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Gold-, Silber- und Bronzemedaille der Olympischen Sommerspiele in London 2012, in der Mitte liegt die Goldene

Prognose: USA vor China und Russland

Wolfgang Maennig war 1988 Olympiasieger im Rudern, danach wurde er Professor für Volkswirtschaft. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Vorhersagemodellen, die auf ökonomischen und sozialen Faktoren beruhen. Damit lässt sich u. a. prognostizieren, welches Land wie viele Medaillen bei den Olympischen Spielen in London gewinnen wird.

London 2012 27.07.2012

USA vor China, Russland, Gastgeber Großbritannien und Australien, so die Berechnung von Maennig. Österreich wird vier Medaillen gewinnen und damit auf Platz 38 kommen, sagt der Volkswirtschaftler im Interview. Es ist gleichzeitig Auftakt für eine neue Kurzserie in science.ORF.at: Darin werden während der Olympischen Spiele Wissenschaftler vorgestellt, die in ihrem früheren Leben erfolgreiche Spitzensportler waren.

Porträtfoto von Wolfgang Maennig, Volkswirtschaftler und ehemaliger Ruder-Olympiasieger

Universität Hamburg

Wolfgang Maennig ist Professor im Fachbereich Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg mit den Forschungsschwerpunkten Internationale Wirtschaftsbeziehungen, Wirtschaftspolitik und Ökonomie des Sports.

Links:

Serie in Ö1 und science.ORF.at:

Während der Olympischen Spiele stellen wir eine Reihe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen vor, die früher im Spitzensport erfolgreich waren: zu hören in Wissen aktuell, zu lesen in science.ORF.at.

science.ORF.at: Wie oft rudern Sie heute noch?

Wolfgang Maennig: Höchstens ein oder zweimal im Jahr, und das deutlich langsamer als früher (lacht).

Wie sind Sie zu dem Sport gekommen?

Per Zufall. Meine Eltern sind in eine Gegend umgezogen, wo es kaum Kinder gegeben hat. Ich hätte mich fast zu einem Stubenhocker entwickelt, wenn meine Mutter nicht gewesen wäre. Sie war Lehrerin, einer ihrer Schüler war begeisterter Steuermann. Sein Trainer hat gerade einen großen Jungen gesucht: Das war dann ich mit zwölf Jahren. Bei einer Art Jugendstaatsmeisterschaft bin ich gleich Zweiter geworden, damit war das Feuer entfacht, mehr erreichen zu wollen.

Worin liegt der Reiz des Ruderns?

Wenn man eine bestimmte Zeit im Rhythmus ist, dann hat es etwas Meditatives. Auch wenn es anstrengend ist: Man kommt in einen Flow, schwebt auf dem Boot wie auf einer Wolke, das ist ein tolles Gefühl. Das kennen sicher auch andere Ausdauersportarten wie Laufen oder Radfahren, beim Rudern kommt aber hinzu, dass es eine Mannschaftssportart ist. Jeder ist vom anderen abhängig, muss sich 100-prozentig auf ihn einstellen. Es geht sehr viel um Harmonie und Abstimmung, das ist praktisch wie im Tanzsport.

Der Olympiasieg von Seoul 1988 im Achter war Ihr größter sportlicher Erfolg?

Ja, das ist schwer zu toppen. Damit ist der Traum jedes jungen Menschen, der Sport betreibt, in Erfüllung gegangen. Da ist Druck von den Schultern gewichen, den man sich auch selbst gemacht hat.

Wie sind Sie dann an die Universität "gerudert"?

Ich habe parallel studiert und mich auf die Olympischen Spiele von Seoul vorbereitet. So etwas geht sicher nicht in allen Studienrichtungen, in der Biologie etwa muss man im Labor stehen, aber bei einem geisteswissenschaftlichen Studium wie der Volkswirtschaftslehre ging das. Ich hatte in den Trainingslagern immer Computer und Literatur dabei. Ein Jahr nach Seoul habe ich mit dem Leistungssport aufgehört, da war ich 29, ein Jahr später habe ich mich habilitiert. Durch den Stress dieser Zeit habe ich den Sport gar nicht vermisst. Ich wurde dann schnell an den Berliner Zweig der französischen Elitehochschule ESCP berufen, später kam ich dann an die Universität Hamburg.

Haben Sie sich von Beginn an mit der Ökonomie des Sports beschäftigt?

Nein. Ich wollte die beiden Bereiche anfangs gar nicht miteinander verbinden, weil Sport für mich eine Sache des Herzens und Ökonomie eine der Vernunft war. Es kam dann eher zufällig: Berlin bewarb sich für die Olympischen Spiele 2000. Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume, hörte sich meinen Habilitationsvortrag an, der über die Kosten und Nutzen von Olympischen Spielen in Deutschland ging, und fragte mich, ob ich eine Studie für Berlin machen möchte. Mit einem Team haben wir dann in nur drei Monaten die Fragen des Internationalen Olympischen Komitees über die Finanzierung und volkswirtschaftliche Aspekte der Berlin-Bewerbung beantwortet. Berlin wurde dann zwar nicht ausgewählt, aber ich habe gemerkt, wie groß der Bedarf an Sportökonomie ist. Auch an der Uni Hamburg war die Nachfrage stark, sodass ich Sportökonomie bis heute in Forschung und Lehre betreibe.

