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Porträtfoto der Elefantenforscherin Angela Stöger-Horwath

Elefantenflüstern und Synchronschwimmen

Angela Stöger-Horwath gilt als "Elefantenflüsterin". An der Uni Wien erforscht sie die Kommunikation der grauen Dickhäuter und hat dabei festgestellt, dass deren "Wortschatz" mindestens 70 Laute umfasst. Die dicke Haut, die Stöger-Horwath für ihre Forschung mitunter braucht, stammt aus ihrer Vergangenheit: Sie war erfolgreiche Synchronschwimmerin.

Olympische Spiele 5 10.08.2012

Im fünften und letzten Teil einer Serie, die anlässlich der Olympischen Spiele in London ehemalige Sportler in der Wissenschaft porträtiert, sieht die Zoologin Parallelen zwischen den beiden Bereichen: Die wissenschaftlichen Gutachter der Gegenwart hätten einiges gemeinsam mit den Wertungsrichtern ihrer Vergangenheit. Ebenso das Kommunikationsverhalten von neugeborenen Menschen und Elefanten.

Angela Stöger-Horwath mit einem ihrer "Studienobjekte" im Amboseli National Park, Kenia

Angela Stöger-Horwath

Angela Stöger-Horwath hat 2006 ihr Doktorat abgeschlossen und ist derzeit Postdoc bei Professor Tecumseh Fitch am Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien. Sie leitet bis Anfang 2014 das Projekt des Wissenschaftsfonds FWF "Automatic analysis of African elephant vocalizations, Elephant vocal learning and sound production".
(Im Bild: Stöger-Horwath mit einem ihrer "Studienobjekte" im Amboseli National Park, Kenia)

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Serie in Ö1 und science.ORF.at:

Während der Olympischen Spiele stellen wir eine Reihe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen vor, die früher im Spitzensport erfolgreich waren: zu hören in Wissen aktuell, zu lesen in science.ORF.at.

Die weiteren Teile der Serie:

science.ORF.at: Wie sind Sie zum Synchronschwimmen gekommen?

Angela Stöger-Horwath: Als Kind war ich Kunstturnerin, bekam aber dann Probleme mit meinem Rücken. Der Kinderarzt hat mir deshalb empfohlen, den Sport zu wechseln, und weil ich immer schon die Kombination von Musik und Tanz gemocht habe, hat mir meine Mutter das Synchronschwimmen vorgeschlagen. Und so habe ich mit neun Jahren damit angefangen.

Der Grundstein für eine erfolgreiche Karriere …

Ich war neun Mal Staatsmeisterin, 1997 wurde ich bei der Europameisterschaft in Sevilla im Einzelbewerb Neunte. Das waren schöne Erfolge, abgesehen davon hat mir aber ganz prinzipiell das Herumreisen in jungen Jahren gefallen, auch das Kennenlernen ganz unterschiedlicher Menschen.

Wie ist dann die Biologie in Ihr Leben getreten?

Man bekommt als Synchronschwimmerin zwar Sporthilfe und die ein oder andere Unterstützung, aber auf Dauer ist es nichts, womit man sein Leben finanzieren kann. Als ich 21 Jahre alt war, habe ich deshalb mit dem Synchronschwimmen aufgehört und zu studieren begonnen. Schon zuvor haben mich Natur, Umwelt und Tiere interessiert, Biologie war so die logische Studienwahl. Ich habe mich gleich voll auf das Studium konzentriert. In der Biologie gibt es relativ viele Pflichtpraktika, bei denen man anwesend sein muss, das ließ sich mit dem Sport auch nicht mehr vereinbaren.

Gibt es etwas beim Synchronschwimmen, das Ihnen später im Studium und jetzt im Beruf als Wissenschaftlerin geholfen hat?

