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Porträtfoto der Physikerin Silke Bühler-Paschen

Physikerin, Model, Turnerin

Silke Bühler-Paschen ist in eine Männerdomäne eingedrungen: Seit 2007 steht sie dem Institut für Festkörperphysik der Technischen Universität Wien vor. Auch ihr Leben zuvor verlief unkonventionell: Aufgewachsen in Brasilien, Deutschland, Holland und Österreich, jobbte sie jahrelang nebenbei als Model, in der Kindheit war sie erfolgreiche Kunstturnerin.

Olympische Spiele 4 07.08.2012

Einige Eigenschaften aus ihrer Zeit als Sportlerin kann sie auch heute noch gebrauchen: "Power", Durchsetzungsvermögen, aber auch die die Bereitschaft, sich über die Erfolge von Kollegen zu freuen. Und die ist in der Community gar nicht so weit verbreitet, wie sie gegenüber science.ORF.at im Rahmen der Serie "Ex-Sportler in der Wissenschaft" erzählt.

science.ORF.at: Welche Leidenschaft war zuerst da, Turnen oder Physik?

Silke Bühler-Paschen: Natürlich Turnen. Ich habe mit acht Jahren damit begonnen, was für diesen Sport relativ spät ist und dann bis zum 18. Lebensjahr geturnt. Die Leidenschaft zur Physik hat sich erst mit ca. 13 Jahren entwickelt.

Porträtfoto der Physikerin Silke Bühler-Paschen

TU Wien

Silke Bühler-Paschen studierte Physik an der TU Graz, dissertierte an der ETH Lausanne, war Postdoc in Zürich und in Dresden, hatte eine Gastprofessur an der Universität Nagoya, ist seit 2005 Professorin am Institut für Festkörperphysik an der Technischen Universität Wien und seit 2007 dessen Vorstand.

Links:

Serie in Ö1 und science.ORF.at:

Während der Olympischen Spiele stellen wir eine Reihe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen vor, die früher im Spitzensport erfolgreich waren: zu hören in Wissen aktuell, zu lesen in science.ORF.at.

Die weiteren Teile der Serie:

Was waren Ihre größten sportlichen Erfolge?

In Deutschland war ich mit 14 Jahren Teil der rheinischen Mannschaft, die den Deutschlandpokal gewonnen hat. Als wir dann nach Brasilien umgezogen sind, wurde ich Dritte bei den brasilianischen Schülermeisterschaften.

Hatten Sie ein Lieblingsgerät?

Eigentlich den Boden, am besten war ich aber am Balken, da hat meine Größe nicht so gestört. Am Barren musste man die Matte wegziehen, damit ich unten mit meinen Beinen nicht anstoße (lacht).

Wie wichtig war das Turnen für Sie?

Extrem wichtig, es hat meine gesamte Kindheit dominiert. Wir haben sechs Tage in der Woche jeden Tag drei Stunden trainiert, in Brasilien sogar fünf Stunden. Neben Schule und Training war nicht mehr viel anderes möglich, es gab keine Kindergeburtstage oder ähnliches, das war komplett tabu. Als ich 18 war, sind meine Eltern aus Brasilien wieder nach Österreich umgezogen. Da wurden andere Dinge wichtig, und ich habe nicht mehr geturnt.

Haben Sie es nicht vermisst?

Schon, alleine die Bewegungsintensität hat mir am Anfang sehr gefehlt. Aber ich habe dann anderen Sport betrieben, auf Hobbyniveau viel getanzt, Triathlon angefangen. Aber mit 18 war es ok. Heute gehe ich aus Zeitmangel nur noch hin und wieder joggen, mountainbiken oder schwimmen.

Kein Turnen mehr?

Nicht wirklich. Eine Tochter von mir turnt im Leistungszentrum Schönbrunn, um Weihnachten gibt es immer ein Eltern-Mitturn-Event, da mache ich gerne mit, aber sonst nicht.

Mit 18 hatte dann die Physik Priorität?

