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Menschen vor TV-Bildschirmen

Literarische Sabotage visueller Medien

Franz Kafka, Robert Musil und Charles Baudelaire waren sehr unterschiedlich, hatten aber eines gemeinsam: Sie schrieben "literarische Miniaturen", in denen sie zwei Phänomene reflektierten. Auf der einen Seite die rasche Modernisierung der Städte, auf der anderen Seite die Art, wie Fotografie und Film die Wahrnehmung änderten.

Literaturwissenschaft 23.05.2012

Skepsis gegenüber den neuen visuellen Medien war dabei weit verbreitet, schreibt der Literaturwissenschaftler Andreas Huyssen in einem Gastbeitrag.

Über den Autor:

Porträtfoto des Literaturwissenschaftlers Andreas Huyssen

IFK

Andreas Huyssen ist Villard Professor of German and Comparative Literature an der Columbia University.
Publikationen (u. a.): Other Cities, Other Worlds: Urban Imaginaries in a Globalizing World, Durham 2008; Present Pasts: Urban Palimpsests and the Politics of Memory, Palo Alto 2003; Twilight Memories: Marking Time in a Culture of Amnesia, Abington 1995.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 23.5., 18 Uhr, hält Andreas Huyssen einen Vortrag mit dem Titel "Miniaturen der Metropole als Medium der Moderne ".

Ort: Österreichisches Staatsarchiv, Dachfoyer, Minoritenplatz 1, 1010 Wien

Links:

Stadtminiatur und Medien

Von Andreas Huyssen

Immer wieder werden heutzutage Literatur und das Buch schlechthin als obsolete Medien bemitleidet oder abgeschrieben. Kann Literatur in einer Zeit radikaler Innovation der digitalen Medien ihren Eigensinn bewahren?

Dies ist eine Frage, die sich nicht erst heute stellt. Schon im Zeitalter der mittlerweile klassischen Moderne im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geriet die Literatur massiv unter Druck von Seiten der Massenmedien, der Fotografie und des Stummfilms, etwas später des Radios.

Ältere literarische und künstlerische Formen gerieten in einen Umschmelzungsprozess, den wir rückblickend als großen Innovationsschub der Künste schlechthin bewundern. Dessen Ausstrahlungskraft ist weiterhin lebendig als Motor neuer künstlerischer Experimente und wissenschaftlichen Nachdenkens in unserer angeblich so post-igen Postmoderne. So lohnt es sich, die Literatur der klassischen Moderne nach ihrem Verhältnis zu damals neuen visuellen Medien näher zu befragen.

Intensivierte Stadtwahrnehmung

Mein Interesse richtet sich auf eine vernachlässigte Form moderner Stadtliteratur vor und nach 1900, die ich als affirmative Sabotage nicht-literarischer, visueller Medien lese. Es handelt sich um eine kleine Literatur gekennzeichnet durch Verknappung und Komprimierung raum-zeitlicher Koordinaten von Stadterfahrung.

Neue Schreibweisen wurden entwickelt, die einen neuartigen Zugang zur medial vermittelten städtischen Realität produzierten und dabei städtische Erfahrung, subjektive und objektive Wahrnehmungen in die Struktur von Sprache, Text und Medium selbst hineinnahmen. Von Baudelaires "Spleen de Paris" über Kafkas "Betrachtung", Benns "Rönne Novellen", Kracauers "Straßenfeuilletons" bis zu Musils "Nachlass zu Lebzeiten" und Benjamins "Einbahnstraße - Berliner Kindheit" um 1900 entwickelte sich die literarische Miniatur als Experimentierfeld von intensivierter Stadtwahrnehmung europäischer Metropolen: Paris, Wien, Berlin.

Meist zuerst in Feuilletons oder Zeitschriften einzeln oder gruppenweise veröffentlicht sind diese Texte geprägt durch ihre subversiven Beziehungen zu alten und neuen visuellen Medien wie barockem Emblem und flüchtigem Sketch, Fotografie und Stummfilm sowie leibhafter visueller, taktiler und auraler Erfahrung und Wahrnehmung ganz generell.

Schreiben von Bildern

Diese städtischen Miniaturen haben jene verdichtete Form von Kurzprosa gemein, die wir kennen als Denkbild, Raumbild, Wortbild oder Betrachtung. Das Schreiben der Bilder erweist sich als verbindendes Moment dieser so unterschiedlichen Texte. Der Rekurs der Autoren auf Schrift-Bilder ist leicht zu erklären.

