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Die Büste des Komponisten Richard Wagner in der Nähe der Festspielhalle in Bayreuth.

"Anti-jüdische Denkfiguren in Wagners Werk"

Eine strikte Trennung zwischen Richard Wagners künstlerischen Werken und seinen antisemitischen Ansichten ist nach Experteneinschätzung problematisch. Zum Werk Wagners gehöre schließlich nicht nur seine Musik, sondern auch sein schriftstellerisches Schaffen.

Musik 12.06.2012

Das sagte der Bayreuther Professor für Musikwissenschaft, Thomas Betzwieser, der Nachrichtenagentur dpa.

"Das heißt: die Schriften sind substanzieller Teil dieses Werkes, und zu diesem zählt nun auch 'Das Judenthum in der Musik'." Zudem habe die Forschung in den vergangenen beiden Jahrzehnten in verschiedener Weise gezeigt, "dass anti-jüdische Denkfiguren auch das musikalische Oeuvre Wagners infiltrierten".

In seiner Schrift "Das Judenthum in der Musik" sprach Wagner den Juden die Fähigkeit zu künstlerischer Originalität in der Musik ab. Konkret richteten sich seine Ressentiments gegen die jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) und Giacomo Meyerbeer (1791-1864).

"Unrühmliche Rolle im Antisemitismus"

Man dürfe Wagners antisemitische Äußerungen keinesfalls marginalisieren oder einen isolierten historischen Platz zuweisen, betonte Betzwieser. "Unzweifelhaft hat das 19. Jahrhundert für antisemitische Ideologeme eine Art Verstärkerfunktion gehabt, und Wagners 'Das Judenthum in der Musik' spielte darin eine besonders unrühmliche Rolle."

Es gebe also keinen Grund, das Werk zu unterschätzen. Von der zweiten Fassung aus dem Jahr 1869, die als selbstständiges Buch veröffentlicht worden war, sei eine deutlich größere Wirkung ausgegangen als von der ersten Version, die 1850 in einer Musikzeitschrift erschienen war.

Weiter sagte Betzwieser: "Es ist vor allem die bekannte Denkfigur der 'jüdischen Verschwörung', die sich bei Wagner in seinen Schriften manifestiert und der er sich fortwährend ausgesetzt glaubte." Die Tatsache, dass dieses anti-jüdische Denkmuster geradezu paranoide Formen angenommen habe, habe zu einer Verschärfung seiner Haltung beigetragen.

"Krude Erlösungsidee"

"Vor der Folie einer kruden Erlösungsidee postulierte Wagner letztlich das Verschwinden der Juden im Kultur- und Geistesleben, was aber - hier ist sich die Forschung weitgehend einig - nicht mit der physischen Auslöschung gleichgesetzt werden kann."

Der Wagner-Boykott in Israel begann nicht etwa erst nach dem Holocaust, sondern bereits 1938 als Reaktion auf die Reichspogromnacht und die repräsentative Stellung Wagners im Kulturleben des NS-Regimes. Das Bild des Komponisten in Israel nach 1945 sei sicher auch davon geprägt worden, dass Wagner Hitlers Lieblingskomponist war, sagte der Wissenschafter weiter. "Sehr viel bedeutsamer ist aber, dass viele Holocaust-Überlebende Wagners Musik als eine schreckliche 'Begleitmusik' des NS-Regimes und damit auch des Holocausts empfanden und empfinden. Diese Gefühle gilt es in erster Linie zu respektieren."

science.ORF.at/dpa

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