Vorher kam aber noch das Modeln. Mit rund 14 Jahren wurde ich in Brasilien über das Turnen als Fotomodell entdeckt. Zuerst habe ich eine Turnserie für die brasilianische "Vogue" gemacht, war dann bei verschiedenen Agenturen, zum Teil auch im Ausland. Die Modelkarriere hat einen kurzen Moment mit der Physikkarriere konkurriert. Zwischen Matura und Studium war ich als Model in Tokyo relativ erfolgreich. Ich habe kurz gezögert, sofort mit dem Studium anzufangen, aber mein Vater hat mir dann schnell klargemacht, was wichtiger ist (lacht). Nebenbei habe ich dann noch einige Jahre weitergemodelt.

Haben Sie andere Models kennengelernt, die sich auch für Physik interessiert haben?

Nein. Das Image, dass Models dumm sind, ist aber mit Sicherheit falsch. Ich habe viele kennengelernt, die z.B. mehrere Sprachen gesprochen oder sich gut im Finanzmarkt ausgekannt haben. Einige Models haben so gut verdient, dass sie ihr Geld gut anlegen wollten.

Warum hat sich dann die Physik in Ihrem Leben durchgesetzt?

Mein Wunsch Physik zu studieren hat sich in der Maturaklasse verfestigt, die Affinität dazu aber schon mit etwa 13 Jahren entwickelt, dank eines guten Physiklehrers, der das Interesse in mir geweckt hat. Ich dachte, ich verstehe das gut, vielleicht sogar besser als andere.

Gibt es in Ihrer Forschungstätigkeit heute noch Überbleibsel aus Ihrer Zeit als Sportlerin?

Es gibt einige Qualitäten, die man bei beidem braucht. Die Power etwa, von der viele Kollegen sagen, dass ich sie habe. Auch Durchhaltevermögen gehört dazu; sich nicht entmutigen lassen, wenn man mal einen Misserfolg hat. Wenn man vom Balken fällt, steigt man wieder auf, und lässt sich nichts anmerken. Wenn analog ein Forschungsprojekt nicht bewilligt wird oder jemand auf einer Konferenz eine gemeine Frage stellt, das steckt man sofort weg. Das muss man, um in diesem Umfeld zurechtzukommen. Auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten lernt man beim Turnen. Man kann ja dann irgendwann irgendetwas, auch wenn man nicht die Beste ist. Und es gehört auch dazu, dass man die Leistung der anderen anerkennt, was auch in der Wissenschaft wichtig ist. Viele meiner Kollegen tun sich schwer damit zu sagen: "Dieser ist gut, und jener hat etwas Tolles gemacht." Sie sehen sich eher als Konkurrenten und suchen nach irgendwelchen seltsamen Erklärungen für den Erfolg der anderen. Ich finde es besser, wenn man sich auch über die Erfolge der anderen freuen kann.

Turnen ist ein Sport, in dem die Geschlechter getrennt sind, Sie haben immer mit anderen Mädchen trainiert, die Physik ist hingegen männlich dominiert. Konnten Sie da irgendwas aus der einen Situation in die andere hinübernehmen?

Nicht wirklich. Wichtig ist das professionelle Herangehen an eine Situation, das Hinnehmen der Fakten. Hier trainiert man in der Mädchengruppe, dort arbeitet man in der Männerwelt, aber das sollte eigentlich kein Thema sein. Natürlich bin ich mit der Genderfrage stark konfrontiert, bin auch immer wieder role model und stehe für Interviews und andere Aktionen zur Verfügung.

In der Wissenschaft ist klar, dass Männer und Frauen das gleiche leisten müssen und es sicher auch können. Trotzdem gibt es etwa in der Physik viel weniger Frauen. Dabei wird oft mit Männerseilschaften argumentiert, die wichtig für eine Karriere sind. Ich glaube aber, dass das Hauptproblem ein anderes ist. Eine erfolgreiche Karriere in der Wissenschaft bedeutet heute einen gewaltigen Zeiteinsatz. Einer meiner männlichen Kollegen sagte mir kürzlich, dass er für die Forschung selbst nur am Wochenende und am späten Abend zu Hause Zeit hat, da die reguläre Arbeitszeit völlig von Lehre und Aministration aufgebraucht wird. Das ist mit einem halbwegs normalem Familienleben oder Kinderbetreuungsaufgaben nicht vereinbar. Ich selbst habe drei Kinder und bewege mich immer am Rand des Möglichen.

