Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Ghettobänke", Prügel, Numerus Clausus"

Auseinandersetzung zwischen republikanischen und Nazi-Studenten vor einer Berliner Universität im Februar 1933.

"Ghettobänke", Prügel, Numerus Clausus

Die Nazis haben die deutschen Hochschulen von Juden und politischen Gegnern gründlich "gesäubert". Vorerst mit Prügelaktionen, nach der "Machtergreifung" durch Entlassungen - 20 Prozent aller Uni-Professoren verloren ihre Stelle. Aber auch in vielen anderen Ländern Mittel- und Osteuropas war Antisemitismus in der Zwischenkriegszeit weit verbreitet.

Antisemitismus 15.06.2012

Im Bild zu sehen: Auseinandersetzung zwischen republikanischen und Nazi-Studenten vor einer Berliner Universität im Februar 1933.

So gab es in Osteuropa für Juden "Ghettobänke" in den hinteren Reihen der Hörsäle und verschieden Formen von Zugangsbeschränkungen, wie der Historiker Konrad Jarausch anlässlich einer Konferenz in Wien in einem Interview erzählt.

science.ORF.at: Waren die Universitäten ein Ort, wo der Antisemitismus im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen besonders stark vertreten war?

Der Historiker Konrad Jarausch

Zentrum für Zeithistorische Forschung

Konrad Jarausch war Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und ist Lurcy Professor of European Civilization an der University of North Carolina.

Konferenz:

Am 15. und 16. Juni findet die Konferenz "Alma Mater Antisemitica. Akademisches Milieu, Juden und Antisemitismus an den Universitäten Europas zwischen 1918 und 1939" statt, veranstaltet vom Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien.
Ort: Akademie der bildenden Künste, Schillerplatz 3, 1010 Wien

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 15.6., 13:55 Uhr.

Konrad Jarausch: Ja, speziell bei den Studenten und jüngeren Dozenten war das so. Die Studenten haben jüdische, liberale und sozialdemokratische Hochschullehrer gestört, sie haben Krawalle inszeniert, sich mit linken Studenten geprügelt und sie verfolgt. Bei den jüngeren Dozenten hatte der Antisemitismus etwas mit der akademischen Berufskrise der Zwischenkriegszeit zu tun, der Angst vor Verdrängung durch jüdische Mitbewerber, Karrierechancen haben eine erhebliche Rolle gespielt. In der Professorenschaft war Antisemitismus weniger verbreitet - zumindest wenn man die Beteiligung an Aufrufen für die NSDAP vor der "Machtergreifung" als Maßstab nimmt. Sehr wohl gab es bei der älteren Generation aber nationalistische und monarchistische Vorurteile sowie einen gesellschaftlichen Antisemitismus nach dem Strickmuster "Die laden wir nicht zum Essen ein".

Abgesehen von Deutschland und Österreich: Wo lagen in der Zwischenkriegszeit die weiteren Zentren des universitären Antisemitismus?

In verschiedenen slawischen Nachbarländern, dazu Ungarn und Rumänien, war er frappierend stark. In Polen etwa hat es in den 1920er Jahren "Ghettobänke" für Juden eingeführt, in Ungarn gab es einen Numerus Clausus für Juden. Die Rechtsradikalen haben Juden in der Zwischenkriegszeit in einer ganzen Reihe von osteuropäischen Ländern an den Hochschulen quotiert.

