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Symbolbild: Ökonomie und Aktienkurse

Fortschritt durch Zerstörung

Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter hat dem Kapitalismus anno 1942 attestiert, ein Vorgang "schöpferischer Zerstörung" zu sein. Forscher bestätigen sein Urteil nun zweifach: durch historische Wirtschaftsdaten und ein Computermodell.

Schumpeter Revisited 21.06.2012

Studienautor Peter Klimek spricht in einem Interview über den "Killer-Index" von Produkten, die Kluft des Wohlstandes und die Weltrangliste ökonomischer Komplexität.

scienceORF.at: Wie kommt ein Physiker und Komplexitätsforscher zur ökonomischen Theorie von Joseph Schumpeter?

Zitat

"Die Eröffnung neuer Märkte und die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb zu Konzernen wie dem U.S.-Steel illustrieren den gleichen Prozess einer industriellen Mutation, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und eine neue schafft.

Dieser Prozess der 'schöpferischen Zerstörung' ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum. Darin besteht der Kapitalismus und darin muss auch jedes kapitalistische Gebilde leben."

Josef Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1942

Die Studie

"Empirical Confirmation of Creative Destruction from World Trade Data", PLoS One (doi: 10.1371/journal.pone.0038924).

Peter Klimek: Wir beschäftigen uns mit komplexen dynamischen Systemen. Die gibt es überall in der Natur - auch die Wirtschaft ist so ein System. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass man die Methoden dieser Disziplin - zum Beispiel die der statistischen Physik - auch erfolgreich auf die Wirtschaft anwenden kann. Ausgangspunkt unserer Studie war die Frage: Warum gibt es Länder, die wirtschaftlich stagnieren, und andere, die ständig reicher werden? Und im Zuge dessen sind wir auch auf die Texte von Schumpeter gestoßen.

Er schrieb 1942, der Kapitalismus werde von einer "schöpferischen Zerstörung" angetrieben. Alte Strukturen, Industrien und Produkte würden fortwährend durch neue ersetzt.

Anders ausgedrückt: Die wirtschaftliche Entwicklung verläuft nicht kontinuierlich, sondern sprunghaft. Und diese Schübe werden fast immer durch Innovationen ausgelöst.

Sie haben nun solche ökonomischen Schübe in einer Studie nachgewiesen. Wie?

Wir haben zunächst den Export der letzten 50 Jahre in sämtlichen Ländern der Welt analysiert - und zwar mit einer Auflösung von 1.000 Produktkategorien pro Land. Damit kann man bestimmen, wie komplex eine Volkswirtschaft ist. Dann haben wir ein Modell der Volkswirtschaften entwickelt um zu überprüfen, ob sich auch darin ähnliche Muster finden.

Was heißt "komplex" in diesem Zusammenhang?

Die Fähigkeiten einer Ökonomie, viele verschiedene Produkte herzustellen, die es anderswo tendenziell nicht gibt.

Peter Klimek

Zita Koever

Zur Person

Peter Klimek forscht an der "Section for Science of Complex Systems" an der Medizinischen Universität Wien.

Was ist das Hauptergebnis Ihrer Studie?

Produkte werden schubweise in den Markt eingeführt und verdrängen dadurch andere. Dadurch entwickeln sich Volkswirtschaften. Der Prozess funktioniert aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Eine Innovation kann nur dann einen Entwicklungssprung auslösen, wenn bereits in der Wirtschaft hinreichend komplexe Netzwerke vorhanden sind.

Denken Sie etwa an Apps für Smartphones: Der Markt boomt gegenwärtig und wächst in eine Nische nach der anderen. Man kann Konzertkarten via App buchen, es gibt sogar Insektenvertreibungs-Apps. Das Ganze funktioniert allerdings nur in einer entsprechend entwickelten Volkswirtschaft. Wir haben einen kritischen Punkt wirtschaftlicher Komplexität gefunden: Liegt die Wirtschaft darunter, verpuffen Innovationen und lösen kein Wachstum aus.

Wie lange dauert es, bis neue Produkte andere vom Markt verdrängen?

