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Außenansicht des Wüstenschlosses Quasr Amra in Jordanien

Freizügigkeit im frühen Islam

Wandmalereien in Jordanien werfen ein neues Licht auf die Moralvorstellungen der islamischen Kalifen im frühen Mittelalter. Die omajadischen Herrscher über den Orient im achten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung waren im Privaten möglicherweise sehr viel freizügiger als bisher angenommen.

Archäologie 04.06.2012

Bei Arbeiten am Wüstenschloss Quasr Amra - Teil des Unesco-Weltkulturerbes - haben Restauratoren und Archäologen nach eigener Einschätzung erstmals Beweise dafür gefunden, dass Kalif Walid II. erotische Darstellungen nackter Damen wohl selbst in Auftrag gegeben hat. Auch bukolische Jagdszenen und Hinweise auf den Genuss alkoholischer Getränke finden sich an den Wänden von Quasr Amra wieder.

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Wandmalereien im Wüstenschloss Quasr Amra in Jordanien

dpa/Ivonne Marschall

Wandmalereien im Wüstenschloss Quasr Amra in Jordanien

Ein Kalif als Playboy?

Bekannt sind die für die arabische Welt höchst ungewöhnlichen Wandgemälde schon lange. Seit 1985 ist das Lustschloss in der Nähe der Oasenstadt Asrak auch offiziell Teil des Weltkulturerbes. Doch bisher war umstritten, wer die Malereien denn in Auftrag gegeben haben soll: Ein strenggläubiger muslimischer Kalif wohl kaum, so hieß es lange in Jordanien. Eher hatte man die Byzantiner oder die Römer in Verdacht, ihre laxen Moralvorstellungen in die Wüste getragen zu haben.

Andere Forscher hatten seit einiger Zeit einen prominenten Omajaden in Verdacht: Kalif Walid II., der sich schon als Prinz hin und wieder aus der Omajaden-Hauptstadt Damaskus schlich, um Ärger zu vermeiden. Religiöse Würdenträger, aber auch Konkurrenten in der eigenen Familie hielten ihn für einen leichtlebigen Playboy.

Niemand hatte bisher bezweifelt, dass Walid sich gerne in Quasr Amra - zu Deutsch "Kleiner Palast von Amra" - aufhielt. Doch bisher fehlte der Beweis, dass er das Schlösschen auch erbauen ließ und damit für die Wandmalereien verantwortlich ist.

"Oh Gott, mache Walid ibn Jasid tugendhaft"

Seit fast einem Jahr arbeitet eine internationale Expertengruppe unter italienischer Leitung und mit Unterstützung der jordanischen Denkmalschutzbehörde daran, die Wände von Ruß und Schmierereien aus vielen Jahrhunderten zu befreien.

Und kürzlich entdeckten sie ein ganz besonderes Graffito, eines aus dem achten Jahrhundert: "Oh Gott, mache Walid ibn Jasid tugendhaft." Für den ehemaligen jordanischen Denkmalschutz-Direktor Ghasi Bischeh ist damit klar: "Zum ersten Mal können wir eindeutig sagen, dass dieser Palast von Walid in Auftrag gegeben wurde und dass dies in der Tat Kunst aus der omajadischen Ära ist."

Allerdings gehen die Forscher davon aus, dass das Schloss schon in der Regierungszeit des Vorgängers Kalif Hischam erbaut wurde, der nach christlicher Zeitrechnung von 723 bis 743 in Damaskus regierte. Denn sonst hätte der Schriftzug wohl auch Walids Kalifentitel enthalten.

Wettlauf gegen die Zeit

Doch die Restauratoren von Quasr Amra haben derzeit noch ganz andere Sorgen: Ihnen bleibt nicht viel Zeit, eines der letzten Beispiele säkulärer omajadischer Kunst zu bewahren. Über die Jahrhunderte haben Regengüsse, Sandstürme und die Lagerfeuer der Beduinen den Wandmalereien schwer zugesetzt.

Ein erstes Restauratorenteam in den 1970er Jahren hat zudem mit Chemikalien gearbeitet, die inzwischen mehr schaden als nützen: Die Bilder sind vergilbt und drohen von der Wand zu bröckeln. Bis November hat das aktuelle Team noch Zeit für die Rettungsarbeiten.

Ein Fazit kann der Chef des Restauratoren-Teams, Gaetano Palumbo, schon jetzt ziehen: "Diese Malereien sind der Beweis dafür, dass - wie unterschiedlich die Kulturen auch gewesen sein mögen - die Vorstellungen von Schönheit und Entspannung die gleichen waren."

Taylor Luck, dpa

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