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Jesus am Kreuz

Katalysator des Guten und Schlechten

Forscher haben den sozialen Mehrwert des Glaubens zu bestimmen versucht - und kommen zu einem ambivalenten Ergebnis: Innerhalb von Glaubensgemeinschaften fördern Religionen die menschliche Zusammenhalt. Doch sie fördern auch Konflikte und Kriege.

Religion 18.05.2012

Der britische Biologe Richard Dawkins hat vor ein paar Jahren dem Darwinismus zwischenzeitlich den Rücken gekehrt und ein Buch über die Religion geschrieben. "Der Gotteswahn" heißt die 575 Seiten starke und mit 175 Fußnoten bewehrte Abrechnung mit den Glaubenssystemen dieser Welt. Das Resümee des Konvoluts in sechs Worten: "Religion ist irrational, fortschrittsfeindlich und zerstörerisch."

Was wenig überraschend war. Dawkins gehört nämlich zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die sich "The Brights" nennen. Naturalisten, Empiristen, Atheisten, jedenfalls solche, für die der Begriff "Gott" bedeutungslos ist - und der Glaube an einen solchen ein irrationales Relikt aus einer dunklen Zeit, als die wissenschaftliche Vernunft noch nicht unser Denken zu erhellen vermochte. Der US-Philosoph Daniel Dennet hat es einmal so ausgedrückt: "Ein Bright ist ein Mensch mit einem naturalistischen anstatt eines übernatürlichen Weltbildes. Wir Brights glauben nicht an Geister oder Elfen oder den Osterhasen - oder Gott."

"Logisch und empirisch unergründlich"

Ganz so streng sind die beiden Sozialpsychologen Scott Atran und Jeremy Ginges nicht. Die beiden haben sich im Fachblatt "Science" nun die bzw. der Gretchenfrage gestellt und kommen zu einem kritischen, gleichwohl nicht vernichtenden Resümee. Die beiden Forscher stammen aus der säkularen Zone der Gesellschaft (namentlich: University of Michigan; School of Social Research, NY) und haben dementsprechend einen eher distanzierten Blick auf religiöse Glaubenssätze und Rituale.

Erstere seien, obwohl "logisch und empirisch unergründlich", durchaus nicht sinnlos. Insofern nämlich, als sie die durch den Glauben vermittelten Normen auch dann zu festigen vermögen, wenn die äußeren Umstände kaum Raum für Transzendenz bieten. Mehr noch: Gerade dann, wenn das Leben beschwerlich oder gefährlich ist, scheint die Religion beliebter Zufluchtsort zu sein. Das zeigen auch interkulturelle Vergleiche: In Ländern mit besonders unsicheren Verhältnissen ist der Zuspruch zu einer der Weltreligionen größer als in den abgesicherten Regionen der Erde.

Nutzen des Irrationalen

Äußerlich und nach ökonomischen Gesichtspunkten scheinen religiöse Rituale ein kostspieliges Unterfangen ohne Aussicht auf eine wie immer geartete Rendite zu sein. Doch hinter dem "rituellen Bekenntnis zu absurden Glaubensinhalten" ist eine Funktion versteckt. Das Bekenntnis wirke, schreiben Atran und Ginges, wie ein galvaniserendes Element der Gruppensolidarität. Gerade dort, wo die aufgeklärte Kosten-Nutzen-Analyse regiert (derer sich die Religion definitionsgemäß entzieht), sei auch Betrug verbreitet. Religionen stiften so gesehen Sinn und Gemeinschaft nicht trotz, sondern weil sie irrationale Elemente beinhalten.

Und tatsächlich zeigen Studien, dass sich auch säkulare Organisationen und Bewegungen diesen Effekt zunutze machen. Sie verwenden Rituale, Zeremonien und Lieder, um das Bekennntnis ihrer Mitglieder zu stärken. Die Vernunft allein, so scheint es, reicht manchmal nicht aus, um die Bindung zu einer Idee dauerhaft zu gewährleisten. Schon Albert Einstein, der über Naturgesetze durchaus mit quasi-religiöser Ergriffenheit sprach, wusste: "Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind" - freilich ohne im traditionellen Sinn religiös zu sein.

Und wenn man den Tonfall, mit dem etwa Atheist Richard Dawkins über die Evolution schreibt, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, dann könnte einem der Gedanke kommen: Auch der Darwinismus muss mitunter, so diesseitig er in seinen Grundsätzen sein möge, als emotionales Substitut für die alte Genesis herhalten, die er selbst aus der Ideenlandschaft entfernt hat.

Kollateralschäden

Was innerhalb einer Gruppe gut sein mag, kehrt sich außerhalb derselben mitunter ins Gegenteil. Jeremy Ginges hat in einer Studie aus dem Jahr 2009 nachgewiesen, dass das religiöse Bekenntnis mit Gewalt zusammenhängt. Je häufiger Gläubige den Gottesdienst besuchen, desto eher sind sie gewillt, Attacken gegen Andersdenkende gutzuheißen.

Die Selbstmordattentate vom 11. September 2001 sind nur ein besonders drastisches Beispiel. Der Effekt wirkt laut Ginges quer durch politische und religiöse Systeme.

