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Passant vor Wand mit Google-Logo

Die Ideologie des Algorithmus

Die Sozialwissenschaftlerin Astrid Mager hat untersucht, wie Google, Bing und andere Suchmaschinen entstehen. Im Mittelpunkt standen dabei nicht die Technologien, sondern die Werte, die hinter der Entwicklung stecken. Die "Ideologie des Suchalgorithmus" ist Ausdruck des gegenwärtigen Kapitalismus, sagt Mager.

Suchmaschinen 28.05.2012

Die Soziologin, die derzeit am Institut für Technikfolgenabschätzung in Wien arbeitet, hat während eines Studienaufenthalts in der schwedischen Stadt Umeå zwischen 2010 und 2011 eine Reihe von Interviews geführt: zum einen mit Programmierern, Softwareentwicklern und anderen Technikern von unterschiedlichen Suchmaschinen, zum anderen mit Politikern, Netzaktivisten und Suchmaschinenoptimierern.

science.ORF.at: Was ist dabei herausgekommen?

Porträtfoto der Soziologin Astrid Mager

Astrid Mager

Die Soziologin Astrid Mager arbeitet derzeit am Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am Projekt "Glocal Search", gefördert vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank.

Die Studie:

"Algorithmic Ideology. How capitalist society shapes search engines" von Astrid Mager ist in "Information, Communication & Society" erschienen.

Links:

Ö1-Sendungshinweis:

Über Google und andere Themen des digitalen Zeitalters informiert: Digital Leben, Mo. - Do., 16:55 Uhr.

Astrid Mager: Die Entwickler sprechen viel über die Verbesserung des Algorithmus und über Userdaten, die immer wichtiger für ihn werden. Die Suchmaschinen bilden aus Daten - etwa den Suchbegriffen und der Suchhistorie - einzelne Userprofile, aber auch Gruppenprofile, in denen Menschen mit ähnlichen Vorlieben zusammengefasst werden. Diese Daten personalisieren und lokalisieren die Suchergebnisse, insbesondere aber auch die Werbung, die zunehmend an die Interessen, Bedürfnisse und Wünsche von Usern angepasst wird.

Dies ist das zentrale Geschäftsmodell von kommerziellen Suchmaschinen wie Google. Die Leute sollen animiert werden, auf die gesponserten Links zu klicken, was sehr gut gelingt, wenn man den jährlichen Gewinn von Google ansieht. Nicht zuletzt, weil an die 50 Prozent der User nicht zwischen den normalen Ergebnissen der Suchmaschinen und den gesponserten Links unterscheiden - das nenne ich eine Kommerzialisierung von Information. Hier sieht man, wie sich die kapitalistische Ideologie in die Suchtechnologie einschreibt, und dabei gleichzeitig über vermeintlich neutrale Algorithmen in der Gesellschaft verfestigt wird.

Seit März verknüpft Google auch noch die Daten verschiedener Dienste wie Gmail, Google + und YouTube, das Google 2006 gekauft hat …

Dadurch bekommt man ein noch genaueres Bild von einer Person. Zwar gäbe es Techniken, das auch zu verhindern - man kann etwa Cookies löschen oder Programme wie "Track me not" installieren - das wissen aber die wenigsten User und das geht auch auf Kosten der Bedienungsfreundlichkeit. Der Medienwissenschaftler Theo Röhle hat das Motto der Suchmaschinen als "Strafen und Belohnen" bezeichnet. Wenn man eigene Daten hergibt, bekommt man bequemere Services und "genauere Informationen" zurück. Wenn man das nicht tut und etwa Cookies permanent löscht, bekommt man allgemeinere, eventuell sogar schlechtere Informationen.

Daher finde ich es interessanter, Suchmaschinen zu untersuchen als soziale Netzwerke. Bei Facebook und Co. muss man sich anmelden, einen bewussten Akt setzen um beizutreten, auch wenn dabei niemand die Hunderten Seiten der Nutzungsbedingungen durchliest. Bei Google fehlt dieses Bewusstsein komplett, weil man sich nicht anzumelden braucht. Man denkt, man bekommt Informationen, aber in Wirklichkeit fließt auch eine große Menge an Daten zu Google zurück, was man zumeist aus Bequemlichkeit in Kauf nimmt.

Die Vormachtstellung von Google ist nicht vom Himmel gefallen, am Anfang wurde das Internet von öffentlichen Institutionen beherrscht, wie den US-Universitäten. Wie ist es zu dieser Entwicklung der Suchmaschinen gekommen?

In den Anfängen des Netzes hat es Directories gegeben, Inhaltsverzeichnisse zu Themenbereichen. Das Internet ist aber schnell zu groß dafür geworden, und so hat sich die Idee der Portale durchgesetzt. Dabei wurde versucht, möglichst viele User auf die eigene Seite zu bringen. Yahoo war damals sehr erfolgreich, auf der Seite gab es ein Directory und bereits eine Suchbox.

Diese Idee hat sich noch an den alten Medien orientiert: User auf das Portal bringen und dort Werbung zu schalten. Die Geschäftsmodelle haben sich jedoch mit der Technologie weiter entwickelt. Viele sind gescheitert, weil sie das Netz nicht begriffen haben. Google hingegen hat verstanden, dass das Internet eine vernetzte Technologie und der Traffic daher das Entscheidende ist. Während die Portale mit Werbung überladen waren, haben die User die weiße, saubere Seite von Google geschätzt.

Das Geschäftsmodell der gesponserten Links wurde erfunden, auch Google AdSense, wo man Google Anzeigen auf anderen Seiten schalten kann, automatisch angepasst an den Inhalt der Website. So kann Google mittels Google-Anzeigen das Netz infiltrieren und aus den vernetzten Datenströmen Profit generieren.

