Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die Almanci und der Holocaust"

Eine Frau mit Kopftuch steht vor einer türkischen und einer deutschen Fahne

Die Almanci und der Holocaust

Während sich deutsche Jugendliche zumeist selbstverständlich mit dem Holocaust beschäftigen, sind gleichaltrige Deutschtürken eher desinteressiert. Rund die Hälfte von ihnen hält die intensive Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus sogar für eine Schwäche der deutschen Kultur, auch antisemitische Ansichten sind verbreitet.

Zeitgeschichte 25.05.2012

Die Gründe dafür sind vielfältig, sagt der Historiker Gilad Margalit von der Universität Haifa. Zum einen liegt das an persönlichen Kränkungen, die viele Türkeistämmigen von der deutschen Mehrheitsgesellschaft erlitten haben - antisemitische Äußerungen sollen sie provozieren -, zum anderen gibt es eine spezifisch türkische Kulturgeschichte des Antisemitismus, die auch bei den "Almanci" zum Ausdruck kommt.

Porträtfoto des Historikers Gilad Margalit

Universität Haifa

Der Historiker Gilad Margalit lehrt und forscht deutsche Geschichte an der Geschichtsabteilung der Universität Haifa und ist stellvertretender Direktor des Haifa Center for German and European Studies (HCGES). Donnerstagabend war er Gast einer Vorlesung in Wien, veranstaltet vom Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI).

Artikel:

"On Being Other in a post- Holocaust Germany: German-Turkish Intellectuals and the German Past" von Gilad Margalit ist im "Tel-Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte" erschienen.

Links:

"Von außen aufgezwungene Debatte"

Almanci: Das ist ein ursprünglich abwertend gemeinter, türkischer Begriff für Menschen, die aus der Türkei stammen und in Deutschland leben. Mittlerweile wird er von den Bezeichneten selbst verwendet. Über die Einstellungen der Almanci zur Geschichte des Nationalsozialismus und der Art, wie sie in ihrer neuen Heimat verarbeitet wird, ist wenig bekannt.

"Die Datenlage ist dürftig", betont Margalit. Er selbst hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Interviews gemacht mit unterschiedlichen Akteuren: angefangen von Intellektuellen bis zu Schulkindern, Islamisten und säkularen Deutschtürken. Die einzig quantitative Studie, die es bisher gibt, wurde vom Wochenmagazin "Die Zeit" durchgeführt und im Jänner 2010 veröffentlicht.

Das in diesem Zusammenhang interessanteste Ergebnis: Für mehr als 50 Prozent der deutschtürkischen Jugendlichen ist die intensive Beschäftigung der Deutschen mit dem Nationalsozialismus "eine Schwäche der deutschen Gesellschaft und von außen aufgezwungen".

"Lieber mit Israel beschäftigen"

"Da stellt sich natürlich die Frage, wer einem diese Beschäftigung aufzwingt. Das sogenannte 'internationalen Judentum' oder wer? Die Studie hat darauf leider keine eindeutige Antwort gegeben", bedauert Margalit. Klar ist hingegen der Unterschied zu den Ansichten von deutschen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Diese meinen laut ähnlichen Umfragen mehrheitlich, dass die Beschäftigung mit der Geschichte auch "eine Aufgabe der eigenen Generation" ist.

Weitere Ergebnisse der "Zeit"-Studie: 53 Prozent der Deutschtürken fanden, dass sich "die Deutschen weniger mit der Judenverfolgung, sondern mehr mit der aktuellen Politik Israels gegenüber den Palästinensern beschäftigen sollten". 60 Prozent hielten ihren Umgang mit der Zeitgeschichte für "abschreckend".

Das wirft die Frage auf, woher diese Einstellungen kommen, die man auf den ersten Blick als antisemitisch einordnen kann. Margalit ist vorsichtig und glaubt, dass es eine Reihe von Gründen gibt, die zu diesen Ergebnissen führen.

Provokation oder …

Die erste Antwort zielt auf die spezifische Situation der Almanci. Speziell Jugendliche würden sich deshalb antisemitisch äußern, weil sie die deutsche Mehrheitsgesellschaft provozieren wollen, von der sie selbst in erster Linie Diskriminierung und Ablehnung erfahren haben. Über den Umweg der Provokation durch gesellschaftlich geächtete Positionen würden sie ihre eigene Identität - im Gegensatz zu "den Deutschen" - betonen.

Die These, dass es sich dabei nur um antisemitische Fragmente, aber nicht um Antisemitismus per se handelt, wird von deutschen Pädagogen wie auch von französischen Sozialwissenschaftlern verwendet: In ihrem Fall nicht für Deutschtürken, sondern für französische Jugendliche, die ursprünglich aus den Maghreb-Ländern stammen. Und zwar selbst dann, wenn diese zu körperlicher Gewalt gegen jüdische Franzosen greifen.

