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Cover des Buchs "Handbuch der vormilitärischen Erziehung" von Burger-Groll

"Überhitlern" scheiterte auch an den Unis

Der autoritäre Ständestaat unter Dollfuß und Schuschnigg hat in vielen Belangen versucht, den deutschen Faschismus zu imitieren oder gar zu übertrumpfen. Eine wenig bekannte Episode dieses Versuchs betrifft Hochschullager. Sie wurden ab 1936 verpflichtend für alle Studenten eingeführt und sollten vormilitärisch und staatsbürgerlich erziehen.

Austrofaschismus 04.06.2012

Der Erfolg war mäßig, das "Überhitlern" auch bei der studentischen Jugend eher ein Misserfolg, sagt die Politikwissenschaftlerin Tamara Ehs.

Nur zwei Sommer lang

Porträtfoto der Zeithistorikerin Tamara Ehs

IFK - Tamara Ehs

Tamara Ehs ist Lehrbeauftragte am Institut für Politikwissenschaft und Post-doc am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Universität Wien und derzeit Research-Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 4.6. hält Tamara Ehs einen Vortrag mit dem Titel " Neue Österreicher. Im Lager des Hochschulerziehungsgesetzes".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Studenten wird im Schloss Rotholz die Konstruktion eines Gewehrs demonstriert

Tamara Ehs

Studenten wird im Schloss Rotholz die Konstruktion eines Gewehrs demonstriert

"Ein lustiger Reiterwettkampf im Schwimmbad"

Tamara Ehs

"Ein lustiger Reiterwettkampf im Schwimmbad"

Studenten eines Hochschullagers beim Musizieren

Tamara Ehs

Studenten eines Hochschullagers beim Musizieren

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 4.6., 13:55 Uhr.

Die Idee von sommerlichen Hochschullagern hatten nicht erst die Austrofaschisten. Erstmals veranstaltet wurde eines 1928 vom Amt für Leibesübungen, das im Austrofaschismus Teil der deutschnational ausgerichteten Österreichischen Hochschülerschaft war, in Lüchentin (heute Łukęcin) an der polnischen Ostsee. "Neu bei den Austrofaschisten war, dass die Lager nun besser organisiert und verpflichtend wurden", erklärt Tamara Ehs gegenüber science.ORF.at.

Im Sommer 1936 erfolgte der Probelauf: Zwischen 800 und 1.000 Studenten besuchten die beiden Lager im Schloss Rotholz nahe Jenbach in Tirol und im Stift Ossiach in Kärnten. Im Premierenjahr waren die Teilnehmer noch aufgrund freiwilliger Meldungen zugeteilt, weil nicht für alle Verpflichteten - männliche Studenten bis 30 - genügend Plätze zur Verfügung standen.

Sie mussten sich über ihre Universitäten anmelden, die Rektorate übermittelten ihre Daten an die beiden zuständigen Ministerien, das Unterrichts- und das Landesverteidigungsministerium. Wer politisch als fragwürdig eingestuft wurde - etwa als bekennender Nationalsozialist -, wurde nicht akzeptiert. Ebenso wenig, wer einen medizinischen Tauglichkeitstest nicht bestand.

Unis für staatsbürgerliche Erziehung zuständig

Die Hochschullager wurden mit dem neuen Hochschulerziehungsgesetz von 1935 als Teil einer umfassenden Reform eingeführt. Die Universitäten sollten nicht mehr nur zuständig sein für Forschung und Lehre, sondern auch für die "staatsbürgerliche Erziehung".

Deshalb wurden "weltanschauliche Vorlesungen" abgehalten, an denen man genauso teilnehmen musste wie an vormilitärischen Übungen - an der Universität Wien etwa in der hauseigenen Schießstätte im Keller. Hatten die Studenten zu schießen, so mussten sich die Studentinnen in Sachen Organisation von Aufmärschen und Spielen mit Kleinkindern fortbilden. Nur wer all diese - geschlechterstereotypen - Pflichtübungen absolviert hat, wurde zu den Abschlussprüfungen der jeweiligen Studienrichtung zugelassen.

Tagwache um sechs Uhr

Sinn und Zweck der Hochschullager waren zweierlei. "Sie sollten den verweichlichten Studenten und Stadtmenschen, wie es hieß, einerseits zeigen, wie schön unser Österreich ist, mit all seinen Flüssen, Bergen und Almen. Den Studenten wurde deshalb österreichisches Brauchtum mit traditionellen Liedern und Tänzen beigebracht. Andererseits sollten sie durch straffe Disziplin ein Gemeinschaftsgefühl lernen", so die Politikwissenschaftlerin.

Der Tagesablauf war dementsprechend: sechs Uhr Tagwache, dann Frühsport, Schwimmen, erst danach Frühstück, Flaggenhissen, Leibes- und Schießübungen, Mittagessen, politische Vorträge von "Bildungsführern", Leibesübungen, Geländespiele, Nachtmahl, 22 Uhr Zapfenstreich, sonntags selbstverständlich Gottesdienst. Die Teilnehmer trugen Einheitskleidung (grüne Windjacke, schildlose Kappe, kurze grüne Leinenhose, weiße Strümpfe, Gürtel).

