Standort: science.ORF.at / Meldung: "Pfiffige Quantenphysik auf der documenta"

Porträtfoto von Anton Zeilinger

Pfiffige Quantenphysik auf der documenta

Kein Künstler, sondern ein Wissenschaftler ist Österreichs Beitrag zur documenta (13). Bei der Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Kassel wird der Quantenphysiker Anton Zeilinger fünf Experimente präsentieren, die allen wissenschaftlichen Kriterien standhalten und dazu auch noch pfiffig sein sollen.

documenta 13 06.06.2012

"Das Rätsel der Kunst besteht darin, dass wir nicht wissen, was sie ist, bis sie nicht mehr das ist, was sie war", schreibt die künstlerische Leiterin, Carolyn Christov-Bakargiev, in ihrem heute publizierten Einführungsessay.

Diesen weit gefassten Kunstbegriff illustriert die Teilnehmerliste, die von längst verstorbenen Geistlichen wie Korbinian Aigner, Choreographen wie Jerome Bel, Erfindern wie Konrad Zuse, Forschern wie Anton Zeilinger und natürlich Künstlern von William Kentridge über Allora & Calzadilla bis zu Kader Attia, Judith Hopf, Roman Ondak oder Omer Fast reicht.

"Wüsste nicht, was Thema ist"

Dass er der einzige documenta-Teilnehmer aus Österreich ist, verschafft Anton Zeilinger ein wenig Amüsement. "Vielleicht passt niemand ins Thema", sagte der Wiener Experimentalphysiker und Quantenforscher. "Nicht, dass ich wüsste, was das Thema eigentlich ist."

Die documenta 13, die ab dem 9. Juni für 100 Tage in Kassel zu sehen ist, hat sich gedankliche Vielfalt auf die Fahnen geschrieben. Einen ganzen Raum im Hauptgebäude Fridericianum widmet sie physikalischen Experimenten aus Wien. Zeilinger und seine Leute zeigen fünf echte, angreifbare Laborexperimente, die Grundprinzipien der Quantenphysik verdeutlichen.

Keine Kunst, sondern pfiffige Wissenschaft

Fünf Prinzipien der Quantenphysik:

Mit fünf Experimenten wollen Anton Zeilinger und seine Studierenden bei der documenta 13 fünf Prinzipien der Quantentheorie verdeutlichen:

  1. Licht in einem Glas-Faser-Interferometer: Das Wellenbild und Kontinuum
  2. Licht an einem Strahlteiler: Das Teilchenbild und Quantenzufall
  3. Das Doppelspalt-Experiment: Wahrscheinlichkeitswelle und Teilchendetektion
  4. Licht strahlt durch einen Polarisator: Die Messung verändert den Zustand
  5. Verschränkte Photonen

Das Gerücht, er werde Teleportation nach Kassel bringen, zerstreut Zeilinger allerdings sofort. "Das wäre ein finanzieller Aufwand von einer halben Million Euro" - und wäre technisch unmöglich. Doch auch die fünf tatsächlichen "Exponate" waren eine Herausforderung: "Das wird sogar ein Wissenschaftler pfiffig finden", glaubt der Professor an der Universität Wien und Direktor des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), "weil es nicht leicht ist, das vom Labor ins Tageslicht zu bringen."

Vor allem aber würde ein vorbeistreunender Forscher nichts auszusetzen finden, was die wissenschaftliche Güte betrifft: "Wir zeigen keine Kunstwerke", betont der documenta-Teilnehmer, "das ist eine wissenschaftliche Präsentation, die allen Kriterien der Forschung standhält."

Interferenz, Zufälligkeit, Nichtlokalität

Was man dann in einer Kunstschau verloren hat? "Das ist deren Konzept." Die, das sind die Kuratorinnen der documenta rund um die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev. Hartnäckig seien die gewesen. Hätten sich nicht abwimmeln lassen und seien sogar an den Traunsee gereist, um mit Zeilinger einen ganzen Tag lang "glasklar über verschiedene philosophische Fragestellungen zu diskutieren". Danach war er überzeugt, ließ sich in den wissenschaftlichen Beraterstab holen und sich letztlich sogar zu einer eigenen Präsentation hinreißen.

Die wichtigsten Prinzipien der Quantentheorie sollen die Besucher nachvollziehen können: Interferenz, fundamentale Zufälligkeit, Nichtlokalität.

"Wir stellen die unabhängige Wirklichkeit infrage, aber das hat nichts mit Esoterik zu tun, sondern das sind ganz klare wissenschaftliche Aussagen - wenn wir das rüberbringen können, dann wäre schon viel erzielt." Um die Experimente wirklich zu verstehen, müssten sich die Besucher allerdings Zeit nehmen. Mit Ausnahme von zwei Sommerwochen sind während der ganzen Ausstellungsdauer zwei Zeilinger-Studenten vor Ort und stehen für Fragen zur Verfügung, einige der Experimente kann man auch angreifen und verändern.

Später Besuchslabor an der Uni Wien

Finanziert wurde der Beitrag in Kooperation mit der ÖAW, dem Forschungsförderungsfonds FWF und der Uni Wien - im Anschluss an die Präsentation in Kassel sollen die fünf Experimente die "Keimzelle eines Besuchslabors" an der Uni werden. Wo dieser Ausstellungsraum letztlich eingerichtet wird, steht noch nicht fest. Zunächst werden die Exponate in ein Physikgebäude in der Sensengasse in Wien-Alsergrund transferiert.

Ob die Wissenschaft nicht auch ein Großereignis bräuchte, wie es die Kunst mit der documenta hat? Er mag keine "Eventkultur", sagt Zeilinger, und gibt dann zu: "Eine Veranstaltung mit einem Gesamtkonzept, wo nicht einfach jeder mitmachen darf, sondern ausgesucht wird, das gibt es in der Wissenschaft tatsächlich nicht. Das hätte seine Berechtigung."

Schließlich werde von der Forschung immer gefordert, mehr an die Öffentlichkeit zu gehen. "Und kaum macht es einer, kommt der Neid", lacht er. In diesem Fall nicht nur der Neid der Wissenschaftskollegen - sondern wohl auch der der Künstler.

Der Unterschied von Wissenschaft und Kunst

Die Parallelen zwischen Kunst und Wissenschaft werden Zeilingers Arbeiten ebenso illustrieren, wie die Unterschiede. "Die Offenheit für das Neue wird in beiden Fällen belohnt, auch manche Fragstellungen sind ähnlich - wobei ich das Gefühl habe, dass die Fragestellungen der Physik radikaler sind."

Der entscheidende Unterschied: "Wissenschaft muss mit der Realität zu tun haben." Sonst wird sie nicht nur uninteressant, wie das bei abgehobenen Kunstwerken der Fall wäre - "es wird dann einfach falsch".

science.ORF.at/APA

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