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Jemand trägt eine schwarze Armbinde zu seinem weißen Anzug

Mit schwarzer Armbinde zu zwei Karrieren

Wolfgang Mayrhofer erforscht an der Wirtschaftsuniversität Wien Karriereverläufe. Seine eigene Karriere ist sehr bunt verlaufen. Vor der Wissenschaft war er Spitzensportler, gewann bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980 eine Silbermedaille im Segeln. In Erinnerung blieb er vor allem, weil er bei der Siegerehrung eine schwarze Armbinde trug.

Olympische Spiele 3 02.08.2012

Sein persönlicher Protest gegen die sowjetische Invasion in Afghanistan, wegen der zahlreiche Länder die Spiele von Moskau boykottiert hatten, machten Mayrhofer weltbekannt. Im science.ORF.at-Interview spricht er über seine eigenen Karrieren in Sport und Wissenschaft sowie die Karrieren, die er nun als Forscher untersucht.

Portätfoto des Wirtschaftswissenschaftlers Wolfgang Mayrhofer

WU Wien

Wolfgang Mayrhofer ist Leiter der Interdisziplinären Abteilung für Verhaltenswissenschaftlich Orientiertes Management an der Wirtschaftsuniversität Wien

Links:

Literatur:

Serie in Ö1 und science.ORF.at:

Während der Olympischen Spiele stellen wir eine Reihe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen vor, die früher im Spitzensport erfolgreich waren: zu hören in Wissen aktuell, zu lesen in science.ORF.at.

Die weiteren Teile der Serie:

science.ORF.at: Geben Sie mir Recht, wenn ich sage: Segeln ist ein wichtiges kulturelles Kapital?

Wolfgang Mayrhofer: Nein, Österreich ist keine Seefahrernation, wir haben eher eine leidvolle maritime Geschichte. Aber: Wenn man die Dreiteilung in ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital verwendet, wie es der französische Soziologe Pierre Bourdieu vorgeschlagen hat, dann ist Segeln Kulturkapital. Bourdieu sagt aber auch, dass diese Kapitalien nicht per se existieren, sondern abhängig vom Feld sind, in dem man sich bewegt. Skifahren ist in Sambia nur bedingt ein kulturelles Kapital, ähnliches gilt für Segeln in Österreich. Erfolgreich Segeln hingegen kann schnell zu kulturellem Kapital werden. Erfolg verleiht dem, was man tut, einen Wert. Das bemerkt man natürlich auch im Alltag: Die Leute grüßen einen, die Schule ist etwas nachsichtiger, man hat gewisse Startvorteile.

Was waren Ihre größten Erfolge als Segler und wie sind Sie dem Sport heute noch verbunden?

Ich habe mit fünf Jahren mit dem Segeln begonnen, 1969 war ich der weltweit beste Segler in der Optimist-Klasse unter 12, danach Jugendstaatsmeister, Staatsmeister, Vizeuropameister der Junioren, dann kam die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1980 in Tallin, in meiner Klasse Finn-Dinghi. Heute fahre ich nur noch zum Vergnügen, mitunter auch eine Regatta auf dem Neusiedlersee. Aber das ist so ähnlich wie die Altherrenpartien im Fußball, man trifft sich mit ein paar Gleichgesinnten, und am Sonntagabend ist alles vorbei.

Sie waren mit 22 Jahren recht jung, als Sie Olympiasilber gewonnen haben. Hat das Ihren Abschied vom Sport beschleunigt?

Ich hatte von frühester Kindheit an zwei Träume: erstens ein sehr guter Segler zu werden und zweitens an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Ein guter Segler war ich mit Sicherheit in Moskau schon, ich hätte mich aber noch verbessern können. Die Silbermedaille zu übertreffen, wäre aber sehr schwer gewesen. Auf der anderen Seite hatte ich bereits 1977 mit meinem Betriebswirtschaftsstudium begonnen. Ich befand mich also in einer Trade-off-Situation: Entweder sportlich weiterentwickeln mit wenig Aussicht auf größere Erfolge oder beruflich. Ich war schon damals Ökonom genug um zu wissen, dass ersteres ein schlechtes Geschäft ist. Deshalb habe ich beschlossen, nur noch bis zur Heim-EM 1983 auf dem Neusiedlersee zu segeln, und mich dann auf meine wissenschaftliche Laufbahn zu konzentrieren.

Wolfgang Mayrhofer bei den Olympischen Spielen 1980 in seinem Segelboot

Wolfgang Mayrhofer

Wolfgang Mayerhofer bei den Segelbewerben 1980 vor der Küste Tallins im heutigen Estland

Wie war der Übergang vom Sport zur Wissenschaft?