…echter Antisemitismus?

Für Margalit geht das zu weit. "Gemäß dem amerikanischen Sprichwort 'If it walks like a duck and quacks like a duck, I call that bird a duck" ist das wohl doch Antisemitismus." Zwar sucht die jugendliche Trotzhaltung zweifellos nach Aussagen, die Deutsche provozieren sollen. "Aber diese stammen nicht nur aus den deutschen Verhältnissen, sondern sind auch stark durch die türkischen geprägt - die Deutschtürken konsumieren türkische Medien, besuchen Moscheen etc. Sie leben in beiden Kulturen gleichzeitig."

Und so stellt sich die nächste Frage, nämlich warum es ausgerechnet die Juden sind, über deren Ablehnung die jugendlichen Deutschtürken ihre eigene Identität stiften wollen. "'Du Jude!' ist heute im Berliner Stadtteil Kreuzberg das schlimmste Schimpfwort", sagt Margalit. "Warum nicht: 'Du Amerikaner!' oder "Du, Ami!'"?

Spezifisch türkischer Antisemitismus

Offensichtlich gibt es also auch einen spezifisch türkischen Anteil an den antisemitischen Äußerungen der Jugendlichen, und das ist Teil zwei der Antwort. "Der türkische Antisemitismus ist relativ neu und erst mit der Gründung der türkischen Republik entstanden", sagt Gilad Margalit. Seine Kommunikationsregeln sind andere als die, die in der politischen Kultur Deutschlands nach 1945 entstanden sind.

"In der Türkei gibt es keine Tabus, Hitlers 'Mein Kampf' war etwa vor einigen Jahren ein großer Verkaufserfolg, das Buch kann man über Amazon beziehen. Das Erziehungsministerium empfiehlt Jugendlichen heute die Lektüre von Büchern aus den 1930er Jahren, die eindeutig antisemitische Passagen enthalten, etwa Olivenberg von Falih Rifki Atay, einem Gefährten Atatürks. Darin wird u.a. berichtet von 'jüdischen Bankiers, die ihre Pessach-Matze mit dem Blut von Christen buken'".

Zwar stehe im Hintergrund vieler antisemitischer Aussagen in der Türkei der aktuelle Nahostkonflikt, aber die Wurzeln dafür liegen viel tiefer. Der deutsche Politiker der Grünen Cem Özdemir etwa hat festgestellt, dass "selbst wenn der israelisch-palästinensische Konflikt gelöst werden sollte, diese antisemitischen Positionen nicht total verschwinden werden."

Beispiel der Dönme

Ein Beispiel für einen spezifisch türkischen Beitrag zum Antisemitismus betrifft die sogenannten Dönme. Dabei handelt es sich um die Nachfahren Sabbatai Zwis, einem jüdischen Mystiker und selbsternannte Messias aus dem 17. Jahrhundert, der gegen Lebensende vom Sultan gezwungen wurde, zum Islam überzutreten. Diese Nachfahren, die sich nach Außen als Muslime gegeben haben, begründeten in Saloniki eine eigene Religion, die von den Juden nicht anerkannt und von den Moslems kritisch beäugt wurde. Nach dem Bevölkerungstausch von Griechen und Türken gelangten die Dönme in die Türkei, wo sie bis heute leben.

"Nach Gründung der türkischen Republik war die Stimmung im Land von Nationalismus geprägt", erzählt Margalit. "Wer nicht als Türke galt, wurde ausgegrenzt. Das betraf die Juden und die Christen, Türken sollten Muslime sein. Seit dieser Zeit wurden Juden nicht mehr als Lügner und Feiglinge wahrgenommen, wie es den üblichen Stereotypen entspricht, sondern als Verschwörer. Die Dönme galten als heimliche Juden, die sich gegen die türkische Republik verschwörten."

Heimliche Juden als Verschwörer

Atatürk stammte aus Saloniki, und so gab es Gerüchte, dass auch er ein Dömne ist und die türkische Republik gegründet hat, um die Größe des Sultanats zu zerstören. Was nach Vergangenheit klingt, ist erschreckend aktuell. "In Kreuzberg hat z.B. ein Kind auf eine Wand den Spruch 'Atatürk ist Dönme'geschmiert, ihn also als heimlichen Juden bezeichnet", erzählt Margalit.

Doch Juden sind auch willkommene Feindbilder für die Realpolitik. "Heute wird das gleiche 'Argument' auch von Kemalisten gegen den muslimischen Premier Erdogan verwendet. Man behauptet, dass er die Größe der türkischen säkularen Republik zerstört hat. Also zunächst soll es eine jüdische Verschwörung gegen das Sultanat gegeben haben und jetzt eine gegen den säkularen Staat. Die Verschwörungstheorie über die Juden bleibt die gleiche, sie wird nur von verschiedenen politischen Richtungen vorgetragen."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: