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Ausschnitt aus dem Gemälde von Paul Troger: "Bund von Religion und Weisheit", 1738 - Altenburg, Kaiserstiege

Frühe Aufklärung in Österreichs Malerei

Paul Troger war einer der wichtigsten Maler Österreichs in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, drei Jahre lang war er Rektor der Wiener Akademie. In einer Zeit, in der sich das Verhältnis von Kirche und Staat, von Religion und Wissenschaft wandelte, war er einer der Ersten, welche die Ideen der einsetzenden Aufklärung in ihre Malerei einfließen ließen.

Kunstgeschichte 14.05.2012

Trogers Arbeiten waren Ausdruck einer erneuerten Spiritualität mit philosophischen Aspekten und bewerteten die Wissenschaften neu, schreibt der Kunsthistoriker Andreas Gamerith in einem Gastbeitrag.

"Paul Troger hat dieses Bild erfunden und gemalt"

Von Andreas Gamerith

Porträtfoto des Kunsthistorikers Andreas Gamerith

IFK

Andreas Gamerith ist Doktorand am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien, ausgebildeter Countertenor und derzeit Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 14.5. hält Andreas Gamerith einen Vortrag mit dem Titel "Invenit et Pinxit. Beiträge Paul Trogers zur Formulierung Frühaufgeklärter Bildinhalte in der Österreichischen Malerei".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Vor 250 Jahren, am 20. Juli 1762, starb in Wien der Maler Paul Troger. Zwischen 1735 und 1750 hatte er prägend auf eine junge Malergeneration im Umfeld der Wiener Akademie gewirkt; in den Jahren vor seinem Tod, in denen seine künstlerische Aktivität komplett erlahmte, geriet der Meister allerdings zusehends in Vergessenheit.

Im Dienste der Klöster Niederösterreichs, wo Troger v.a. monumentale Fresken schuf, war der Künstler hauptsächlich an geistliche Themen gebunden. Dennoch machen sich in seinen Bildern jene starken Veränderungen bemerkbar, die ab der Mitte des 18. Jahrhunderts das katholische Europa veränderten: Die Bestrebungen der Gegenreformation büßten immer mehr an Kraft ein, mit ihren neuen Erkenntnissen emanzipierten sich die Wissenschaften von der Bevormundung durch die Kirche.

Trogers Bilderwelt spiegelt diese Entwicklungen wider: Visionen aus der Geheimen Offenbarung verdrängen mit ihrem allegorischen Potenzial vermehrt die Himmelsräume der hochbarocken Monumentalmalerei, die Wissenschaft nimmt ihren Platz neben dem Glauben ein.

Gestalterische Eigenständigkeit

Das Evangelium nach Johannes (im 18. Jahrhundert noch tatsächlich dem Lieblingsjünger Jesu zugeschrieben) weckte bei Teilen von Trogers Auftraggeberschaft reges Interesse. Die philosophische Sprache, die ausgeprägte Lichtmetaphorik und der "authentische" Bericht eines Zeitzeugen sicherten den Johannes-Texten eine besondere Wertschätzung.

Bei Troger treten - wohl auf Anregung der klösterlichen Auftraggeber - Motive nach Johannes seit den Anfängen seiner Freskomalerei auf; ab den späten 1730er Jahren wählte der Künstler in selbständiger Form bevorzugt Johannes als Grundlage für seine Bilder.

Eindeutig ist diese gestalterische Eigenständigkeit bei Trogers "Letztem Abendmahl" für das Waldviertler Stift Zwettl. Hier berief sich der Künstler explizit auf die Schilderungen des Lieblingsjüngers und konzipierte damit eine neue Ikonographie.

Ambivalente Sicht auf Judas

Paul Troger, Judas, Detail aus: "Letztes Abendmahl" 1748/49 - Zwettl, Refektorium

Andreas Gamerith

Paul Troger, Judas, Detail aus: "Letztes Abendmahl" 1748/49 - Zwettl, Refektorium

Besonders fällt die Rolle auf, die Judas zugeteilt wird. Bei Johannes fordert Christus selbst Judas zum Verrat auf: "Was Du tun musst, das tu bald!" (Joh 13, 27) Während üblicherweise Judas am Tisch unter den Aposteln sitzend gezeigt wird, ist er bei Troger im Begriff, die Gesellschaft zu verlassen (vgl. Joh 13, 30).

Paul Troger, "Bund von Religion und Weisheit", 1738 - Altenburg, Kaiserstiege

Stift Altenburg/ schewig-fotodesign

Paul Troger, "Bund von Religion und Weisheit", 1738 - Altenburg, Kaiserstiege

Dramatisch wird das Weggehen in Szene gesetzt, indem Judas aus dem Bild heraus in den Betrachterraum zu treten scheint. Im Gegensatz zu Darstellungen des Verräters als verschlagenem Bösewicht ist Trogers Judas ein Verzweifelter, ein Getriebener.

