungskriegen ein neues Gewicht bekamen und sich an die alte Wiener Ordnung nicht mehr gebunden fühlten.

Das führt auch zu den Bedingungen des Ersten Weltkriegs: Inwiefern hat sich im 20. Jahrhundert etwas daran geändert, Kriege legitimieren zu müssen?

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es auf der einen Seite erstmals eine starke Neigung zur Kriminalisierung von Kriegen - wenn man etwa an die Völkerbundsatzung denkt, in der Krieg zwar nicht prinzipiell verboten, aber stark eingeengt war. Der Erste Weltkrieg wurde in den Entente-Gesellschaften zudem verstanden als "war to end all war".

Auf der anderen Seite steht die Tatsache, dass wir nur 20 Jahren nach dem Versailler Vertrag einen globalen Flächenbrand haben. Dafür gibt es vielfältige Gründe, zunächst aber einmal zeigt es, dass die rechtliche und moralische Einhegung des Kriegs nichts aussagt über die tatsächliche Gewalttätigkeit einer bestimmten Epoche. Eine Reihe von gesellschaftlichen Gruppen v.a. in den Verliererstaaten des Ersten Weltkriegs hat sich an diese Prinzipien nicht mehr gebunden gefühlt.

Dennoch legitimierten auch sie ihre Angriffskriege …

Es entsteht eine ganz eigentümliche Situation: Die NS-Ideologie ist vom Krieg geradezu besessen, er wird gefeiert als Stahlbad. Hitler wünscht Deutschland im kleinen Kreis alle 30 Jahre einen Krieg, um sich "säubern" zu können. Das waren Ideen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg im Schwange waren. Gleichzeitig ist es auch Hitler und der NS-Propaganda klar, dass man Krieg mit dieser Kriegslust nicht legitimieren kann, weder gegenüber der eigenen Bevölkerung noch gegenüber der Weltöffentlichkeit.

Deshalb greift man zu ziemlich albernen Vorwänden, die demonstrieren sollen, dass man selbst Opfer ist und sich lediglich wehrt. Denken Sie an den inszenierten Überfall auf den Sender Gleiwitz Ende August 1939, der den Polenfeldzug legitimierte. Sie haben ähnliches bei Stalin beim Überfall auf Finnland im November 1939. Oder bei der japanischen Aggression in der Mandschurei schon im September 1931, als die japanische Armee eine Eisenbahnlinie in die Luft sprengt und dies den Chinesen in die Schuhe schiebt.

Heute gibt es einen internationalen Strafgerichtshof, an dem hin und wieder Kriegsverbrecher auch verurteilt werden. Inwiefern ändert das etwas für die Legitimation von Kriegen?

Als Historiker fällt es mir schwer, Trends der Gegenwart zu kommentieren. Natürlich sympathisiert man erst einmal ideologisch mit einer solchen Entwicklung. Andererseits kennt man als Historiker, der sich mit der Geschichte vom Krieg beschäftigt, genug Fälle, bei denen sich Dinge anders entwickeln als geplant. So halte ich es für möglich, dass dieser Strafgerichtshof zu einer Verhärtung der Position von Menschen führen könnte, die unbedingt Krieg führen wollen. Etwa indem sie sagen: Wir müssen den Krieg unbedingt bis zum Ende führen, denn wenn wir nicht siegen, enden wir vor dem Gerichtshof, und das darf auf keinen Fall passieren.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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