Nicht nur an die zunehmende Bedeutung von Fotografie und Film ist hier zu denken. Die Straßen der Städte selbst waren voller Bildlichkeit: bebilderte Geschäftsschilder, elektrische Reklame, Theater und Kinos mit ihren Plakaten, Litfaßsäulen, der Sandwichman, die Schaufenster etc.

Diese Bildlichkeit der Metropolen, selbst meist mit Schrift verknüpft, reproduzierte sich in den massenhaft verbreiteten Druckmedien ebenso wie in Stummfilm, Fotografie und illustrierten Zeitungen. Die Flut visueller Eindrücke wurde zur Herausforderung literarischer Imagination, wie es mit anderen Akzenten erst wieder im Zeitalter der digitalen Medien und des Internet aktuell geworden ist.

Wandel der Wahrnehmung

Als paradigmatisches Medium der europäischen Moderne legen diese Texte Zeugnis ab von einer Phase rapider Stadt- und Medientransformation, politischer Krisen und demographischen Wachstums. Die Metropolen - und das ist entscheidend - waren damals noch Inseln der Modernisierung in einer vorwiegend provinziellen, bzw. agrarischen und dörflichen nationalen Umwelt.

Industrialisierung und Migration veränderten das Antlitz der Großstadt und städtischer Erfahrung grundlegender als je seither. Die Stadtminiatur des Feuilletons war aktiv an diesem Wandel der Wahrnehmung beteiligt.

Fotografische und filmische Bilder sind zweidimensional im Format und perspektivisch organisiert. Es war jedoch gerade kontrolliert perspektivisches Sehen, das durch die Erfahrung modernen Stadtlebens verstört und umcodiert wurde. Immer wieder handeln Texte von Hofmannsthal, Schnitzler, Kafka, Kracauer, Musil, Jünger und Benn von dieser Krise perspektivischen Sehens sowie vom Chaos städtischen Lärms, von bedrohlicher Verstörung der Wahrnehmung.

Metropole als Raum-Zeit-Dis-kontinuum

Diese als Bilder bezeichneten metropolitanen Miniaturen behandeln die Erfahrung eines verkörperten Sehens und Hörens literarisch so, dass Medien wie Film und Fotografie zwar reflektiert, aber gleichzeitig in ihrem mimetischen Ungenügen erkannt und sprachlich literarisch transzendiert werden.

Der Eigensinn der Literatur manifestierte sich in der Skepsis gegenüber der Reichweite der neuen visuellen Medien, die wir nicht nur aus Baudelaires Aversion gegen die bloß mimetische Dimension der Fotografie her kennen, sondern auch aus den paradigmatischen Medientexten der 20er Jahre von Kracauer und Moholy-Nagy zu Brecht und Benjamin.

Die städtische Miniatur ist so zentral für die Literatur der Moderne, weil sie anders und radikaler als der städtische Roman die Metropole als ein Raum-Zeit-Dis-kontinuum in der Form von Assemblage selber darstellt. Eine scheinbar organisierte und natürliche städtische Landschaft erweist sich in diesen Texten als schwer lesbares Palimpsest von Räumen und Zeiten, Erinnerungsbildern und künstlichen Paradiesen, Traumbildern, Montagen und imaginären Konstruktionen. Stadtraum und Stadtzeit werden in den multiplen Miniaturen weder als Totalität, noch auch als kohärentes Nacheinander begriffen, sondern - paradigmatisch seit Baudelaire - als eine Sammlung getrennter Stücke, die auch andere Verbindungen eingehen könnten.

Verdichtung von Zeit und Raum im Bild

Die literarische Miniatur, so meine Hypothese, trägt der Skepsis gegenüber den visuellen Medien Rechnung. Der Fokus auf Bildlichkeit bietet den Schriftstellern den Vorteil, die Ausdehnung von Zeit und Raum, die im realistischen Stadtroman weitläufig ausgebreitet wird, zu einem überdeterminierten synchronen Bild zu verdichten.

Insofern unterscheidet sich die Stadtminiatur deutlich von lockerer Beschreibung, dem Nacheinander des Erzählens und dem rein empirischen städtischen Sketch, wie wir ihn von anderen Formen der Stadtliteratur seit Mercier her kennen. Verdichtung von Zeit und Raum im Bild, Bild aber als Schrift: prägnant, überraschend, provokativ, plötzlich.

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