Und das lange vor der "Machtergreifung" der Nazis …

Der Antisemitismus geht ins späte 19. Jahrhundert zurück und war eine Reaktion auf die bürgerliche Emanzipation der Juden. Es kam zu einer widersprüchlichen Situation: Einerseits waren die Hochschulen nun für sie offen, sie konnten akademische Berufe ergreifen. Andererseits war ihnen die Berufslaufbahn in der Beamtenschaft, im Militär und anderen hoheitlichen Gebieten weiterhin verschlossen. Deswegen entschieden sie sich hauptsächlich für Medizin und Rechtswissenschaft, und auch hier wieder nicht für die vom Staat alimentierten Teile, sondern freiberufliche. Das hat dazu geführt, dass es in den größeren Städten teilweise 25 oder 30 Prozent jüdische Mediziner oder Anwälte gegeben hat. Da haben sich dann Ressentiments und Berufsneid aufgebaut, nicht zuletzt weil die Kollegen oft moderner waren als ihre Wettbewerber und sich etwa gegenüber der Sozialmedizin, der Psychoanalyse und neuen Heilmethoden aufgeschlossen zeigten. In diesem Konkurrenzverhältnis wollten sich die Leute, die eher am Verlieren waren, durch Aussperrungen rächen.

Inwiefern ist die Geschichte des Antisemitismus an den Hochschulen in Ostmitteleuropa bereits erforscht?

Meines Erachtens ist das neu und sehr spannend, weil es zur Erklärung beiträgt, wie faschistischen Bewegungen in den ostmitteleuropäischen Ländern in der Zwischenkriegszeit entstanden sind, und wie sich die Kollaboration mit den Nazis während der Wehrmacht-Okkupation entwickelt hat. Die Führer dieser Faschismen kame weitgehend aus diesen Kreisen der Hochschulen. In Ostmitteleuropa werden oft mehr die Leiden des Kommunismus betont, etwa im ungarischen Haus des Terrors, als das, was zuvor geschehen ist. Zumindest in einigen Ländern wie in den baltischen Ländern und der Ukraine kann man das als nationale Freiheitsbewegung verkaufen. Aber dass diese Bewegungen mit den Nazis kollaboriert haben und ihr Antisemitismus indigene Wurzeln hat, die sehr tief liegen, wird oft verschwiegen.

War der Antisemitismus an den deutschen Hochschulen ein "Vorbild" für diese Länder oder speiste er sich aus ihrer eigenen Geschichte?

Beides. In Ostmitteleuropa war der traditionelle religiöse Antisemitismus im 19. Jahrhundert noch stärker. Pogrome, d.h. aktive Judenverfolgung, sind eher ein ostmitteleuropäisches Phänomen. Es hat zwar auch im deutschen Sprachraum noch einige hässliche Dinge gegeben, aber speziell Ende des Jahrhunderts waren das Ausnahmen. Der Übergang von den traditionell religiösen Vorurteilen in den neuen Rassenantisemitismus war in Osteuropa fließender. Das Hässliche am neuen Rassenantisemitismus ist, dass man sich ihm nicht entziehen konnte, weder durch Säkularisierung und Integration in die Gesellschaft, in der man lebte, noch durch Taufe. Und das waren die beiden traditionellen Quellen, um das "Stigma des Judentums" loszuwerden.

Gibt es auch positive Gegenbeispiele, wo sich Universitäten oder Fakultäten gegen Antisemitismus gewehrt haben?

Ein paar, aber leider viel zu wenige. An den neueren und moderneren Institutionen hat es auch mehr liberale Nicht-Juden gegeben, die mit ihren Kollegen ein vernünftiges persönliches und wissenschaftliches Verhältnis hatten, und auch die Weimarer Republik verteidigt haben. Es ist aber erstaunlich, wie schnell das in Deutschland nach 1933 und in Österreich nach 1938 gekippt ist, und wie wenige Leute sich aus der Deckung gewagt haben. Die Universität Frankfurt war etwa so ein Platz mit mehr Toleranz, auch die deutsche Hochschule für Politik in Berlin. An den altdeutschen Hochschulorten wie Tübingen oder Greifswald konnten die Säuberungswellen der Nazis hingegen kaum jemanden vertreiben, weil da zuvor überhaupt niemand aufgenommen worden war, der gegen den Strom schwamm. D.h. wo man sich gegen die Berufung von jüdischen oder liberalen Kollegen gesperrt hatte, wo es wenige jüdische Studenten gab, da gab es auch keinen Widerstand, und der Übergang vom Nationalismus in den Nationalsozialismus war nahtlos.