Seine Handhaltung (mit aneinandergelegten Mittel- und Ringfinger) charakterisiert ihn - einer barocken Gesten-Rhetorik zufolge - nicht als Inbegriff des Bösen; Judas und sein Handeln bleiben vielmehr einer Einordnung in Gut und Böse entzogen. Diese ambivalente, fast positive Sicht auf den Verräter - die der Aufforderung bei Johannes implizit zugrunde liegt - war zu Trogers Zeit nicht konform mit den herrschenden Glaubenslehren.

"Der Bund von Religion und Weisheit"

In mehreren Bildern verarbeitete Paul Troger das Thema vom "Bund von Religion und Weisheit". Das barocke Verständnis von Religion unterscheidet sich von heutigen Definitionen des Begriffs; Religion bedeutete die Summe von der Erkenntnis Gottes, seiner Weisungen und deren Befolgung.

Zwei Fassungen des Themas schuf Troger in Freskenform: 1735 im Prälatensaal des Stiftes Seitenstetten, drei Jahre später wiederholte er es in der Altenburger Kaiserstiege. In beiden Bildern reichen sich Religion und Weisheit freundschaftlich die Hände - die allegorischen Gestalten treten als gleichberechtigte Partner auf.

Die Tugenden als Gefolge der Religion und die Wissenschaften als Begleiterinnen der Weisheit führen (so die Bildaussage) als ebenbürtige Alternativen zur Wahrheit, die im Bildzentrum eine strahlende Sonne hält.

Maria Theresia gefielen Schönbrunn-Gemälde nicht

Paul Troger, "Bund von Religion und Weisheit", 1744 - Wien, Schloß Schönbrunn

Friedrich Polleroß

Paul Troger, "Bund von Religion und Weisheit", 1744 Wien, Schloß Schönbrunn

In Freiräumen der Gestaltung griff Troger auf dieses Thema zurück, das spirituelle Überzeugung und wissenschaftliches Streben in unhierarchischer Verbindung zeigt. 1744 waren Wiens führende Maler angehalten, Bilder für die Ausstattung des Schlosses Schönbrunn zu liefern.

Daniel Gran schuf im Zuge dessen das Deckenbild der Schlosskapelle, die beiden der Akademie nahestehenden Künstler Paul Troger und Michael Angelo Unterberger verfertigten Ölgemälde, die über den Türen der Appartements eingesetzt werden sollten. Vorgaben für die Bilder erfolgten nicht, den Künstlern wurde freie Hand bei der Themenwahl eingeräumt.

In seinen Schönbrunner Gemälden übertrug Troger den "Bund von Religion und Weisheit" in ein Kinderformat, spielende Putten übernehmen die Rolle der Personifikationen. Als Gegenstück zu einer Darstellung, der den Wahlspruch Maria Theresias zeigt ("Iustitia et clementia" - "Mit Gerechtigkeit und Milde"), umarmen sich zwei Kinder, die Kreuz und Spiegel tragen: Vom Ausgleich zwischen Weisheit und Frömmigkeit sollte die Regentschaft Maria Theresias getragen werden.

Auf den Hof machten diese allegorischen Spielereien wenig Eindruck; die gelieferten Supraportenbilder wurden teilweise falsch montiert, teilweise landeten sie in den Depots des Schlosses. Maria Theresia fand an den Werken der einheimischen Künstler wenig Gefallen - im Folgejahr, 1745, versagte sie der Akademie ihre finanzielle Unterstützung (die Kaiserin sollte die Mietkosten übernehmen) und ließ die Institution kurzerhand auf vier Jahre schließen.

"Paul Troger Invenit et Pinxit"

Paul Troger, Signatur der Großen Kuppel, 1733 - Altenburg, Stiftskirche

Stift Altenburg/ schewig-fotodesign

Paul Troger, Signatur der Großen Kuppel, 1733 - Altenburg, Stiftskirche

"Paul Troger hat [dieses Bild] erfunden und gemalt" - mit einer solchen Formulierung signierte der Maler seine Fresken. Neben den Vorgaben, die er seitens der Auftraggeber erhielt, war der Künstler durchaus in der Lage, eigenständig Bildstoffe zu erarbeiten oder sie weiterzuentwickeln.

Darin zeigt sich eine Auseinandersetzung mit aktuellen Fragestellungen: eine erneuerte Spiritualität mit philosophischen Aspekten (in der Tradition des Evangelisten Johannes) und eine Neubewertung der Wissenschaften.

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