Standort: science.ORF.at / Meldung: "Bedrohte Männlichkeit macht risikofreudiger"

Ein Broker an der Frankfurter Börse, im Hintergund ein Aktienkurs.

Bedrohte Männlichkeit macht risikofreudiger

Für die aktuelle Finanzkrise gibt es viele Erklärungen. Eine davon lautet: Testosterongesteuerte Aktienhändler haben sie ausgelöst, weil sie bei ihren Geschäften zu riskant spekuliert hatten. Dass zu viel "Männlichkeit" tatsächlich die Neigung zu Finanzabenteuern erhöht, haben nun US-Psychologen experimentell bestätigt.

Psychologie 05.07.2012

Die Studie:

"Intrepid, Imprudent, or Impetuous?: The Effects of Gender Threats on Men's Financial Decisions" ist in der Fachzeitschrift "Psychology of Men & Masculinity" erschienen.

Jonathan Weaver und seine Kollegen von der University of South Florida haben die Teilnehmer ihrer Studie dazu in ihrer Männlichkeit "bedroht". Im ersten Teil reichte es dazu bereits, dass die eine Hälfte eine süßlich duftende Handwaschcreme benutzen musste - während die andere einen Schlagbohrer bedienen durfte.

Alle zusammen spielten danach ein Würfelspiel und sollten auf gerade oder ungerade Ergebnisse wetten. Es zeigte sich, dass die süßlich duftenden "Effeminierten" ihr Geld in größeren Mengen und dazu riskanter einsetzten als die - dank Schlagbohrer - ihrer Männlichkeit sicheren Teilnehmer der Studie.

Gilt vor allem bei öffentlichem Verhalten

Das gleiche Ergebnis erzielten die Forscher auch in einem zweiten Experiment mit anderen Probanden. Hier mussten sich Männer an Situationen erinnern, in denen sie sich besonders "männlich" verhalten hatten, und danach wieder ein Finanzspiel absolvieren.

Die Forscher überforderten einen Teil von ihnen absichtlich ("Erinnern Sie sich an zehn Situationen"), verunsicherten sie und konnten damit wieder den gewünschten Effekt erzielen: Die in ihrer Geschlechteridentität bedrohten Männer verhielten sich beim Finanzspiel erneut risikofreudiger und setzten auf kurzfristige Gewinne, während die anderen auch langfristige Ziele verfolgten.

Das galt speziell dann, wenn sie glaubten, dass sie ihre Entscheidungen öffentlich bekanntgeben mussten. Bei privaten - von ihren Konkurrenten nicht beobachteten - Entscheidungen hingegen tendierten sie nicht zu dem riskanten Verhalten.

Auch wenn ihre Experimente keine direkten Vergleiche mit der Situation unter Brokern und Bankern zulassen, erinnern sie laut den Forschern daran, dass "Männlichkeit ein prekärer Sozialzustand ist". Wenn er bedroht ist, neigen die Männer in Finanzdingen zu Kurzsichtigkeit und Risiko.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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