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Pasterzenzunge zu Sommerbeginn 2012

Langer Winter für die Alpengletscher

Der Winter hat es heuer mit Österreichs Gletschern besser gemeint als in den vergangenen Jahren. Das ergab die Auswertung von Messergebnissen mehrerer Institute am Ende der kalten Jahreszeit, wie Heinz Slupetzky in seinem Tagebuch schreibt. Durch späte Neuschneefälle hat sich auch die sommerliche Abschmelzzeit verzögert.

Gletschertagebuch 2012 25.06.2012

Spätes Winterende

von Heinz Slupetzky

Porträt Slupetzky 2012

H. Slupetzy

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte. Für science.ORF.at führt er seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

Auf den Gletschern wird meist im Mai die maximale Schneehöhe erreicht, dann beginnt die Zeit der Abschmelzung. Heuer wurden die Schneemengen lange - außer einer kurzen Schmelzphase Ende April - konserviert, mehrmals Neuschnee bis unter die Gletscherenden herab im Mai und Anfang Juni bis hin zur sogenannten Schafskälte Mitte Juni verlängerten die winterliche Akkumulationsperiode.

Stubacher Sonnblickkees, oberhalb des zugefrorenen Weißsees am  2.6. 2012

Stefan Aigner

Stubacher Sonnblickkees, oberhalb des zugefrorenen Weißsees am 2.6.2012.

Gletscherforschung in Österreich

An der Wetterstation Rudolfshütte (2.300 m) war die Summe der Neuschneehöhe seit 1. Juni 45 Zentimeter, d.h. am in der Nähe gelegenen Stubacher Sonnblickkees in der Granatspitzgruppe lag sicher doppelt so viel Neuschnee (Hydrographischer Dienst, Land Salzburg). Mit den Schneefällen am 14. Juni endete praktisch der "Winter" und die Warmluftzufuhr ab 15. Juni kann für die Gletscher als "Sommerbeginn" angesehen werden.

Viel mehr Schnee als im Vorjahr

Schneehöhen am Stubacher Sonnblickkees jeweils am 1. Juni

H. Slupetzky

Die Schneehöhe am Stubacher Sonnblickkees jeweils am 1. Juni in 2510 m Seehöhe.

Spät aber doch kann jetzt die vergangene "Wintersaison" beurteilt werden. Die Messungen der Schneeakkumulation am Sonnblickkees am 1. Juni 2012 ergaben 3,62 Meter Schnee. Der Wert liegt etwas über dem Durchschnitt der Zeitspanne 1973 bis 2011 von 3,48 m.

Dies ist allerdings das mehr als Dreifache an Schnee als im Vorjahr, als ein Minimalstand in der Messreihe beobachtet wurde. Seit 15 (!) Jahren lag nicht mehr so viel Schnee.

Unterschiedlicher Witterungsverlauf

Für die Gletscher ist der Zeitraum, in denen der Niederschlag als Schnee fällt, nicht gleichbedeutend mit den Jahreszeiten, für sie ist die Länge der Akkumulationsperiode maßgebend. So kann diese schon früh im Herbst anfangen und erst im Spätfrühjahr enden. "Zu Beginn des Bilanzjahres, im extrem trockenen Spätherbst 2011, lag deutlich weniger Schnee als in durchschnittlichen Jahren", so Andrea Fischer vom Institut für Gebirgsforschung der ÖAW. Dafür dauerte die Akkumulationszeit lang.

Es ist nicht so sehr maßgebend, wann der Schnee fällt, sondern wie hoch am Ende die "winterliche" Schneedecke ist. Anfang bis Mitte Mai wird von den Glaziologen die Winterbilanz gemessen.

In Österreich war der Winter 2011/12 zeitlich wie räumlich unterschiedlich mit gebietsweise langen trockenen Perioden (im Süden und Südosten) oder Starkschneefällen an der Nordabdachung der Alpen im Jänner. In den Gletscherregionen machte sich dies in der regional ungleichen Verteilung der Schneeniederschläge und in den unterschiedlichen Schneehöhen und damit z.T. voneinander abweichenden Winterbilanzen bemerkbar.

Die Pasterzenzunge am 18. Juni 2012

K. Mariacher

Die Pasterzenzunge am 18.6.2012.

Als Ende April bei einer kräftigen Südströmung warme Saharaluft in den Föhngebieten die Temperaturen auf sommerliche Rekordwerte steigen ließ, hätte das ein sehr früher Beginn der Abschmelzzeit auf den Gletschern sein können. Allerdings häuften sich anschließend die Schneefälle im Gebirge. Erst mit den heißen Tagen ab 15. Juni setzte die Schneeschmelze auch in der Höhe voll ein.