Eines Ihrer Forschungsthemen betrifft genau diese Olympia-Bewerbungen. Sie haben Studien geschrieben, die vorhersagen, welche Städte vom IOC ausgewählt werden …

Wir verwenden dafür "harte" Daten wie z.B. das Wirtschaftswachstum eines Landes und die Stabilität - gemessen in Inflation oder Korruptionsstatistiken -, die klimatischen Bedingungen, die Größe der Stadt, die Entfernung vom Olympischen Dorf zu den nächsten Flughäfen etc. Mit solchen Fakten sind wir in der Lage, sehr gut vorherzusagen, welche Stadt die Olympischen Spiele veranstalten darf. Von acht Entscheidungen für Winterspiele waren sieben mit unserer Methode vorhersagbar.

Konnten Sie damit auch die Vergabe der Sommerspiele in London vorhersagen?

Die Studie stammte von einem Zeitpunkt, als London noch nicht als Ausrichter feststand. Es kann durchaus sein, dass unser Modell zwischen London und dem Mitbewerber Paris nicht hätte unterscheiden können - die Entscheidung war ja sehr knapp. Die beiden Städte und die dahinter stehenden Volkswirtschaften und Konzepte ähneln einander stark.

Welchen praktischen Nutzen haben diese Vorhersagen?

Man könnte Ländern oder Städten, die keine Chance haben, damit von vorneherein objektiv sagen: Leute, bei euch ist es zu heiß, oder ihr seid zu klein, oder euer Konzept ist falsch, weil die Distanz zwischen den Austragungsstätten und dem Olympischen Dorf zu weit ist. So könnten Kosten vermieden werden, da eine Bewerbung für Olympische Sommerspiele mittlerweile bis zu 100 Millionen Dollar kostet. Oder das Konzept könnte angepasst werden, indem z.B. die Distanz zwischen Flughafen und Olympischem Dorf verkürzt wird.

Harte Fakten sind das eine, aber es gibt auch politische Gründe für die Vergabe von Sportgroßereignissen, wenn man z.B. an die Fußball-WM 2022 denkt, die in Katar stattfinden wird. Stößt in diesem Fall die Rationalität der Ökonomie an ihre Grenzen?

Da schwingt latent der Vorwurf nicht nur von politischem Einfluss mit, sondern auch von Korruption. Dazu ist zu sagen, dass auch Korruption ökonomisch erklärt werden kann. Korruption heißt: Es verspricht sich jemand einen finanziellen Vorteil und wählt dazu eine Handlungsweise, die er sonst nicht wählen würde. Ökonomischer geht’s ja gar nicht. Aber: Unsere Studien zeigen, dass andere Determinanten wie Höhenlage, Schneefall, Schneemenge usw. bei den Winterspielen die Entscheidung exzellent erklären und somit für andere Variablen sehr wenig Platz ist. Das ist, wenn Sie so wollen, eine Art Persilschein, dass bei der Vergabe der Olympischen Spiele die Korruption nicht entscheidend war. Das heißt nicht, dass es keine gab, aber sie hatte keinen wesentlichen Anteil an der Entscheidung.

Nach dem Korruptionsskandal um die Winterspiele 2002 in Salt Lake City mussten dennoch einige IOC-Mitglieder gehen, die sich bestechen ließen …

Das stimmt. Aber unsere Analyse zeigt, dass auch ohne Korruption die harten Fakten für Salt Lake City und gegen die anderen Bewerber gesprochen haben. Die Stadt hätte es gar nicht nötig gehabt, die IOC-Mitglieder zu bestechen.

Eine andere Art der Prognose betrifft die Anzahl an Medaillen, die die einzelnen Länder bei den Spielen gewinnen werden. Was sagen Sie für London voraus?

Platz Eins sollte mit 96 Medaillen wie vor vier Jahren an die USA gehen, knapp vor China mit 91 Medaillen und Russland mit 66. Gastgeber Großbritannien sollte den vierten Rang belegen und auf 60 Medaillen kommen, dann wird es sehr eng zwischen Australien mit 40, Frankreich und Deutschland mit je 38 Medaillen. Österreich wird laut unseren Berechnungen vier Medaillen gewinnen, das wäre Rang 38 in der Nationenwertung.

Worauf beruhen diese Prognosen?

Streng genommen sind das keine Prognosen, sondern Benchmark-Berechnungen für die jeweiligen Länder. Die wichtigsten Faktoren sind die Bevölkerungszahl - sie bestimmt den Pool an sportlichen Talenten - und die Wirtschaftskraft, die ein guter Näherungswert für das technische Wissen einer Volkswirtschaft ist. Dazu kommen noch andere Faktoren wie z.B. die Frauenpartizipation in einer Gesellschaft. Arabische Länder, die keine Frauen schicken, haben von vornherein nur halb so viele Medaillenchancen. Aus diesen und anderen "harten Fakten" können wir den Medaillenerfolg vorausberechnen, der sich ergeben müsste, wenn das jeweilige Hochleistungssportsystem eine weltdurchschnittliche Effizienz hätte. Unsere Berechnungen liegen regelmäßig dicht an den tatsächlichen Resultaten.