An den Universitäten in Österreich war es ähnlich?

Der Kollege Klaus Taschwer argumentiert auf der Konferenz, dass es in Österreich auch in der Professorenschaft eine aktive antijüdische Politik gegeben hat. Das lässt sich in diesem Ausmaß in Deutschland zumindest an den größeren Institutionen noch nicht belegen. Ich betone "noch", weil ich nicht glaube, dass diese Frage bisher speziell erforscht worden ist. Bisjetzt ist man davon ausgegangen, dass die Mehrheit der Professoren deutschnational und konservativ waren, und dass sie sie schon aus Stilgründen gegen den Radau-Antisemitismus der SA reagiert haben.

Welche Rolle haben in dieser Situation internationale Organisationen gespielt, die Community?

In den Naturwissenschaften gab es tatsächlich eine scientific community, und in der waren die Nationalsozialisten und Antisemiten Außenseiter. Die "deutsche Physik" und die "deutsche Mathematik" waren Versuche, die nur begrenzten Erfolg hatten. Da gab es Max Planck und diverse andere Leute, die international vernetzt waren, ihre Schüler waren zum Teil Amerikaner etc. In den Geisteswissenschaften hingegen war es so, dass die Deutschen noch bis Mitte der 1920er Jahre aus den internationalen Organisationen und Kongressen ausgeschlossen waren, weil sie zu sehr die "Heimatfront" im Ersten Weltkrieg unterstützt hatten. Ein erheblicher Teil von ihnen dachte deutschnational und reagierte in der internationalen community defensiv, man stritt in der Kriegsschuldfrage und war oft von der Überlegenheit der deutschsprachigen Wissenschaft überzeugt. In diesem Bereich fand durch die internationalen Organisationen also wenig Korrektur statt.

Wie sieht es mit der Kontinuität des Antisemitismus an den Hochschulen nach 1945 aus?

Das ist sehr unterschiedlich. In Polen und der Tschechoslowakei etwa hat es viele Professoren und Studenten gegeben, die der Nazi-Okkupation Widerstand leisteten. In Polen trafen sich Angehörige einer fliegenden Universität in Wohnungen. Diese Leute konnten nach Kriegsende Wiederaufbau machen, auch wenn sie Mitte der 50er Jahre von kommunistischen Funktionären wieder weitgehend verdrängt wurden.

In Ostdeutschland hat es unmittelbar nach dem Krieg eine demokratische, antifaschistische Zusammenarbeit mit bürgerlichen Hochschullehrern gegeben, die bereit waren, sich vom Nationalismus und vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Es gab ja de facto keine kommunistischen Professoren, die berufen werden konnten. Also wurden Professoren berufen, die teils aus dem Exil kamen und in anderen Berufen oder Fächern gearbeitet hatten. Die Kontinuität war somit zumindest in den Geistes- und Sozialwissenschaften unterbrochen. Bei den Naturwissenschaften sieht es anders aus, die Ärzte haben weiter eher nach den Schmissen Ausschau gehalten. Auch führende Kommunisten wollten sich von einem erstklassigen Mediziner behandeln lassen und haben nicht so genau hingesehen, was der im Dritten Reich gemacht hatte.

Im Vergleich dazu der Westen?

In Westdeutschland und Österreich war die personelle Kontinuität erheblich. Es wurde zwar etwas entnazifiziert, aber eigentlich sind nur die wirklich am leichtesten zu identifizierenden Leute hinausgeflogen, besonders bei den Historikern. In anderen Fächern, auch bei den Naturwissenschaftlern und Medizinern, war es eher die Fachkompetenz, die nach einer kurzen Karenzzeit die Belastungen aufgewogen hat. Einige haben ihr Vokabular gewechselt und nicht mehr von Volk und Rasse gesprochen, sondern von Struktur. Sie haben dann öffentlich die Demokratisierung akzeptiert, aber was sie privat am Biertisch miteinander geredet haben, das weiß man nicht so genau.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: