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Der Blick in fremde Fenster

Zahlreiche Romane und Erzählungen verwenden das Motiv des Fensters. Fenster sind aber nicht nur ein gestalterisches Detail. Sie spiegeln literarische Strukturen wider und geben Aufschluss über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, sagt die die Literaturwissenschaftlerin Gianna Zocco.

ÖAW Young Science 08.06.2012

In einem Gastbeitrag gewährt sie Einblicke in ihre Forschungsarbeit zur Rolle des Fensters in der Literatur.

Das literarische Motiv des Fensters als Öffnung ins Innere

Von Gianna Zocco

Porträt Gianna Zocco

privat

Zur Person:

Gianna Zocco, Jahrgang 1986, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie an den Universitäten Wien und Bonn. Seit 2011 ist sie DOC-Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien, wo sie auch als Lehrbeauftragte tätig ist. Daneben ist sie Rezensentin für das Buchmagazin des Literaturhauses Wien.

"Es gibt nichts tieferes, geheimnisvolleres, reicheres, verhüllteres, leuchtenderes als ein kerzenerhelltes Fenster. Nie fesselt, was man im Sonnenlicht betrachtet, so sehr wie das, was hinter einer Scheibe geschieht."

Diese Worte aus Heimito von Doderers kurzem Roman Die erleuchteten Fenster beschreiben eine alltägliche Erfahrung: Fenster faszinieren. Täglich erleben wir, wie Schaufenster unseren Blick anziehen und neue Wünsche in uns wecken. Wir beobachten verstohlen unsere Nachbarn und imaginieren aus dem Wenigen, das hinter den Vorhängen zu sehen ist, ganze Lebensgeschichten.

Einerseits schauen wir am liebsten hin, wenn das zu Sehende nicht für unsere Augen bestimmt ist, andererseits sind wir sorgfältig darauf bedacht, unsere eigene Sichtbarkeit zu kontrollieren. Warum ist das so? Welche Erfahrungen, Bewusstseinsvorgänge und Motivationen sind mit dem Blick in fremde Fenster verbunden?

Perspektive und Rahmung

Die Literatur, schon von Aristoteles als eine Form der Nachahmung menschlicher Handlungen beschrieben, ist eine wichtige Quelle zur Beantwortung dieser Fragen. Im Mittelpunkt meiner Dissertation stehen gegenwärtige Erzählungen und Romane, in denen Blicke ins Fenster stattfinden.

Aber Literatur erzählt nicht nur von Fensterblicken, sie ahmt diese auch nach. Literarische Texte teilen mit dem Fenster zwei zentrale Strukturelemente: Perspektive und Rahmung. Beide ermöglichen uns Einblicke in fremde Welten. Beide beschränken aber auch die uns zugänglichen Informationen auf einen bestimmten Blickwinkel. Und in beiden Fällen folgt eine ähnliche Reaktion: Wir füllen die entstandenen Leerstellen durch Fantasie und Interpretation.

Begegnungen mit dem eigenen Unbekannten

ÖAW Young Science:

Der Text ist Teil des Projektes Young Science, im Zuge dessen Gastbeiträge von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erscheinen. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen Ö1/science.ORF.at und der Akademie der Wissenschaften.

Ein interessantes Beispiel für die literarische Inszenierung des Blicks in fremde Fenster ist Patricia Highsmiths Roman The Cry of the Owl. Highsmith erzählt von Robert, der nach einer Lebenskrise den Blick in das Fenster eines jungen, scheinbar lebensfrohen Mädchens als beruhigend erlebt. Robert erfährt die machtvolle Komponente des asymmetrischen Fensterblicks: Solange er das Mädchen nicht kennt, kann er mit seinem Blick über sie verfügen, ihr Emotionen und Charaktereigenschaften zuschreiben, die seinen eigenen Bedürfnissen entsprechen.

Als es dann zur wirklichen Begegnung kommt, klaffen Zuschreibung und Wirklichkeit weit auseinander - und wir als Leser/innen erkennen zentrale Merkmale vieler Fenster-Einblicke: Die einblickenden Protagonisten handeln oft nur in geringem Maß aus Interesse an der Figur hinter dem Fenster. Vielmehr sind sie daran interessiert, in den beobachteten Personen eine Leerstelle, eine Projektionsfläche zu finden, einen Umweg zur Annäherung an eigene Wünsche und Erfahrungen, die ihnen auf direktem Weg nicht zugänglich sind.

In Gerhard Roths Der große Horizont verdichtet sich diese Struktur: Die Wahrnehmung der Außenwelt wird zur Verräumlichung des Inneren: "Es ist, als ob alles bloß da wäre, um Erinnerungen in mir wachzurufen." Der Protagonist des Romans irrt unsicher und ängstlich durch die fremden Straßen amerikanischer Großstädte. Er vermutet selbst bei harmlosen Beobachtungen, wie der eines bügelnden Schneiders hinter einem Schaufenster, die Existenz einer ihm unzugänglichen Bedeutung. Die Dinge existieren hier nicht unabhängig von ihrem Beobachter, sie sind in unkontrollierbarer Weise direkt mit seinem Unbewussten verbunden.

Sehende Subjekte und stumme Objekte

In diesem Sinn enthalten die literarischen Fenster-Einblicke Aussagen darüber, wie wir als einzelne Subjekte mit der Welt, mit der Vielzahl von Objekten, in Beziehung treten. Über die sinnliche Wahrnehmung eignen wir uns ein Objekt an und schreiben es damit gewissermaßen fest: Ich sehe etwas, wie ich es sehe und ignoriere die Einseitigkeit und Unzuverlässigkeit dieser einzelnen Perspektive.

„The less you see happening on the outside, the more certain you are that strange things are going on inside.“
„Je weniger du von außen siehst, desto mehr vermutest du, dass sich drinnen seltsame Dinge ereignen.“
Michael Frayn: Spies (dt.: Das Spionagespiel),

Daher ist der kurze, unmittelbare Akt des Sehens untrennbar verbunden mit dem Akt des Urteilens auf Basis unzureichender Informationen: "The less you see happening on the outside, the more certain you are that strange things are going on inside", heißt es in Michael Frayns Roman Spies. Andererseits sind wir uns auch dessen bewusst, dass wir jederzeit selbst die Rolle wechseln und zu angesehenen, beurteilten Objekten werden können.

Leseempfehlungen:

Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster oder Die Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal (1950). Frankfurt am Main: Fischer 1966.

Michael Frayn: Spies. London: Faber and Faber 2002. (Deutsche Fassung: Das Spionagespiel. München: Hanser 2004)

Patricia Highsmith: The Cry of the Owl (1962). London: Vintage 1999. (Deutsche Fassung: Der Schrei der Eule. Zürich: Diogenes 2003)

Gerhard Roth: Der große Horizont (1974). Frankfurt am Main: Fischer 1995.

Literaturhinweise:

Heinz Brüggemann: Das andere Fenster: Einblicke in Häuser und Menschen. Zur Literaturgeschichte einer urbanen Wahrnehmungsform. Frankfurt am Main: Fischer 1989.

Rolf Selbmann: Eine Kulturgeschichte des Fensters. Von der Antike bis zur Moderne. Berlin: Reimer 2010.

Jean Starobinski: Windows. From Rousseau to Baudelaire. In: The Hudson Review, (40/4, 1988), S. 551-560.

Durch Emotionen wie Scham oder Angst betonen manche Texte die Brüchigkeit der in den Fenster-Einblicken enthaltenen Macht- und Blickkonstellationen. Bei Patricia Highsmith wird der Rollenwechsel vom Subjekt zum Objekt durch den Bezug auf ein schemahaftes Fremdbild antizipiert: Der Protagonist Robert stellt sich vor, wie die anderen ihn als "prowler", als Herumtreiber, als Spanner, verurteilen und nimmt damit den Blick der Anderen in seinen Gedanken schon vorweg.

Individuum und Gesellschaft

Ein anderes Verhalten findet sich in Doderers Die erleuchteten Fenster. Der Protagonist, ein pensionierter Amtsrat der k. u. k. Monarchie, steigert die Asymmetrie der Sichtverhältnisse noch weiter, indem er sich eines Fernrohrs zur Verbesserung des Blicks bedient. Das technische Gerät ermöglicht es ihm, seine eigene Tätigkeit zu überhöhen: Statt als Voyeur sieht er sich als gelehrter "Astronomus aus alter Zeit" mit dem hohen Ziel der Erforschung der "terrestrischen Astronomie".

Am Ende ist es aber gerade der Blick einer anderen Person, die dem Amtsrat die "Menschwerdung" ermöglicht, wie es im Untertitel des Romans ironisch heißt. Wir sehen: Die Erfahrung des Angeschaut-Werdens hat nicht nur eine objektivierende, festschreibende Komponente, sie stillt auch das menschliche Bedürfnis nach Beachtung und stärkt somit unsere Identität.

Die untersuchten Romane und Erzählungen thematisieren durch das Motiv des Fensters zentrale Fragen nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, nach der Veränderung des Sehens im Kontext gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen und nach der Relation zwischen Privatsphäre und Überwachung.

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