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Kämpfende Ameisen der Art Cardiocondyla obscurior

Tödlicher Kampf bei Ameisen

Manche Ameisen können sehr aggressiv sein, wenn es um ihre Fortpflanzungsmöglichkeiten geht. Die Männchen einer tropischen Art erkennen die nachwachsende Konkurrenz bereits im Puppenstadium. Sobald sie schlüpfen, werden sie einer Studie zufolge entweder totgebissen oder chemisch markiert.

Biologie 15.06.2012

Auch letzteres führt zum Tod. Das erledigen allerdings die Arbeiterinnen.

Konflikte im Ameisenstaat

Wenn Tiere in Gruppen leben gibt es - nicht anders als beim Menschen - mitunter Konflikte. In der Regel geht es dabei ums Fressen oder um Fortpflanzung. Daher bilden sich bei einigen Tieren, wie etwa Primaten, Rangordnungen aus, die allerdings immer wieder neu verhandelt werden müssen.

Die Studie in "BMC Ecology":

"The dynamics of male-male competition in Cardiocondyla obscurior" von Sylvia Cremer et al.

Bei eusozialen oder staatenbildenden Insekten, wie Bienen oder Ameisen ist das etwas anders, es gibt von vornherein eine klare Arbeitsteilung, spezialisierte Untergruppen sind für die unterschiedlichen Aufgaben, von der Brutpflege bis zur Nahrungssuche zuständig. Das gilt auch für die allermeisten Ameisenarten, bei manchen gibt es dennoch blutige Konflikte.

Dieses extreme Verhalten ist allerdings sehr selten. "Es gibt etwa 15.000 Ameisenarten und nur bei etwa fünf bis zehn davon kommt es zu echten, ausgetragenen Konflikten", so Sylvia Cremer vom Institute of Science and Technologie (IST) in Klosterneuburg gegenüber science.ORF.at. Konflikte gebe es insgesamt zwar häufiger als man glaubt, beispielsweise zwischen Arbeiterinnen, aber nur bei wenigen Arten seien sie so explizit.

Eine dieser kämpferischen Arten ist die Ameise Cardiocondyla obscurior, deren Sozialleben die Biologin und ihr Team näher untersucht haben. Genau genommen ist nicht die Art als Ganzes aggressiv, sondern nur bestimmte Proponenten.

Zwei Gesichter

Die Männchen der Gattung Cardiocondyla sind nicht alle gleich, es gibt zwei Typen, die sich nicht nur im Aussehen, sondern auch im Verhalten unterscheiden. Dieses Phänomen ist laut Cremer bei den vielen bekannten Arten ebenfalls recht selten. Ein Typus besitzt - wie für Ameisenmännchen typisch - Flügel. Er ist friedfertig und paart sich in der Regel außerhalb des Nests mit fremden Weibchen.

Die zweite Erscheinungsform ist flügellos und im Verhalten das Gegenstück ihrer geflügelten Artgenossen. Diese Tiere sind hoch aggressiv und versuchen die Kopulation mit nachwachsenden Jungköniginnen in der Kolonie zu monopolisieren. Daher gebe es in einem Staat letztlich immer nur ein dominantes Männchen dieser Form, das erst nach seinem Tod von einem Nachfolger abgelöst wird.

Es wachsen allerdings ständig welche nach. Laut den Forschern ist das notwendig, um den Fortbestand der Kolonie zu sichern. So gibt es immer eine Reserve, sobald das alles beherrschende flügellose Ameisenmännchen stirbt. "Für die Kolonie wäre es ein größerer Verlust, wenn die frischen unverpaarten Jungköniginnen länger auf ein neue Männchen warten müssten, als wenn ständig eine paar Zusatzmännchen produziert werden ", so Cremer.

Kampf um Alleinherrschaft

Für das amtierende Alphatier bedeutet das aber Stress und es versucht daher mit allen Mittel, sich der potenziellen Konkurrenz zu entledigen. Permanent patroulliert es durch die Kolonie. Findet es andere flügellose Männchen, schnappt es sich diese mit ihren langen, sichelförmigen Kiefern und markiert sie chemisch mit Sekreten aus ihrem Dickdarm.

Die so markierten Tiere werden von den Arbeiterinnen innerhalb kürzester Zeit umgebracht. Auf diese Weise bleibt am Ende immer nur eines über. Die geflügelten Männchen werden so gut wie nie angegriffen, obwohl sie leicht verwundbar wären. Das liegt unter anderem daran, dass diese chemisch den Geruch der Weibchen imitieren. Diese Mimikry schützt sie vor ihren aggressiven Mitbewohnern, wie die Forscher schon vor einigen Jahren festgestellt haben.

Der Ältere gewinnt

In ihrer aktuellen Arbeit haben die Forscher um Cremer neue Details über diesen permanenten Abwehrkampf herausgefunden. Ihre Versuche mit den Tieren zeigten, dass das dominante Männchen versucht, sich schon möglichst früh gegen nachwachsende Rivalen zu wehren, am besten gleich nachdem diese geschlüpft sind. Offensichtlich identifiziert es diese bereits im Puppenstadium bei seinen Kontrollgängen durch die Kolonie.

Direkt nach dem Schlüpfen sind die Tiere sehr verwundbar, da sich ihr Skelett noch nicht verfestigt hat. Sie können sich nicht wehren und niemals markiert ein Jungtier das ältere chemisch. Im Alter von nur zwei Tagen werden diese allerdings bereits zu ernstzunehmenden Gegnern und es kommt zu den bekannten erbitterten Kämpfen, die nicht selten auch zum Tod beider Tiere führen.

Dennoch attackiert das alte Männchen seine Konkurrenz kaum im Puppenstadium. Laut Cremer ist das Risiko eines Fehlgriffs zu hoch: "Es könnte versehentlich eine Jungkönigin töten." Den Forschern zufolge wäre es für den ungeflügelten Nachwuchs eine gute Strategie, sich ähnlich wie ihre geflügelten Artgenossen chemisch als Weibchen zu "verkleiden". Aber offenbar fehlt ihnen diese Fähigkeit. Möglicherweise unterscheiden sie sich körperlich zu sehr von den Weibchen.

Kooperation meistens besser

Das ist aus Sicht der Kolonie aber nicht von Nachteil, es werden laufend flügellose Männchen nachproduziert und die getöteten Ameisen dienen als Futter für die Larven. So bleiben die Gesamtkosten des Gemetzels für den Staat letztlich trotz allem niedrig.

Generell spielen laut Cremer individuelle und kolonieübergreifende Selektionsmechanismen vermutlich zusammen. So könnten bei Cardiocondyla obscurior individuelle Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen, da es im Gegensatz zu anderen Arten mehrere eierlegende Königinnen gibt. "Aus Sicht der Königinnen macht es Sinn, möglichst viele männliche Nachfahren zu produzieren, so steigen die Chancen, dass es einer schaffen wird, zum dominanten Männchen aufzusteigen", erklärt Cremer.

Dass eusoziale Tiere immer an einem Strang ziehen, hält sie für eine etwas vereinfachte und veraltete Annahme. "In der Regel ist Kooperation einfach der beste Weg für das Individuum und für den Staat", so Cremer. Aber manchmal käme es eben trotzdem zu derartig extremen Interessenskonflikten, die dann offen ausgetragen werden.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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