Sie verwenden also nicht nur ökonomische Variablen?

Nein, auch sozioökonomische. Frauenbeteiligung etwa ist keine ökonomische Variable im engeren Sinne, sondern eine politisch motivierte. Ein anderes Beispiel: Früher hat es den "Ostblock-Faktor" gegeben. Länder des Ostblocks haben deutlich mehr Medaillen gewonnen als nach ihrer Wirtschaftskraft und Bevölkerungsgröße "angemessen" gewesen wäre. Der Osten wollte demonstrieren, wie leistungsfähig er ist, und hat deshalb viel Geld und Wissen in den Sport investiert. Eine weitere wichtige Variable ist die Erfahrung. Und die messen wir durch die Anzahl der Medaillen bei den vorhergehenden Olympischen Spielen. Die Annahme lautet: Wer eine Medaille in einer bestimmten Sportart gewonnen hat, verfügt offenbar über die entsprechenden Trainer, Mediziner, technisches Wissen und Strukturen - und das wird auch bei den nächsten Spielen genutzt.

Gibt es einen Unterschied zwischen Winter- und Sommerspielen?

Selbstverständlich. Bei den Sommerspielen sind ganz klar Bevölkerungsgröße, Wirtschaftskraft und die Erfahrung die entscheidenden Größen. Bei den Winterspielen gibt es klimatisch bedingt nur ein paar europäische und nordamerikanische Nationen, die mitmachen. So kommt es, dass auch relativ bevölkerungsarme und kleine Länder wie Österreich und die Schweiz, die aber hervorragende Bedingungen für Wintersport bieten, bei Winterspielen auftrumpfen können.

Lassen sich diese Resultate von staatlicher auf die individuelle Ebene übertragen bzw. welche Faktoren braucht es für erfolgreiche Sportler?

Mir ist keine Studie bekannt, die solche sozioökonomischen Zusammenhänge untersucht hat. Für die meisten Sportarten gilt wohl, dass das Talent dominiert, die richtigen biometrischen Maße je nach Disziplin. Im Rudern müssen Sie eine bestimmte Körpergröße haben, das Gewicht darf nicht zu hoch und nicht zu niedrig sein, im Turnen dürfen Sie eine bestimmte Körpergröße nicht überschreiten etc. Das dürfte viel wichtiger sein als die Vermögenssituation Ihrer Eltern. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen: Talent ist ein Drittel, ein Drittel ist der Wille, das letzte Drittel ist Glück. Man kann talentiert sein, noch so eifrig trainieren und dennoch keinen Erfolg haben. Das gibt’s halt auch im Sport, es geht nicht immer gerecht zu.

Unterscheidet sich die Wissenschaft in dieser Hinsicht vom Sport?

Nein. Karl Adam, der "Ruderprofessor", hat einmal gesagt, dass die Struktur der Leistung auf allen Gebieten gleich ist, und dem stimme ich zu. Sie mag nicht identisch sein, ist in der Kunst vielleicht anders. Aber dass Talent nur einen bestimmten Teil erklärt, dass oft Hochtalentierte, weil sie nicht gefördert werden oder nicht den Willen entwickeln, nicht sehr weit kommen, das gilt auch hier. Glück spielt überall eine Riesenrolle, das wird Ihnen, wenn sie ehrlich sind, auch jede Spitzenführungskraft in der Wirtschaft bestätigen. Und in der Wissenschaft gilt das auch.

Haben Sie aus dem Rudersport etwas mitnehmen können in die Wissenschaft, das Ihnen hier hilft?

Ja, das Wichtigste am Leistungssport ist, dass man mit Niederlagen umgehen kann. Das unterscheidet Hochleistungssportler von vielen anderen: die Fähigkeit, eine Niederlage, nicht gerade lächelnd, aber hinzunehmen und daraus einen Willen zu entwickeln, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Was entspricht in der Wissenschaft der Niederlage im Sport?

Etwa wenn man eine gute Arbeit schreibt, sie in einer hochrangigen Zeitschrift einreicht, Referees dann merkwürdige Kommentare abgeben und die Studie abgelehnt wird. Oft sind die Kommentare sehr hilfreich und konstruktiv, manchmal aber nicht. Dann darf man wie im Sport nicht aufgeben. Es gibt den Fall des US-Ökonomen und späteren Nobelpreisträgers George Akerlof, der einen Artikel geschrieben hat, der heute als bahnbrechend gilt, zuvor aber von sechs Spitzenjournals abgelehnt worden war.

Noch etwas, das Sie aus dem Rudern in den Sport übernommen haben?

Rudern ist eine rhythmische Angelegenheit und das sollte auch die Wissenschaft sein. Man muss versuchen, Anspannung und Entspannung angemessen abzuwechseln. D.h. Erholungsphasen sind extrem wichtig. Es leistet nur der dauerhaft gut, der neben Phasen intensivster Anspannung auch Phasen der Entspannung findet.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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