Schwierig. Segeln war seit der Kindheit ein wesentlicher Bestandteil meiner persönlichen und sozialen Identität. An der Uni fing ich wieder bei null an. Mein damaliger Doktorvater, obwohl sportaffin, meinte: "Wenn du schnell um drei Bojen segeln kannst, ist das zwar fein, hilft dir wissenschaftlich aber gar nichts." Da wieder als Novize anzufangen, nachdem man zuvor auf einem Podest gestanden ist, war schon schwierig. V.a. was die Frage des Selbstverständnisses betrifft: Was bin ich, ein abgehalfterter Ex-Spitzensportler? Bei den Regatten schaut man dem eigenen Verfall zu, auf der Universität bist du ein Niemand. Erst Mitte der 1990er Jahre konnte ich auf eine Regattabahn gehen und mehr oder minder vollen Herzens sagen: Ich bin hier als Freizeitsegler und nicht als ehemaliger Spitzensportler.

Gibt es etwas, was Sie im Sport gelernt haben, das Ihnen bis heute in Ihrer Arbeit hilft?

Eine ganze Menge, wobei ich nicht weiß, ob das spezifisch für die Wissenschaft ist. Ein erster Punkt ist die langfristige Perspektive. Im Sport wirst du nicht von heute auf morgen gut, sondern du brauchst zehn oder 15 Jahre Aufbauarbeit. Das ist in der Wissenschaft nicht anders, den langen Atem lernst du beim Sport. Zweitens: Umgang mit Rückschlägen. Die meisten Sportkarrieren verlaufen nicht linear, sondern immer wieder auf und ab. Auch das ist in der Wissenschaft ähnlich. Drittens hast du in beiden Bereichen über weite Strecken ein relativ klares Input-Output-Verhältnis. Je mehr du reinsteckst, desto mehr kommt raus. Das allerletzte Stückchen zum Erfolg ist Glück, Talent oder Fügung, wie auch immer man das bezeichnet. Aber damit du ein sehr guter Sportler oder Wissenschaftler wirst, bedarf es der ganz klassischen protestantischen Arbeitsethik: um acht Uhr mit der Arbeit anfangen, um 18 Uhr aufhören, dann wird das was.

Früher hat das Training bedeutet, was heißt das heute für Sie?

In unserem Fach: viel lesen, sauber theoretisch arbeiten, ein entsprechendes empirisches Design machen, auf Konferenzen gehen, mit Kollegen sprechen, mit Ablehnungen von Fachzeitschriften umgehen können, sich nicht entmutigen lassen. Es gilt die abgedroschene Formel: 99 Prozent Transpiration und ein Prozent Inspiration. Ich bin nicht nobelpreisverdächtig, in meinem Feld - Karriereforschung und international vergleichende Personalforschung - bin ich zwar international bekannt, aber bei weitem kein Superstar. Und diese Position kann man mit harter Arbeit erreichen.

Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit Karrieren: Was heißt es eigentlich, "Karriere zu machen"?

Die Karriereforschung unterscheidet zwei Perspektiven. Zum einen die objektive Karriere, da geht es darum, welche beobachtbaren Positionen Personen in einem sozialen Feld einnehmen. In diesem Sinne gibt es z.B. Rauschgift-, Hausfrauen- und Berufskarrieren. Entsprechende Erfolgsdimensionen sind Einkommen oder Aufstieg. Die zweite Perspektive betrifft die subjektiven Karrieren. Hier fragt man sich, wie Personen ihre objektiven Karrieren erleben, Kriterien dafür sind etwa Zufriedenheit und Glück. Diese beiden Karriereperspektiven klaffen oft auseinander. Es gibt Menschen, die objektiv nicht erfolgreich sind in ihrer Karriere, subjektiv aber hochzufrieden. Und umgekehrt.

Was sind die wichtigsten Faktoren für objektiv erfolgreiche Karrieren?

Zum einen soziodemografische Faktoren, am wichtigsten ist dabei die soziale Herkunft. Superverkürzt könnte man sagen: Eliten produzieren Eliten. Kinder mit guter sozialer Umgebung haben deutliche Startvorteile. Zum anderen gibt es persönliche Erfolgsfaktoren wie Flexibilität, Gewissenhaftigkeit, aber auch Führungs- und Leistungsmotivation. Das Geschlecht ist einer der wichtigsten persönlichen Faktoren, die sich auf Einkommen etc. auswirken.

Sie untersuchen Karrieren auch historisch. Haben sie sich in den vergangenen 30 Jahren in unseren Breitengraden verändert?