Dass Religion in ihrer Verteidigung nach außen sehr schnell zu einer Pervertierung ihrer selbst führt, zeigt ein skurriler Fall, der kürzlich in den Medien erwähnt wurde: Hauptdarsteller sind zwei rivalisierende Gruppen aus der Glaubensgemeinschaft der Amish im US-Bundesstaat Ohio. Die Amischen, wie sie auf Deutsch heißen, stammen historisch vom Protestantismus ab, praktizieren eine Bekenntnistaufe und zeichnen sich durch eine Ablehnung weltlicher Technologie aus - insbesondere jener, die seit der Abspaltung der Amischen von den Mennoniten im 17. Jahrhundert entwickelt wurde.

Das gilt allerdings in verschiedenen Konsequenzgraden. In manchen Gemeinschaften sind nicht einmal Knöpfe erlaubt, andere verwenden durchaus das Auto statt des ansonsten üblichen Pferdewagens.

Die beiden in den Medien erwähnten Amish-Gruppen aus Ohio hatten jedenfalls einen gröberen religiösen Konflikt, der vor Gericht endete. Mitglieder der einen Gemeinschaft sollen, so wird berichtet, jenen aus der anderen Haare und Bärte abgeschnitten haben. Ein Akt, der zweier kontextueller Hinweise bedarf.

Erstens: Besonders Bärte sind bei den Amischen Ausdruck von Würde und Frömmigkeit und dürfen nach der Hochzeit nicht mehr gekürzt werden. Zweitens: Kaum eine andere Religion beruft sich in ihren Grundsätzen so explizit auf Gewaltlosigkeit wie jene der Amischen. Der Widerspruch ist nicht besonders schwierig zu entdecken. Im Folgenden ein Interview mit Scott Atran, Anthropologe und Sozialpsychologe an der University of Michigan.

"Gott ist kein Regisseur"

science.ORF.at: Richard Dawkins hat einmal geschrieben: "Religion ist irrational, fortschrittsfeindlich und zerstörerisch." Wie Sehen Sie das?

Scott Atran: Religion ist irrational in dem Sinn, als ihr Glaubenskern Aussagen über Götter, die Welt und das Leben nach dem Tod macht, die weder logisch noch faktisch Sinn haben. Allerdings kann sie aus meiner Sicht sowohl fortschrittlich als auch fortschrittsfeindlich sein.

Nehmen Sie etwa die Heilige Inquisition oder irgendwelche andere Formen fundamentalistischer Bigotterie: Sie haben zweifelsohne zum Leid der Menschheit beigetragen. Aber die Religion war auch wichtig für die Entwicklung der Bürger- und Menschenrechte, die das Leben der Menschen verbessert haben. Marx sagte, Religion sei das Opium des Volkes, was sie zu gewissen Zeiten wohl auch war. Benjamin Franklin wollte, dass das Motto der US-amerikanischen Republik laute: "Der Widerstand gegen die Tyrannei ist der Gehorsam gegenüber Gott." Und auch dieser Satz traf zu manchen Zeiten wohl zu.

Ähnlich verhält es sich mit dem menschlichen Wissen. Zu manchen Zeiten hat die Religion es unterdrückt - wie bei Sokrates, Galileo oder Darwin. Zu anderen Zeiten war sie der menschlichen Schöpferkraft und Erkenntnis dienlich. Denken Sie etwa an die Kunst von Michelangelo und Da Vinci und die Idee der Menschlichkeit.

Sie argumentieren in Ihrer Arbeit, dass kostspielige Rituale die Kooperation zwischen Menschen fördern können. Gibt es ähnliches auch im Tierreich - oder ist das unserer Art vorbehalten?

Im Tierreich gibt es sehr wohl Rituale, die die Kooperation zwischen Individuen unterstützen. Beispielsweise das Teilen von Fressen, die Körperpflege, die Rollenaufteilung beim Jagen. Aber nur beim Menschen sind die Rituale völlig losgelöst von der genetischen Verwandtschaft. Und ohne diese Eigenschaft ist auch keine Kooperation auf großen Skalen möglich - Konflikt allerdings auch nicht.

Haben Sozialwissenschaftler schon einmal versucht, eine "Buchhaltung der Religion" zu erstellen? Eine Gegenüberstellung von sozialen Vor- und Nachteilen …

… nun, wir haben eine Reihe von Studien durchgeführt, um die sozialen Wirkungen zu erfassen. Religionen können Konflikte verstärken und verlängern, weil sie aus banalen und materiellen Streitigkeiten schnell etwas Existenzielles machen. Und es gibt natürlich auch Untersuchungen, die zeigen, wie Religionen die Zusammenarbeit zwischen Menschen fördern. Auch zwischen Angehörigen fremder Kulturen.

Eine historischen, interkulturellen Vergleich, wie Sie ihn vorschlagen, gibt es nicht. Nicht zuletzt deswegen, weil schwierig ist zu sagen, was unter "Religion" in unterschiedlichen Kulturkreisen und historischen Epochen zu verstehen ist.

Glauben Sie an Gott?

Ich glaube an kein intelligentes, immaterielles Gottwesen, das den Fortlauf der Welt oder das Leben der Menschen lenken kann - so, als würde ein Regisseur in ein Bühnenstück eingreifen. Götter sind Schöpfungen des menschlichen Verstandes. Als solche kann ich aber Götter ebensowenig bezweifeln wie die Existenz von Steinen, Sternen oder Sex.

Text & Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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