Ja, als junge Sportlerin ist man wahnsinnig zielstrebig, und das nimmt man mit. Man verliert es auch ein bisschen, weil man froh ist, endlich mehr Freiheit zu haben. Aber im Endeffekt weiß man schon, dass man hart arbeiten muss, um etwas zu erreichen. Ich lasse mich auch relativ schwer entmutigen, kann mit Rückschlägen ganz gut umgehen. Gerade in einem Leistungssport, wo man es auch mit Wertungsrichtern zu tun hat, lernt man, dass man auch mit Kritik umgehen muss, selbst wenn es schwer ist (lacht). Und das gilt damals wie heute. Heute gibt es Gutachter, die Projektanträge oder Publikationen begutachten, da ärgert man sich das ein oder andere Mal drüber. Dann besinnt man sich aber und denkt darüber nach, wo die Gutachter vielleicht Recht haben oder wo man selbst etwas verbessern kann. Und dann ist es so, dass man die gleichen Wege einschlägt und versucht sich selbst zu motivieren - so wie früher im Sport, wo ich mich vielleicht einmal ungerecht behandelt fühlte, weil ich eine schlechtere Startnummer bekommen hatte.

Warum haben Sie sich später auf die Kommunikation von Elefanten spezialisiert?

Mich hat schon im Laufe des Studiums die Kommunikation im Tierreich, speziell die Bioakustik interessiert, egal ob von Heuschrecken oder von Elefanten. Als sich dann die Möglichkeit ergeben hat, meine Diplomarbeit über Elefanten im Tiergarten Schönbrunn zu schreiben, war ich natürlich sehr froh. In Schönbrunn ist damals mit dem Abu das erste Jungtier der neueren Zeit auf die Welt gekommen, zur Untersuchung von Jungtierlauten war das ideal. Wie es in der Wissenschaft so ist: Je mehr man über ein Thema liest und weiß, umso interessanter wird es. Beantwortet man eine Frage, tun sich neue Forschungsfragen auf usw.

Sie haben vor sieben Jahren als noch sehr junge Forscherin in "Nature" publiziert - damals die Erkenntnis, dass Elefanten auch "fremde Dialekte" lernen können. Was ist ihr aktueller Forschungsschwerpunkt?

Wir untersuchen derzeit in einem FWF-Projekt, wie Elefanten überhaupt Schall produzieren. Dabei sind vor allem die Infraschalllaute interessant, also Laute im tieffrequenten Bereich. Ein Schwerpunkt des Projekts ist der Elefanten- und Naturschutz. Der Mensch-Elefant-Konflikt eskaliert gerade in Afrika, aber auch in Asien, da der Lebensraum der Tiere immer kleiner wird und sie zunehmend in Konflikt mit den dort lebenden Bauern geraten, deren Felder sie zerstören. Es gibt auch immer wieder Tote auf beiden Seiten, unter Menschen und Elefanten. Vor diesem Hintergrund arbeiten Forscher der Universität Wien und der Technischen Universität gemeinsam an einem akustischen Monitoring. D.h. wir versuchen ein Frühwarnsystem zu entwickeln, das Elefanten anhand ihrer tieffrequenten Laute frühzeitig detektieren und damit ansässige Menschen rechtzeitig warnen kann.

Wie weit fortgeschritten ist dieses Frühwarnsystem?

Nach einigen Testläufen können wir derzeit zwischen 60 und 70 Prozent der Elefantenlaute bereits erkennen, für diese Phase des Projekts ist das nicht schlecht. Wir haben aber auch noch eine recht große Fehlerquelle. Unsere Software verwechselt immer noch zu oft Elefantenlaute mit Signalen, die so ähnlich ausschauen. Es gibt einfach ziemlich viele tieffrequente Signale, etwa von Autos oder Flugzeugen, die stören und fehldetektiert werden. Wir müssen diese Umweltgeräusche also noch herausfiltern.

Wissen sie bei diesen 60 bis 70 Prozent der Tierlaute, was sich die Elefanten da genau "sagen"?

Es handelt sich dabei meistens um tieffrequente Rumbles, die nahezu ständig von den Elefanten produziert werden. Man kann sehr viel in sie hineininterpretieren, sicher ist aber, dass es hauptsächlich Koordinationslaute innerhalb der Gruppe sind - Kontaktrufe, um die Gruppe zusammenzuhalten.

