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Mathematische Formel

Studie + Mathe = weniger Zitate

Wurzel, Integral und Ableitung: Viele Menschen bekommen beim Gedanken an ihre Mathematikstunden eine Gänsehaut und vermeiden tunlichst jeden Kontakt. Offenbar geht es vielen Wissenschaftlern ähnlich: Sobald eine Studie mehr als eine Gleichung pro Seite aufweist, wird sie deutlich seltener zitiert.

Rezeption 25.06.2012

Jene Studien, die am meisten mit Mathematik vollgepackt waren, wurden laut einer nun veröffentlichten Untersuchung um die Hälfte weniger zitiert als jene mit nur einer Gleichung pro Seite oder weniger. Die Forscher raten ihren Kollegen zur weniger Rechnungen und mehr Beschreibungen, wenn ihre Ergebnisse breit rezipiert werden sollen.

Die Studie:

"Heavy use of equations impedes communication among biologists" erscheint zwischen 25. und 29. Juni 2012 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (DOI:10.1073/pnas.1205259109).

Gleichungen halbieren Verkaufszahlen

"Man hat mir gesagt, dass jede Gleichung in dem Buch die Verkaufszahlen halbiert. Dennoch habe ich mich entschlossen, eine Gleichung aufzunehmen. Ich hoffe, damit nicht die Hälfte meiner Leserschaft vertrieben zu haben", schreibt der weltberühmte Physiker Stephen Hawking in seinem Buch "Eine kurze Geschichte der Zeit".

Aber Mathematik hat nicht nur auf das allgemeine Publikum eine nachhaltig abschreckende Wirkung, sondern offenbar auch auf Fachkollegen in der Wissenschaft - zumindest meinen die Biologen Tim Fawcett und Andrew Higginson von der Universität Bristol, das mit ihrer Studie belegen zu können. Motivation für die Untersuchung war die Frage, warum spannende Papers manchmal nicht jene Aufmerksamkeit bekommen, die sie ob ihres Inhalts verdienen würden.

Gleichungen pro Seite

Die Forscher wählten drei Journals aus, die sich auf die Themengebiete Ökologie und Evolution spezialisieren: "Evolution", "Proceedings of the Royal Society B" und "The American Naturalist". Die Forscher griffen zu den Ausgaben des Jahres 1998, damit die Zitierungen realistisch gemessen werden konnten. Sie analysierten alle Papers auf den Mathematikgehalt, der zwischen null und mehr als sieben Rechnungen im Schnitt pro Seite schwankte.

Um den wissenschaftlichen Impact zu berechnen, zogen Fawcett und Higginson den "Science Citation Index" von Thompson Reuters heran. Die Bandbreite der Zitierungen schwankte zwischen null und 374 Mal. Nun galt es, die Verbreitung mit der Mathe-Lastigkeit in Beziehung zu setzen.

Mathe vergrault Leser

Die Ergebnisse waren eindeutig: Findet sich im Schnitt auf jeder Seite des Papers eine Gleichung, kostet das 28 Prozent der Zitierungen. Steigt die Mathematikdichte auf mehr als eine Rechnung pro Seite, beziehen sich bis zu 50 Prozent weniger Fachkollegen auf die betreffende Studie.

Leicht abgeschwächt wird dieser Effekt nur dann, wenn es sich beim Paper um eine theoretisch gehaltene Studie handelt. "Die Wirkung einer wissenschaftlichen Arbeit wird offenbar nicht so sehr durch neue Ergebnisse und fachliche Exzellenz bestimmt, sondern zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil durch die Unlust, sich mit Mathematik auseinanderzusetzen", fassen die Wissenschaftler zusammen.

Für publizierende Biologen haben sie folgende Ratschläge auf Lager: Gleichungen vermeiden, falls das aber nicht möglich sein sollte, unbedingt um erklärenden Text ergänzen (wobei Fawcett und Higginson gleich ergänzen, dass das oft an den Journals scheitert, die die kürzere Rechnung der langen Beschreibung vorziehen); grundsätzlich an einer besseren mathematischen Bildung des Nachwuchs arbeiten, damit die Hemmschwelle bei den nachfolgenden Generationen sinkt; und ganz pragmatisch: Die Mathematik in den Appendix einer Studie verräumen, dort interessiert - und verschreckt - sie laut Studie niemanden mehr.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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