Die Volksweisheit würde vielleicht "Ja" sagen: Karrieren seien heute viel flüssiger und unberechenbarer als früher. Unsere Studienergebnisse sind da deutlich skeptischer. Es stimmt schon, es gibt eine gewisse Tendenz in diese Richtung. Karrieren verlaufen heute weniger durchgängig, es gibt viel mehr Mikrozyklen, d.h. Personen fangen in einer neuen Position an, etablieren sich ein wenig, wechseln dann das Feld und fangen etwas ganz Anderes an. Diese Effekte sind aber sehr viel schwächer, als man sich das vorstellt. Ein Beispiel: Wir untersuchen mit Hamburger Kollegen gerade die Karriereverläufe von Führungskräften in Deutschland, was interne und externe Jobwechsel betrifft. Das Ergebnis: Die Wechselhäufigkeit als wesentliches Element von Laufbahnmustern zwischen 1984 und heute hat sich genau gar nicht verändert. Der einzige wirkliche Einflussfaktor, der sich auswirkt, ist die Konjunktur. Mehr Konjunktur bedeutet mehr Wechsel, weniger Konjunktur weniger Wechsel.

Wie wirken sich Krisen wie die aktuelle auf Karriereziele aus?

Wir haben untersucht, in welche Bereiche Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge tendieren, und dabei vier Wunschziele definiert: große Unternehmen, chronisch Flexible (die nacheinander verschiedene Tätigkeiten ausüben), klassische Selbstständige sowie freie Experten (die ihre Kompetenzen gleichzeitig mehreren Auftraggebern zur Verfügung stellen). Über die Jahrgänge hinweg zeigte sich ein recht stabiler Anteil von Personen, die in großen Unternehmen arbeiten wollen, von rund 50 Prozent. Wenn es der Wirtschaft gut geht, sind es etwas weniger, mit der Krise werden es wieder mehr. Die großen Unternehmen erscheinen als der sichere Hafen. Aber auch hier gilt: Es gibt viel weniger Veränderungen, als man glaubt.

Welche Rolle spielt aufmüpfiges Verhalten für eine Karriere - von der Norm abweichende Handlungen, die dann vielleicht zu neuen Perspektiven führen?

Die Variable haben wir so nicht untersucht. Am ehesten liegt sie in unseren Daten in der Kombination von Risikoneigung und Offenheit für Neuerungen. Aber ich weiß, auf was Sie hinauswollen …

Genau: Welchen Einfluss hat die schwarze Armbinde, die sie zum Protest gegen den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan bei den Olympischen Spielen in Moskau getragen haben, auf Ihre Karriere gehabt?

Erstaunlich wenig. Politisch Interessierte fragen mich bis heute, ob ich der mit der Armbinde bin. Aber ansonsten ist das nicht spürbar. Was ich manchmal an Zwischentönen in Gesprächen höre, ist eine andere Kategorisierung: Man kommt nicht gleich in das Kastel des "Sportlers als hirnloses Muskelpaket". Die Tatsache, dass ich erfolgreich gesegelt bin, war aber zehnmal wichtiger als mein Protest in Moskau. Und zwar in beiden Karrierebereichen, im Sport und in der Wissenschaft.

Warum haben Sie sich überhaupt zu diesem politischen Statement entschlossen?

Es war damals eine sehr schwierige Situation für mich. Ich fand die Reaktion der Politiker auf den Afghanistan-Einmarsch im Vorfeld der Spiele extrem heuchlerisch. Und zwar sowohl in Österreich, wo alles geopfert wurde, was die Wirtschaft und der Politik nichts gekostet hat. Das gilt auch für die Länder, die Moskau dann tatsächlich boykottiert haben. Das hat für regierende Weltmeister und viele andere Kollegen bedeutet, dass sie jahrelang für nichts trainiert hatten. Das hat mich rasend gemacht. Und so hat sich für mich die Frage gestellt, ob ich da überhaupt hinfahren soll. Es war ein schwieriger Kampf, das zu entscheiden.

Wie haben Sie sich dann entschieden?

Ich habe viel mit Freunden gesprochen, viel nachgedacht. Aus heutiger Sicht wäre es richtiger gewesen, nicht hinzufahren. Aber ich habe diese Entscheidung damals nach 17 Jahren Training nicht übers Herz gebracht. Ich wollte aber auch nicht im Geheimen zornig sein, habe deshalb verschiedene Protest-Utensilien nach Moskau geschmuggelt. Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, mich auch nicht erkundigt, ob ich deshalb von den Spielen ausgeschlossen werden kann. Die Protestform, die ich dann gewählt habe, die schwarze Armbinde, war dann vermutlich sehr österreichisch. Ich hätte auch anderes tun können, etwa im Olympischen Dorf ein Transparent entrollen. Ich wollte aber auch nicht, dass andere denken, dass ich mich damit aus Selbstverliebtheit zum Märtyrer stilisiere. Außerdem hatte ich auch Verbindlichkeiten gegenüber dem Verband und habe so einen Mittelweg gewählt, der sicher auch angreifbar ist.

Wie beurteilen Sie Ihren Protest aus der Sicht von heute?

OK, wenn ich an die Interessensbalance denke. Das Hinfahren selbst ist noch immer ein Stachel im Fleisch. Aber das Leben ist halt ein Trade-off: Das reine Weiße spielt es selten. Die Iren reklamieren "40 shades of green" für ihre Insel, und das Leben ist halt "100 shades of grey".

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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