Widersprüchliches Österreichertum

Die vormilitärische Disziplinierung der Körper und die Indoktrination durch "Bildungsführer" - in Tirol war das etwa der Privatdozent Simon Moser von der Universität Innsbruck, der später die Internationalen Hochschulwochen von Alpbach mitbegründete - sollten die Ideologie des Ständestaats befördern. Im Mittelpunkt stand dabei die Vorstellung eines Österreichertums, die nicht ohne Widersprüche war.

"Österreich wurde verstanden als Kulturstaat, als deutscher Staat, der vielleicht besser und deutscher war als der deutsche Staat selbst und sich im Gegensatz zum Nationalsozialismus Hitlers sah. Zugleich aber war es auch ein katholischer, gegenreformatorischer und übernationaler Staat, der sich in der Tradition Habsburgs sah, der die alte Reichsidee verwirklicht und eine Brücke zwischen Ost und West in Europa schlägt", fasst Ehs zusammen.

Diese Definition Österreichs geriet zur Quadratur des Kreises. Der Versuch, den Nationalsozialismus zu "überhitlern", wie es Odo Neustädter-Stürmer, der Chefideologe der Heimwehr, ausdrückte, ging dementsprechend schief. "Österreich stand in eigentümlicher Konkurrenz zu Deutschland. Einerseits galt es, das spezifisch Österreichische zu betonen, um die Eigenstaatlichkeit zu argumentieren, andererseits wurde das Deutsche des Österreichischen hervorgestrichen, das eben deutsch und nicht slawisch, Herren- und nicht Untermensch sei", so Ehs. "Das ist schwer zu kommunizieren."

"Heim ins Reich" erfolgreicher

Entsprechend wenig Anklang fand der ideologische Spagat auch bei den Hochschullagern. "Die Lagerführer berichteten von der 'inneren Opposition des Großteils der Studierenden, die durch die NS-Propaganda vollkommen infiltriert sind und mit der Sendung Österreichs gar nichts im Sinn haben'", zitiert die Politikwissenschaftlerin. Die "Heim-ins-Reich-Parole" der deutschen Faschisten war auch unter der zukünftigen Elite des Landes "erfolgreicher als diese mittelalterliche Reichsideologie".

Wenn die Lagerverantwortlichen nicht mehr weiterwussten, schrieben sie Briefe ans Ministerium in Wien. Als Hilfsangebot wurden weitere Bildungsbeauftragte geschickt, "die sich dann aber mehr auf die Freizeitgestaltung verlegt haben, wie Volkslieder und Volkstänze."

Der Versuch, Ideologie zu vermitteln, war also das eine. Aus Sicht der Studenten überwog aber eher das andere. Etwas, was man heute Fun-Faktor nennen würde. "Die Idee war: Wir machen uns einen schönen Sommer am See, nicht jeder hatte dazu ansonsten die Gelegenheit. Es gibt jede Menge Bilder von den Lagern, die diesen Eindruck vermitteln: junge fröhliche Menschen, die miteinander musizieren, Sport treiben, wandern", sagt Tamara Ehs.

Zwei Faschismen, eine Methode

"Auch bei den vormilitärischen Übungen ging es eher um Disziplinierung als um echte Vorbereitung auf den Krieg. Sie wurden z.B. nur bei Schönwetter durchgeführt. Niemand musste lernen, wie man sich im Gatsch wälzt oder wie man eine Waffe vor Regen schützt. Bei Schlechtwetter hat man drinnen gesungen oder 'Mensch ärgere dich nicht' gespielt. Die Lager waren zwar straff und diszipliniert, aber keine Kriegsvorbereitung."

1937 wurden die Hochschullager ein zweites Mal durchgeführt, neben Rotholz und Ossiach gab es nun mit Kreuzberg am Weißensee in Kärnten einen dritten Standort. Eine dritte Auflage und die geplante Normalität - Ziel war es, dass pro Jahr 2.000 bis 5.000 Studenten ein derartiges Lager absolvieren - traten nicht mehr ein. Im März 1938 kam es zum "Anschluss", der deutsche Faschismus triumphierte über den österreichischen.

Wie in vielen anderen gesellschaftlichen Belangen war der Versuch der "Überhitlerung" auch an den Hochschulen gescheitert. Nicht zuletzt weil der Unterschied zwischen den beiden Systemen so groß nicht war. "Gemeinsam ist den beiden faschistischen Erziehungsstilen, dass sie versucht haben, Menschen in einem Lager an einen exklusiven Ort zu bringen, an dem sie über einige Wochen indoktriniert werden. Und das mit den gleichen Mitteln, mit Vorträgen, aber vor allem mit gemeinsamen Erlebnissen wie Singen, Spielen oder Wandern. Da waren sich beide sehr ähnlich."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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