Das findet in der Größenordnung von Jahren statt - zumindest in dem Bereich, den wir uns angesehen haben.

Sie haben auch einen "Killer-Index" für Produkte entwickelt, der den Verdrängungswettbewerb von Produkten quantifiziert. Welche Produkte haben sich als "Killer" erwiesen?

Das lässt sich am besten nach Sektoren beantworten: Elektrische und pharmazeutische Produkte haben eine besonders hohen "Killer-Index".

Was haben sie aus der Wirtschaft verdrängt?

Landwirtschaftliche Produkte, Nahrung und Kleidung. Grundsätzlich gilt: Die Entwicklung verläuft immer von wenig komplexen Produkten zu komplexeren, aber viel seltener umgekehrt. Letztere ziehen wirtschaftliche Aktivität auf sich - und anderswo ab.

Der Grund dafür ist: Für die Herstellung eines Medikaments benötigt man mehr Voraussetzungen und Fähigkeiten als für die Herstellung eines Pullovers. Sind die Produktionsmittel einmal vorhanden, sind komplexe Produkte ökonomisch offenbar erfolgreicher.

Kommen wir nochmals zu Ihrer Ausgangsfrage: Könnte es sein, dass kreative Zerstörung eher Ausdruck und nicht Ursache wirtschaftlicher Stärke ist? Vielleicht haben die armen Länder deswegen vergleichsweise simple Volkswirtschaften, weil sie sich keine anderen Produktionsmittel - und somit auch keinen Fortschritt leisten können.

Streng genommen können wir nur über Korrelationen und nicht über Ursachen und Wirkungen sprechen. Unser Co-Autor, der Harvard-Ökonom Ricardo Hausmann hat in früheren Arbeiten gezeigt, dass Komplexität die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern gut voraussagt. Sie ist also zumindest eine notwendige Voraussetzung.

Unser Modell widerlegt jedenfalls bisherige Theorien: Die sind nämlich davon ausgegangen, dass sich Volkswirtschaften langfristig auf einem ähnlichen Niveau einpendeln sollten. Wir haben gezeigt, dass es dieses Gleichgewicht nicht gibt. Was die Komplexität betrifft, wächst die Kluft zwischen Volkswirtschaften sogar an.

Ist das eine Erklärung für das wirtschaftliche Nord-Süd Gefälle dieser Welt?

Wir verstehen, warum es so hartnäckig ist.

Und was ist der Grund dafür?

Eine kritische Masse von industriellem Know-How erlaubt einer Volkswirtschaft Strukturen aufzubauen, die zu immer komplexeren Produkten führen. Dies ist ein sich selbst verstärkender Prozess, der zu noch mehr Know-How und dadurch zu noch höherer wirtschaftlicher Komplexität führt. In Ländern unterhalb dieser kritischen Masse, kommt dieser Prozess nicht in Gang, die Produktionsstrukturen werden viel langsamer erweitert und verbessert.

Der Anteil der Bauern der US-Bevölkerung fiel zwischen 1790 und 1990 von 90 auf 2,6 Prozent. Dennoch haben die US-Amerikaner nicht aufgehört, landwirtschaftliche Produkte zu konsumieren. Ist es möglich, dass die kreative Zerstörung von der globalen Umverteilung hin zu reichen Ländern gespeist wird?

Darüber können wir mit unserem Modell keine Aussage machen.

Bliebe die Ernährung der Welt gewährleistet, wenn der Anteil der Bauern in allen Ländern der Welt so niedrig wäre wie in den USA oder Europa?

Auch dazu sagt unser Modell leider nichts.

Wo liegt Österreichs Volkswirtschaft im internationalen Komplexitäts-Vergleich?

Weit vorne. Laut Untersuchungen von Ricardo Hausmann aus dem Jahr 2008 belegt Österreich den fünften Platz weltweit. Die höchsten Werte der 128 untersuchten Länder erreichen Japan, Deutschland und die Schweiz. Ganz hinten liegen Angola, Sudan und Mauretanien.

Interview: Robert Czepel

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