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Ein Schimpanse gähnt

"Auch bei Schimpansen gibt es Klassenclowns"

Wenn die deutsche Primatologin Lydia Luncz von "Kultur" spricht, dann schließt sie automatisch die Leistungen von Tieren ein. In einem Interview erläutert sie die Hintergründe kultureller Differenzen - bei Schimpansen und Verhaltensforschern.

Affenkultur 1 11.05.2012

science.ORF.at: Lexika definieren Kultur üblicherweise als "Inbegriff der vom Menschen gemachten Dinge". Das Tier kommt in diesem Satz nicht vor.

Lydia Luncz: Natürlich ist es auch eine philosophische Frage, wie man Kultur definiert. Je allgemeiner man den Begriff fasst, desto eher wird man Gemeinsamkeiten zwischen Tier und Mensch entdecken - und eventuell auch die evolutionären Wurzeln der Kultur finden. Wir Menschen wollen etwas Besonderes sein und empfinden uns als Krönung der Schöpfung: Deshalb haben manche Schwierigkeiten, auch Tiere als kulturfähige Wesen zu begreifen. Verhaltensforscher definieren den Begriff "Kultur" schlicht als soziales Lernen. Also als das, was man von den Vorfahren bzw. Artgenossen lernt.

Was bedeutet das genau? Lernen durch Zusehen oder Lernen durch Unterrichten?

Lydia Luncz

Lydia Luncz

Lydia Luncz forscht am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Wir Menschen sind beim Lehren richtig gut. Das findet man in der Tierwelt kaum. Was wir bei Tieren - etwa Schimpansen - beobachten: Die Mütter ermuntern ihre Kinder, um beispielsweise Nüsse zu knacken. Sie sammeln für die Jungtiere Nüsse und lassen die vorher gebrauchten Hämmer auf den Steinambossen liegen. Man könnte sagen: Die Kinder wachsen in einem "Nussknack-Milieu" auf.

Das heißt, Tiere lernen durch Beobachten?

Genau, die Jungtiere beobachten ihre Mütter stundenlang. Irgendwann fangen sie dann selbst an, Nüsse zu knacken.

Sie haben nun in einer Studie nachgewiesen, dass drei Schimpansengruppen im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste unterschiedliche Traditionen des Werkzeuggebrauchs entwickelt haben. Worin unterscheiden sich diese Kulturen?

Im verwendeten Material. Die Schimpansen knacken Colanüsse entweder mit Holz- oder Steinwerkzeugen. Wir haben herausgefunden, dass eine dieser Gruppen Steine bevorzugt, während die anderen beiden Gruppen einem ökologischen Gradienten folgen: Die Colanüsse haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Walnüssen, tragen anfangs eine dicke Außenschicht, trocknen später aus und sind dann viel einfacher zu knacken. Die Schimpansen der anderen beiden Gruppen verwenden zu Beginn der Saison Steinwerkzeuge und steigen dann auf Hämmer aus Holz um.

Suche die Tiere ihre Werkzeuge täglich neu oder legen sie Lager an?

Sie lassen ihre Werkzeuge meist liegen und suchen danach ein neues. Da die Colanussbäume im ganzen Wald verteilt sind, wäre es für die Schimpansen umständlich, sich Werkstätten einzurichten.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Kultur der Affen berichtet auch Wissen Aktuell am 11.5. um 13:55.

Sie schreiben in ihrer Studie, dass es zwischen den Gruppen kaum genetische Unterschiede gibt. Die Umweltbedingungen sind ebenfalls ident. Was ist für die Unterscheide verantwortlich?

Es ist wie bei der menschlichen Kultur: ein Produkt sozialen Lernens.

Also in gewisser Hinsicht Zufall oder Willkür - so, wie etwa die Briten auf der linken Seite der Straße fahren und der Rest Europas auf der rechten? Jedenfalls scheinen beide Strategien des Nüsseknackens zu funktionieren...

... sie funktionieren beide. Und alle Gruppen können sowohl mit Stein als auch mit Holz umgehen. Wir wissen, dass Schimpansenweibchen mit zwölf bis 13 Jahren in neue Gruppen einwandern und sich ihren Normen anpassen - auch wenn sie einen anderen Stil des Nüsseknackens gelernt haben. Das könnte der Grund dafür sein, dass sich so stabile Traditionen herausgebildet haben.

Die Kulturforschung an Tieren wurde vom japanischen Primatologen Kinji Imanishi begründet. Er hat in den 50er Jahren beobachtet, dass Makaken Kartoffeln in Wasser waschen und diese Technik auch "vererben" - also durch Lernen an ihre Artgenossen weitergeben. Was waren die wichtigsten Erkenntnisse seitdem?

Eine wichtige Erkenntnis war die Entdeckung sozialer Konformität. Der Biologe Andrew Whiten hat 2005 einem Schimpansen zwei verschiedene Arten beigebracht, um mit einem Stock Nahrung aus einem Apparat zu holen. Diesen Schimpansen brachte er dann in eine Gruppe, die nur eine Methode beherrschte. Das Ergebnis war: Der Neuankömmling passte sich der Gruppennorm an und verwendete nur mehr eine Methode.

Das ist allerdings kein Exklusivmerkmal der tierischen Kultur. Diese Tendenz gibt's auch bei Menschen.

Natürlich. Der Drang zur Konformität ist bei Menschen sogar viel stärker ausgeprägt als bei Schimpansen. Wir wollen unbedingt dazugehören.

Ist es Zufall, dass die Pionierarbeiten in Ihrem Fach von Japanern geleistet wurden?

Auf keinen Fall. Japaner sind viel offener, leben ganz anders mit ihren Tieren zusammen. Sie haben kein Problem zu sagen: "Ach, die sind ja vielleicht wie wir." Wir im Westen wollten uns immer viel stärker von Tieren abgrenzen.

Bertrand Russell hat einmal geschrieben: "Von Amerikanern untersuchte Tiere laufen wie verrückt umher, mit einer unglaublichen Betriebsamkeit und Energie, und sie erreichen das gewünschte Ziel zufällig. Von Deutschen beobachtete Tiere sitzen ruhig da, denken nach und entwickeln schließlich die Lösung aus innerer Einsicht."

Das kannte ich nicht (lacht).

Gibt es in der Primatologie verschiedene Wissenschaftskulturen?

Auf jeden Fall. Doch auch wir im Westen sind mittlerweile auf einem guten Weg zu der Überzeugung, nicht immer künstliche Barrieren bauen zu müssen.

Gleichwohl könnte man eine Reihe von Hürden errichten, die Tiere aus dem Kultur-Verein auschließen sollen. Nach Kant ist etwa das moralische Empfinden eine notwendige Voraussetzung für Kultur. Sind Tiere moralisch?

Ich habe drei Jahre mit Schimpansen zusammengelebt. Mein Empfinden sagt mir ganz klar: Ja, sie wissen, was gut und was schlecht ist. Auch wenn ich keine Daten habe, die das belegen können.

Immerhin ist es mittlerweile in der Biologie salonfähig, Primaten Empathie zuzusprechen.

In unserer Feldstation im Taï-Nationalpark haben wir folgenden Fall beobachtet. Ein erwachsenes Männchen hat ein Waisenkind adoptiert, mit sich herumgetragen und mit dem Kind Nüsse geknackt, obwohl das bei Männchen extrem selten ist. Da denkt man schon: Hier muss Mitgefühl dahinterstehen. Aber klar: Wir können nicht in die Köpfe der Schimpansen reinschauen.

Apropos: Ein nicht selten geäußerter Vorwurf lautet, dass Verhaltensforscher Anthropomorphismus betreiben, Tiere also gewissermaßen vermenschlichen würden.

Unsere Beobachtungen zeigen, dass es auch bei Schimpansen verschiedenen Charaktere gibt. Etwa den Klassenclown und die Stille, die hinten sitzt und alles weiß. Aber in unseren Studien arbeiten wir nur mit harten Daten, mit messbaren Dingen, um uns genau diesem Vorwurf nicht auszusetzen.

Desmond Morris hat einmal gesagt, der Mensch sei ein nackter Affe. Stimmt das?

In gewisser Hinsicht ja, auch wenn das ein bisschen drastisch formuliert ist. Wir haben auch unsere Urinstinkte, die wir im Zusammenleben zu unterdrücken versuchen (lacht).

Interview: Robert Czepel

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