Die Pasterzenzunge begann damit heuer später auszuapern als im Vorjahr, allerdings war die Pasterze aufgrund ihrer Lage südlich des Alpenhauptkammes bei Nordstaulagen benachteiligt, auch die Niederschläge von Süden fielen zu gering aus, sodass der Ausaperungsbeginn eher dem Durchschnitt entsprach.

Begünstigte Nordstaulagen

Schneeschacht am Goldbergkees. Es wird u.a. die Schneeakkumulation und deren Wasserwert als "Brutto"-Massenzuwachs an diesem Punkt gemessen.

B. Hynek

Schneeschacht am Goldbergkees (1.5.). Es wird u.a. die Schneeakkumulation und deren Wasserwert als "Brutto"-Massenzuwachs an diesem Punkt gemessen.

Am meisten profitiert haben heuer die Gletscher in Nordstauwetterlagen. Am nordexponierten Hallstätter Gletscher/Dachstein führten sie zu überdurchschnittlich viel Schnee. Der tiefste Schneeschacht erbrachte 7,8 Meter (!) Schneehöhe, auf der Gletscherzunge waren es über vier Meter Schnee (Institut für Gebirgsforschung, ÖAW). Auch der Jamtalferner/Silvretta hatte deutlich mehr Massenzuwachs (Institut für Meteorologie, Uni Innsbruck).

Die Südseite der Alpen war benachteiligt. Beim südlich gelegenen Wurtenkees in der Goldberggruppe fehlte in der Winterbilanz 25 Prozent gegenüber dem 10-jährigen Mittel (ZAMG). Das Kleine Fleißkees bilanzierte knapp unter dem 10-jährigen Mittel (ZAMG). - Das südexponierte Mullwitzkees/Venedigergruppe profitierte auch nicht von höheren Niederschlägen, heuer waren die Verhältnisse ähnlich den früheren Jahren (Uni Innsbruck).

Unterschiedliche Methoden zur Bestimmung der Winterakkumulation am Kleinen Fleißkees (1.5.): Messpegel, Sondierung der Schneehöhe, Georadar

B. Hynek

Unterschiedliche Methoden zur Bestimmung der Winterakkumulation am Kleinen Fleißkees (1.5.): Messpegel, Sondierung der Schneehöhe, Georadar.

Die Gletschern in den Zentralalpen nahe dem Hauptkamm und nach Norden exponiert haben kaum von den Nordstau(wetter)lagen profitiert; am wenigsten der Hintereisferner/Ötztaler Alpen (Uni Innsbruck), für den der Niederschlag aus dem Süden maßgebend ist. Ähnlich dem im hinteren Ötztal gelegenen Vernagtferner, der heuer die Akkumulationsperiode mit etwa 80 Prozent der mittleren Winterbilanz abschloss (Bayerische Akademie der Wissenschaften).

Für das Goldbergkees (beim Hohen Sonnblick) konnte eine Winterbilanz von ca. sieben Prozent über dem 10jährigen Mittel bestimmt werden (ZAMG). Beim Venedigerkees im Obersulzbachtal wurde heuer eine neue Messreihe begonnen (Hydrographischer Dienst Salzburg), in den gegrabenen Schneeschächten wurden 3,40 bis 3,60 Meter gemessen und bei den Sondierungen drei bis fünf Meter.

Negative Bilanz dennoch wahrscheinlich

Die Schneehöhen Mai/Juni geben aber nur bedingt Anhaltspunkte für die kommenden Jahresbilanzen der Gletscher. Es hat sich herausgestellt, dass die Witterung im Sommer einen größeren Einfluss auf die Jahresbilanz hat als der Winterablauf und die Schneemengen auf den Gletschern. Nur in Jahren mit großen Schneehöhen spielt das eine gewichtigere Rolle, so ist eine Schneehöhe am Stubacher Sonnblickkees am 1. Juni von fast sechs Metern (!) eine sehr gute Voraussetzung, ein extrem geringer Wert von nur einem Meter, wie in den Jahren 2001 und 2007, eine sehr schlechte.

Betrachtet man die jährlichen Massenbilanzen des Sonnblickkeeses seit 1982, so waren bei Schneehöhen am 1. Juni von über vier Metern vier Bilanzen negativ und eine positiv. Waren die Schneehöhen zum selben Zeitpunkt über drei Meter, so endeten in den drei Jahrzehrzehnten 13 Haushalte negativ und sechs positiv.

Eine grobe Abschätzung der mittleren Temperaturverhältnisse Juni bis August ergibt eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit für überdurchschnittliche Temperaturen. Die aktuelle Saison-"Prognose" der ZAMG deutet somit auf einen zu warmen Hochsommer hin. Beim Stubacher Sonnblickkees wird ein Rekordverlust wie 2003 und 2007 und auch eine stark negative Massenbilanz wie im Vorjahr wohl nicht erreicht werden. Die heurige Bilanz wird wahrscheinlich dennoch wieder mit einem Verlust enden.

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