Inwiefern ist schon der sagenumwobene Google-Suchalgorithmus ideologisch, wie Sie es formulieren?

Der PageRank-Algorithmus wurde von Google 1997 entwickelt und wird heute etwa auch von Yahoo verwendet. Das Modell geht auf die Soziometrie zurück, versucht also Wissen zu messen. Auch der Science Citation Index funktioniert so: Referenzen oder Zitationen sind der Maßstab für die Relevanz eines Textes oder einer Webseite. Google nutzt die Anzahl der Links, die auf eine Seite verweisen, um deren Bedeutung zu erfassen.

Das erzeugt den bekannten Schneeballeffekt: Wer schon mehr Links hat, erzeugt immer mehr; wer von Anfang an marginalisiert ist, bekommt immer weniger Links. D.h. es bildet sich ein bias, kleinere Seiten können in dem Wettbewerb nicht mithalten. Sergey Brin und Larry Page, die Google-Gründer, haben das als mathematisches Modell präsentiert, das ganz objektiv, rein auf Basis der Intelligenz des Netzes beurteilt, wie Suchergebnisse gereiht werden. Wenn man den grundlegenden bias mitbedenkt, ist das fraglich.

In meinen Interviews hat sich auch gezeigt, dass die Entwickler und die Optimierer von Suchmaschinen ihr Verhältnis als Kampf sehen. Die letzteren wenden Tricks wie Linkfarmen an, um ihre Webseiten nach oben zu pushen. Darauf reagieren die Entwickler und verändern den Algorithmus. Insgesamt ist das eine Praxis, die sehr stark von Marketingstrategien getrieben wird.

Eine naive Frage: Warum gibt es keine vergleichbare öffentliche, nicht kommerzielle Suchmaschine?

Leider hat die neoliberale Politik dazu beigetragen, dass man viele Bereiche an den Markt ausgeliefert hat, die Internetsuche ist ein Teil davon. Google war ein winziges Unternehmen und ist heute zu einem mächtigen Akteur der Gesellschaft geworden, der stark steuert, welche Informationen gefunden werden. Es ist damit zwar kein klassischer Gatekeeper, über seine Algorithmen aber ein Meinungsmacher. Die Frage ist: Gibt es dazu eine ernsthafte Alternative?

Eine staatliche Suchmaschine wird man nicht wollen. So etwas gibt es in autoritär regierten Ländern wie China, in denen die Zensur herrscht. Dass die Politik bestimmt, welche Daten gefunden werden, ist nicht wünschenswert. Wer könnte in den westlichen Ländern dann solch ein Akteur einer öffentlichen Suchmaschine sein? Das ist schwierig zu beantworten. Eine Antwort könnte sein, mehr Geld in Forschung zu investieren. Dabei muss man sich aber bewusst sein, dass man heute kaum mehr über Nacht in einer Garage eine Suchmaschine bauen kann. Es dauert sehr lange, den dafür notwendigen Index des Internets aufzubauen, die Weiterentwicklung ist unglaublich teuer.

Der Nationalstaat ist in dem Zusammenhang ein interessanter Akteur. Einerseits hat man die Suchmaschinen dem Markt ausgeliefert, andererseits ist man auch auf nationalstaatlicher Ebene stark an Datensammlung interessiert, siehe Vorratsdatenspeicherung. Insofern überlappen die Interessen von kommerziellen Suchmaschinen und Nationalstaaten deutlich. Es ist ja auch angenehm für den Staat, wenn es Unternehmen gibt, die Daten über die Weltgesellschaft erheben und im Bedarfsfall auch für Zwecke der Strafverfolgung herausgeben.

Stichwort Datenschutz: Was kann die Politik hier tun?

In Europa bereut man heute, sich nicht früher und stärker eingebracht zu haben. Hier gibt es zwar strengere Datenschutzregulierungen als in den USA, im Spannungsverhältnis zwischen globaler Informationsökonomie und lokalen politischen Rahmenbedingungen nützt das aber nicht viel. Die Frage ist, wie man dem Herr werden kann: nationalstaatlich oder auf europäischer Ebene? Am sinnvollsten wären wohl globale Regulierungen, wie es das "Internet Governance Forum" anstrebt.

Die Politik hinkt oft hinterher, weil die technische Expertise fehlt. Notwendig wären daher hybride politische Plattformen, in denen auch Netzaktivisten, Techniker etc. Mitglieder wären. Bis die Politik gerafft hat, was es zu regulieren gibt, hat sich die Technologie schon wieder weiterentwickelt. In Deutschland gibt es die "Enquetekommission Internet und digitale Gesellschaft" im Bundestag, in der sowohl politische Parteien als auch z.B. der Chaos Computer Club vertreten sind.

Gibt es in Österreich etwas Vergleichbares?

In Deutschland tut sich wie so oft mehr als in Österreich, etwa was Netzpolitik-Blogs betrifft. Es gibt aber auch Gegentendenzen, wenn wir etwa an Max Schrems denken, dessen Aktion Europe vs. Facebook europaweit verfolgt wird. Er interessiert sich für die entscheidenden Fragen nach dem Verhältnis von europäischem Datenschutzrecht und Facebook. Das soziale Netzwerk hat seinen europäischen Standort in Irland. Bei Google ist das anders, aber die Fragen sind die gleichen.

Europa ist sehr wichtig für Google, es hat hier mehr Marktanteil als in den USA. Die Benutzer haben dadurch eine echte Machtposition. Wir benutzen Google tagtäglich, wenn wir diese Blackbox hin und wieder kritisch hinterfragen, kann das dazu führen, sie ein Stück weit zu öffnen und ihre Informationsbiases und Kommerzialisierungstendenzen herauszufordern.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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