Standort: science.ORF.at / Meldung: "Crowdsourcing verändert die Psychologie"

US-Studenten bei ihrer Abschlussfeier

Crowdsourcing verändert die Psychologie

Die meisten Teilnehmer an psychologischen Studien sind amerikanische Studenten. Ihre Chance, bei einer solchen Studie mitzumachen, ist 4.000-mal höher als die eines durchschnittlichen Erdbewohners. Und dennoch wird von ihrem Verhalten auf "die menschliche Psyche" rückgeschlossen.

Wissenschaftsforschung 08.06.2012

Eine weniger einseitige - aber durchaus auch umstrittene - Alternative lautet: Crowdsourcing, die Rekrutierung von Probanden weltweit über das Internet.

Studienteilnehmer sind "weird"

An der Zusammensetzung jener Menschengruppen, die das empirische Material für psychologische Studien aller Art liefern, stieß sich bereits vor zwei Jahren der Psychologe Joseph Henrich von der University of British Columbia. Er nannte ihre Teilnehmer salopp "weird", was zum einen "seltsam" bedeutet, zum anderen aber auch ein Akronym ist für "western, educated, industrialised, rich and democratic".

Die Wissenschaft sollte sich eigentlich fernhalten von dieser zwar leicht erreichbaren, aber sehr homogenen Personengruppe, argumentierte er in einem "Nature"-Kommentar. Die allermeisten Menschen seien in diesem Sinne nicht "weird" und würden durch die Studienresultate über "das menschliche Verhalten" nicht repräsentiert.

Alternative Crowdsourcing

Der Artikel:

"The roar of the crowd" ist im "New Economist" erschienen.

Eine Möglichkeit, auch Menschen abseits amerikanischer Universitäten und Colleges für Experimente zu gewinnen, besteht im sogenannten Crowdsourcing, wie nun ein Artikel im "New Economist" berichtet. Crowdsourcing ist die Strategie, die Internetgemeinde für die Erledigung einfacher Aufgaben zu nutzen. Die bekannteste Einrichtung nennt sich "Mechanical Turk" und ist ein Projekt des Onlinehändlers Amazon. Dabei werden den Besuchern der Website vom Computer einfachste Aufgaben - wie z.B. Kurztexte übersetzen - gestellt, die diese für eine geringe Entlohnung lösen.

Eine halbe Million "Turker" gibt es mittlerweile, die auch für die Wissenschaft von Nutzen sein können. Ihre sozioökonomische Zusammensetzung ist zumindest ein wenig ausgewogener als die der üblichen Psychologieprobanden: Zwar stammen 40 Prozent aus den USA, aber immerhin ein Drittel aus Indien, der Rest verteilt sich auf Bewohner aus rund 100 Ländern. Sie sind also in jedem Fall deutlich weniger westlich und vermutlich auch weniger ausgebildet und reich, wenn man bedenkt, dass ihr durchschnittlicher Stundenverdienst bei etwas über einem Euro liegt.

Beispiel: Moralisches Dilemma

Der Psychologe David Rand von der Harvard University war einer der ersten, der untersucht hat, ob sich das Verhalten der "Turker" tatsächlich von jenem der US-Studenten unterscheidet. Dazu ließ er sie eine bekannte Studie aus der psychologischen Literatur wiederholen.

Das Trolley-Problem stellt die Teilnehmer vor ein moralisches Dilemma: Sie müssen entscheiden, ob sie den Tod einer Person in Kauf nehmen, um das Leben von mehreren anderen zu retten.

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, und Rand möchte noch nicht über Details sprechen, so der "New Economist". Er verrät aber schon jetzt, dass nur die Atheisten unter den "Turkern" ähnlich auf das moralische Dilemma reagieren wie die US-Studenten. Menschen mit religiösem Glauben hingegen hätten "dramatisch anders" reagiert, und diese sind unter den "Turkern" wesentlich zahlreicher als unter Studierenden.

Ausgewogenere Studiengruppen

Die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Atheisten ist nicht die einzige, die für die Zusammenstellung einer Probandengruppe bedeutsam ist, meint Rand. Er arbeitet gerade an einer Studie, die den Unterschied im Kooperationsverhalten von Westeuropäern und US-Amerikanern im Vergleich zu Menschen anderer Regionen untersucht.

Um ausgewogenere Resultate zu bekommen und somit wissenschaftlich wertvollere Aussagen treffen zu können über "das menschliche Verhalten" oder "die menschliche Psyche" seien jedenfalls ausgewogenere Studiengruppen notwendig als bisher. Das Internet bietet dafür zumindest die Möglichkeiten.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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