Ein weiterer Aspekt ist das Durchsetzungsvermögen, das manchen Frauen fehlt. Statt "Jetzt komme ich, ich will das haben und schaffe das" sagen sie "Vielleicht sind die Kollegen einfach besser und bekommen deshalb das Projekt oder die Stelle".

Sie besitzen aber dieses Durchsetzungsvermögen?

Ich denke schon, und das könnte mit dem Sport zu tun haben. Andererseits ist es nicht so, dass man jedes Kind in den Leistungssport stecken kann und es macht dann auch etwas draus. Es kann auch sein, dass die, die Leistungssport betreiben haben und mit den Anforderungen zurechtkommen, dieses Durchsetzungsvermögen in sich tragen und deshalb auch für die Forschung gerüstet sind.

Dagegen spricht, dass es nicht sehr viele ehemalige Sportler in der Wissenschaft gibt.

Das stimmt, aber natürlich ist das statistisch nicht signifikant. Ich kenne wenige Frauen, die Professorinnen in der Physik sind, und wenn die auch noch Turnerinnen wäre, dann wäre das schon ein großer Zufall. Andererseits sind viele der wenigen Frauen, die sich in der Wissenschaft durchgesetzt haben, sehr sportlich.

Zu Ihrer Forschung: Sie betreiben einen ziemlich großen und kalten Eisschrank an der TU Wien …

Unser Kernentmagnetisierungskryostat ist ein Gerät, mit dem man Materialien bis zu sehr tiefen Temperaturen abkühlen kann. Wir machen das, um magnetische Phasenübergänge nahe am absoluten Temperaturnullpunkt zu untersuchen; das ist das Gebiet der Quantenphasenübergänge, das wir anhand verschiedener intermetallischer Verbindungen studieren. State of the Art sind einige Zehn Millikelvin, das haben viele Gruppen weltweit, aber im Mikrokelvinbereich gibt es eigentlich niemand, der diese Art von Physik systematisch untersucht. Wir sind verdammt nahe am absoluten Nullpunkt von minus 273,15 Grad Celsius.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Wir versuchen gerade, die tatsächlich für unsere Experimente nutzbare Temperaturskala weiter nach unten auszudehnen, damit wir die sogenannten Skalenverhalten, die man bei solchen Quantenphasenübergängen erwartet, mit größerer Genauigkeit überprüfen kann. Dann kann man entscheiden, welche Theorie stimmt. Uns interessieren nämlich genau die Phasenübergänge, die nicht in ein Standardszenario passen. Wenn also etwas passiert, was man bisher nicht vorhersagen konnte. Man kann z.B. beobachten, dass ein Verbundteilchen aus einem normalen Elektron und einer Spinanregung, an einem solchen Phasenübergang zerstört wird. Davon hat man bisher nur eine theoretische Ahnung, aber noch keine exakte Beschreibung.

Sie haben heuer im renommierten Journal "Nature Materials" publiziert …

Dabei haben wir den sogenannten Kondo-Effekt untersucht, genauer gesagt die Zerstörung des Kondo-Effekts an einem quantenkritischen Punkt in einer intermetallischen Verbindung aus Cer, Palladium und Silicium. Am quantenkritischen Punkt hat sich dieses kubische, dreidimensionale Material, dieser Einkristall, ähnlich verhalten wie niedrigdimensionale Systeme, und das war theoretisch völlig unerwartet. Man hatte bisher gedacht, dass die magnetischen Fluktuationen stark genug sind, um die Kompositeilchen im Kondo-Zustand nur in zwei Dimensionen aufzubrechen. Wir haben aber gezeigt, dass das auch in einem rein dreidimensionalen, kubischen Material passieren kann.

Welche Anwendungsmöglichkeiten stecken in Ihrer Forschung?

Ein wichtiger Aspekt ist die unkonventionelle Supraleitung. Supraleitung bedeutet grundsätzlich die Leitung von Energie ohne Verlust. In einfachen Metallen ist das zwar nichts Besonderes bei sehr tiefen Temperaturen. Bei manchen Materialien tritt Supraleitung aber schon bei höheren Temperaturen auf, und es besteht Hoffnung, dass man Kupfer einmal ersetzen könnte durch ein Material, das ohne Widerstand leitet. Von den Materialien, mit denen wir arbeiten - sie werden auch Schwere Fermionen-Systeme genannt - weiß man, dass an einem quantenkritischen Punkt oft Supraleitung auftritt. Das gleiche könnte auch bei den technologisch relevanteren Hochtemperatursupraleitern der Fall sein.

Wo liegt derzeit der Temperaturrekord dieser Supraleiter?

Bei 135 Kelvin, das sind minus 138 Grad Celsius.

Das ist nicht besonders viel …

Das ist gemein (lacht), stimmt aber. Im Physikerlabor oder in Krankenhäusern kommen diese Supraleiter bereits zur Anwendung, da wird mit Helium oder Stickstoff gekühlt. Für einen größeren Markt wären natürlich höhere Temperaturen nötig. Deshalb forscht man auch weiter an der Supraleitung, der von uns untersuchte Aspekt der Dimensionalität könnte dabei wichtig sein. Es gibt andere Materialien, maßgeschneiderte Heterostrukturen, bei denen man Dünnschichten übereinander aufbringt und an ihren Grenzschichten Supraleitung beobachten kann. Vor einiger Zeit hätte man das nicht erwartet.

In Ihrer Forschung ist das Zusammenspiel von Theorie und Praxis äußerst wichtig. Im Turnen geht es in erster Linie um Praxis, das Training. Wie wichtig war da die Theorie?

Die Theorie im Turnen ist die richtige Technik. Wenn man nicht die richtige Technik hat, kann man üben, so viel man will. Man muss sich vorstellen, wie die Übungen richtig funktionieren, und das dann umsetzen in den eigenen Körper.

In der Physik gibt es die Empirie, die eine Theorie über den Haufen werfen kann. Gibt es etwas Vergleichbares auch beim Turnen?

Hinter dem ganzen Spitzensport steckt natürlich die Sportmedizin, welche Trainingsmethode am besten ist etc. Wenn nach den richtigen sportmedizinischen Erkenntnissen trainiert wird, kommt man schneller weiter. Damit beschäftigt sich aber eine Turnerin, die doch sehr jung ist, im Normalfall nicht. Entscheidend ist, dass die Trainer das tun. Ihnen muss man als junger Sportler vertrauen. Wenn man glaubt, es besser zu wissen als sie, ist man im Turnen aufgeschmissen.

Das ist in der Physik nicht unbedingt der Fall …

Hier ist die Verschränkung von Theorie und Praxis unvermeidbar. Wenn man Experimente macht, sie den Theoretikern zum Fraß vorwirft, und selbst keine Rückkoppelung zur Theorie sieht, dann ist es weder interessant noch sehr fruchtbar. Da gibt es also einen großen Unterschied zwischen Sport und Wissenschaft.

Letzte Frage: Werden Sie die Turnbewerbe in London verfolgen?

Wenn es sich zeitlich ausgeht, auf jeden Fall. Und ich werde dabei den deutschen und österreichischen Teilnehmern die Daumen drücken. Erstmals nach 1992 hat sich ja wieder ein deutsches Frauenteam für die Olympischen Spiele qualifiziert. Der Verdienst dafür gebührt zweifellos der Cheftrainerin Ulla Koch, übrigens meine ehemalige Trainerin in Bergisch-Gladbach.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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