Gibt es einen Zeithorizont für das Elefanten-Frühwarnsystem?

Momentan arbeiten wir noch mit zuvor aufgenommenen Testdateien am Computer, also nicht in freier Wildbahn in Afrika. Das System ist noch nicht soweit. Wir hoffen aber, dass wir in einem Folgeprojekt ab 2014 einen Prototyp entwickeln können, der dann auch vor Ort getestet werden kann.

Vielleicht eine verwegene Frage: Hat die Kommunikation von Elefanten etwas mit jener von Synchronschwimmerinnen zu tun?

Nicht wirklich, weil wir unter Wasser keine Laute produzieren. Die Musik unter Wasser ist ziemlich laut, sie wird ja mit Hilfe von Unterwasserlautsprechern übertragen. Es gibt keine Zeit für Kommunikation, man sieht sich auch nicht gut unter Wasser, weil man keine Schwimmbrille trägt. Synchron werden die Bewegungen, weil wir permanent im Kopf zur Musik zählen. "1,2,3,4,5,6,7,8" und wieder: "1,2,3,4,5,6,7,8". Die Bewegungen finden bei bestimmten Zahlen statt. Man weiß bei der 7 oder bei der 8 mache ich diese oder jene Bewegung, und dann fängt es wieder von vorne an. Das ist wie ein Uhrwerk, da gibt es nichts zu plaudern. Auch wenn man nur dem Rhythmus der Musik folgt und nicht im Kopf dazu zählt, wird es unsynchron. Das gilt natürlich vor allem beim Duett und beim Teambewerb, wo die Bewegungen möglichst synchron zu den Kolleginnen sein sollen.

Sie sind zweifache Mutter: Ist es bei Kinder in den ersten Lebensmonaten nicht so ähnlich wie mit Elefanten, beide versteht man nicht wirklich? Haben die Erfahrungen mit der Elefantensprache geholfen, Ihre Kinder besser zu verstehen?

(lacht) Eher umgekehrt, mir haben die Kinder beim Verstehen der Elefanten geholfen. Elefantenjunge und Menschenbabys ähneln sich zu Beginn in der Lautproduktion ziemlich stark. Sie vokalisieren primär, wenn sie Hunger haben, Hilfe brauchen oder etwas nicht passt. Und da gibt es durchaus ähnliche akustische Strukturen. Wenn ich meine Kinder gehört habe, dachte ich schon manchmal: Hey, das klingt jetzt ein bisschen wie das Elefantenbaby, das unbedingt trinken wollte und nicht durfte.

Es gibt Forscherinnen, die auch das Fußstampfen von Elefanten als Teil ihrer Kommunikation untersuchen. Berücksichtigen Sie das ebenfalls?

Derzeit arbeite ich nicht mit diesen seismischen Signalen, obwohl ich sie durchaus interessant finde und spekuliert wird, dass sich tieffrequente Laute auch über den Boden fortpflanzen und somit größere Distanzen überwinden können. Theoretisch wäre das etwas für unser Frühwarnsystem, konkret arbeiten wir aber nicht daran. Dazu bräuchte man andere Geräte.

Verfolgen Sie heute noch Synchronschwimmen z.B. bei den Olympischen Spielen in London?

Das ist nicht ganz einfach, in den Zeitungen wird dank Rogan und Co. zwar mittlerweile viel über Schwimmer berichtet, aber über Synchronschwimmerinnen immer noch wenig. Die für London qualifizierte Nadine Brandl kenne ich noch persönlich aus meiner aktiven Zeit, das ist eine ganz tolle Schwimmerin. Ich werde versuchen, ihren Auftritt in London live anzusehen, bin Ende Juli aber wieder im Addo-Elefantenpark in Südafrika. In jedem Fall drücke ich ihr und ihrer Partnerin Livia Lang ganz fest die Daumen. Olympia war mir leider nicht vergönnt, 1996 in Atlanta wurde der Solowettbewerb, in dem ich am besten war, leider abgeschafft. Deshalb verfolge ich das immer noch ein bisschen wehmütig.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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