Standort: science.ORF.at / Meldung: "Warum Traumata manche Gehirne "verletzen""

Warum Traumata manche Gehirne "verletzen"

Nach einem schrecklichen Erlebnis entwickeln manche Menschen eine posttraumatische Belastungsstörung, andere aber nicht. Japanische Forscher haben nun im Gehirn Bereiche lokalisiert, deren Größe das Krankheitsrisiko bestimmen könnte.

Neurowissenschaften 22.05.2012

Sie griffen auf Gehirnscans zurück, die schon vor dem verheerenden Erdbeben und Tsunami im März 2011 gemacht worden waren, und verglichen sie mit Aufnahmen einige Monate danach.

Die Studie:

"Brain structural changes as vulnerability factors and acquired signs of post-earthquake stress" ist in "Molecular Psychiatry" erschienen (doi: 10.1038/mp.2012.51).

Vorher oder nachher?

Schon bisher wusste man, dass jene Bereiche im Gehirn bei einer posttraumatischen Belastungsstörung unterentwickelt sind, die für Gefühlssteuerung und Gedächtnis verantwortlich zeichnen. Was aber nicht klar war: Schrumpften die Areale aufgrund der Störung oder waren sie schon vorher kleiner?

Japanische Forscher um Atsushi Sekiguchi von der Tohoku Universität in Sendai hatten nun die Möglichkeit, genau diese Unklarheit zu beseitigen. Sie verfügten über hunderte Aufnahmen von Gehirnen Studierender, die im Rahmen einer Stressuntersuchung vor den katastrophalen Ereignissen 2011 gemacht wurden. Aus dem Pool der Versuchspersonen wurden für die neue Studie 42 Menschen ausgewählt, deren Gehirn noch einmal drei bis vier Monate nach Erdbeben und Tsunami durchleuchtet wurde. Sie bewerteten auch die Häufigkeit und Intensität der Symptome ihrer Belastungsstörung, die von Kopf- und Bauchschmerzen bis hin zu Angstzuständen reichen.

Risikofaktoren

Der Vergleich der Bilder zeigte, dass bei den Betroffenen schon vor dem traumatischen Erlebnis ein spezielles Areal, der Gyrus cinguli, kleiner war. Diese Region spielt laut Forschern eine zentrale Rolle bei der Kontrolle von Gefühlen. Eine geringere Größe könnte demnach ein Risikofaktor für eine Belastungsstörung sein, schreiben die Forscher um Atsushi Sekiguchi. Ein anderes Areal, der orbitofrontale Kortex, wurde vom Trauma selbst beeinflusst. Schrumpfte diese für die Eliminierung furchterregender Erinnerungen zuständige Region, wurden auch die Symptome der Belastungsstörung schlimmer.

Der Psychiater Roger Pitman von der Harvard Medical School in Boston hält die Erkenntnisse der japanischen Kollegen für "spannend", ihre Anwendung aber für "Zukunftsmusik": Eventuell könnte man einmal Berufsgruppen mit hohem Risiko für eine Belastungsstörung untersuchen, um gefährdete Personen vorbeugend zu behandeln. "Dort sind wir aber noch nicht", so Pitman gegenüber "Science Now".

science.ORF.at

Mehr zum Thema: