Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die zwei Seiten der Rationalität"

Das Denkmal "Der Denker" von Auguste rodin

Die zwei Seiten der Rationalität

Die Geschichte der europäischen Rationalität und ihrer weltweiten Verbreitung war eine Erfolgsgeschichte. Sie diente als Motor der abendländischen Kultur und Ökonomie, hatte aber auch ihre Schattenseiten. Der Germanist und Kulturhistoriker Silvio Vietta beschreibt in dem neuen Buch "Rationalität. Eine Weltgeschichte" die beiden Seiten der Medaille.

Philosophie 13.07.2012

Parmenides, der erste Repräsentant

Der Begriff rational geht auf das lateinische Wort "ratio" für Vernunft zurück. Als Rationalismus definiert Vietta den "spezifischen Typus des menschlichen Denkens in der Form einer kausallogischen möglichst linear zielführenden Zweck-Mittel Relation".

Die Vernunft avancierte zur Hauptakteurin der europäischen Geschichte, für Vietta ist dies eine Erfolgsgeschichte, die bereits in der Antike begann. Bereits der Vorsokratiker Parmenides, der ungefähr von 520 bis 460 vor Christus lebte, propagierte die logische Form des philosophischen Arguments als Königsweg zur wahren Seinserkenntnis.

In seinem Lehrgedicht "Über die Natur", von dem längere Fragmente erhalten sind, betonte Parmenides die Bedeutung der Rationalität. "Nötig ist es, zu sagen und zu denken, dass nur das Seiende ist", heißt es da.

Porträtfoto des Philosophen Silvio Vietta

Universität Hildesheim

Silvio Vietta, der Literaturwissenschaftler und emeritierter Professor an der Universität Hildesheim, studierte Germanistik, Philosophie, Anglistik und Pädagogik an der Universität Würzburg. Es folgten Lehrtätigkeiten in den USA, Mannheim und Heidelberg, Tübingen und Hildesheim, später auch in Moskau, Sassari in Italien sowie Campinas in Brasilien. Für seine wissenschaftlichen Forschungen wurde er 2006 mit dem Friedrich-Nietzsche-Preis ausgezeichnet. Vietta gehört zu den Mitbegründern der Europaforschungen ("Europäistik").
Die europäische Kulturwissenschaft versteht sich als eine neue Wissenschaft, die einen Perspektivenwechsel mit sich bringen soll. An die Stelle von nationalen Kulturwissenschaften wie Germanistik, Romanistik oder Slawistik, die das 19. Jahrhundert dominierten, soll eine interdisziplinäre Kulturgeschichte "die Europäistik" - treten.

Literaturhinweise:

Silvio Vietta: Rationalität. Eine Weltgeschichte. Europäische Kulturgeschichte und Globalisierung. Wilhelm Fink Verlag

Silvio Vietta: Ästhetik der Moderne: Literatur und Bild, Wilhelm Fink Verlag
Weitere Bücher von Silvio Vietta:

Silvio Vietta: Europäische Kulturgeschichte, Wilhelm Fink Verlag

Silvio Vietta/ Michael Gehler, (Hg.): Europa - Europäisierung - Europäistik. Neue wissenschaftliche Ansätze, Methoden und Inhalte, Böhlau Verlag

Die Zahl - Grundlage alles Seienden

Ein zentrales Element des Rationalismus wurde ebenfalls von den Vorsokratikern, speziell von den Pythagoreern, propagiert; es handelt sich um die Zahl, die sich auf alles Seiende bezieht.

"Da nämlich die Zahlen in der Mathematik der Natur nach das Erste sind", schrieb Aristoteles einige Jahrhunderte später, "so nahmen die Phythagoreer an, die Elemente der Zahlen seien die Elemente alles Seienden".

Pythagoras, der um 570 bis 510 vor Christus lebte, gilt als der Begründer einer differenzierten Zahlen -und Harmonienlehre. Sein Anliegen war es, alle Vorgänge auf Zahlen und Zahlenverhältnisse zurückzuführen. Sein Schüler Philolaos formulierte diese Einsicht folgendermaßen: "Die Zahl und ihre Kraft wirken überall in allen menschlichen Werken und Worten, auf dem Gebiet aller technischen Verrichtungen und auf dem Gebiet der Musik."

Descartes - Begründer des neuzeitlichen Rationalismus

In der Geschichte der neuzeitlichen Kulturgeschichte ist der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes, der von 1596 bis 1650 lebte, der Hauptvertreter des Rationalismus. Sein Lehrsatz war: "Cogito ergo sum" - "ich denke, also bin ich".

Descartes ist jedoch nicht nur der Begründer der neuzeitlichen Rationalität, er erneuerte die Korpuskulartheorie, verbesserte die Buchstabenalgebra und arbeitete an einer Methode einer universellen mathematischen Beschreibung der Naturprozesse - der "Mathesis universalis".

In seiner 1637 publizierten "Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs" formulierte er die Programmatik der Rationalität, die als zentrales Dokument die rationalistischen Philosophen der folgenden Jahrhunderte bis zu Karl Poppers "Kritischem Rationalismus" entscheidend prägte. Diese exemplarische Programmatik formulierte Descartes in vier Regeln, in denen exakt festgelegt wurde, wie man stufenweise zur Erkenntnis der Wahrheit vordringen kann.

Grundlage der ökonomischen Effizienzsteigerung

Bei der Entwicklung der modernen westlichen Gesellschaften spielten dann elaborierte Rationalitätskonzeptionen eine wichtige Rolle. Speziell in der Wirtschaft führte das ausgeklügelte Konzept zu einer Verwissenschaftlichung der Technik, die als Grundlage für die großindustriellen Produktionen im Spätkapitalismus diente, die den rasanten wissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Fortschritt ermöglichten.

Die daraus resultierende Machtfülle hatte schon der englische Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert vorausgesehen. "Wissenschaft dient nur der Macht", so schrieb er, "alle Spekulation geht am Ende auf eine Handlung oder Leistung aus."

Irrwege der Rationalität

Vietta skizziert nicht nur die Erfolgsgeschichte der Rationalität. Er ist sich durchaus auch der Irrwege und Gefahren eines einseitigen, dogmatischen Rationalismus bewusst, der vor allem in den kapitalistischen Ländern nur ein Ziel kennt: Effizienz und Steigerung des Bruttonationalprodukts.

Auf diese Gefahren haben schon Theodor W. Adorno und Max Horkheimer hingewiesen, als sie vor der Umwandlung der Rationalität in eine instrumentelle Vernunft warnten, die, in Umkehrung der Forderung von Immanuel Kant, den Menschen nicht als Zweck, sondern als Mittel zum Zweck benützte. Auch der französische Philosoph Michel Foucault sprach von der Nachtseite der menschlichen Vernunft; sie war für ihn eine "blutige Macht".

Die Vernunft ist eine blutige Macht

Als eine "blutige Macht" erwies sich auch die Praxis des Kolonialismus, worauf Vietta in einem eigenen Kapitel hinweist. Die europäische Rationalität zeigte sich als "Expansionsmacht", als "Imperium der Rationalität", die drei Maximen kannte: Wissen - Erobern - Ausbeuten.

Die vorerst auf Europa beschränkte Rationalität als "eine universale Einheitsmacht des Denkens mit einem ausgreifenden Eroberermotiv und einem Weltmachtsanspruch" nahm planetarische Ausmaße an. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg kam der französische Ökonom Arthur Girault zu dem Ergebnis, dass etwa der Hälfte der gesamten Weltbevölkerung, also rund 600 Millionen Menschen, kolonialen Mächten unterstanden.

Die Ideologie der kolonialen Praxis drückte der damalige Innenminister Francois Mitterand aus. Er verkündete: "Algerien ist Frankreich, von Flandern bis zum Kongo gibt es nur ein Gesetz, eine Nation. So will es die Verfassung, so wollen wir es." Dieser Anspruch wurde dann mit militärischen Mitteln durchgesetzt.

1954 begann der Algerienkrieg, in dem die französische Armee mit extremer Brutalität versuchte, die Unabhängigkeitsbestrebungen der algerischen Bevölkerung zu unterbinden. Bis 1962 wurde rund eine Million Menschen getötet; Folter und willkürliche Inhaftierungen waren alltäglich. Diese Fehlentwicklung ist ein drastisches Beispiel dafür, welche Defizite sich aus der Dominanz der Rationalität - verstanden als instrumentelle Vernunft - ergeben können.

Für eine "reflexive Rationalität"

Angesichts solcher Defizite empfiehlt Vietta die sogenannte "reflexive Rationalität". Es ist dies eine Form der Rationalität, die auf Nachhaltigkeit angelegt ist und in der die Folgen eines rein auf Effizienz und Leistungssteigerung ausgerichteten Denkens reflektiert werden. Diese "reflexive Rationalität" korrespondiert mit der Verantwortungsethik von Hans Jonas, in der ebenfalls die langfristigen Folgen von Entscheidungen mitberücksichtigt werden, die auf einem reinen rationalen Kalkül beruhen.

Solch ein "reflexives Denken" bedeutet aber keine Verabschiedung von der Rationalität, sie eröffnet keinen Spielraum für "ein Aussteigen aus dem rationalen Denken". Der aktuelle Standard einer an der "ratio" orientierten Gesellschaft könne, wie auch schon Jean-Jacques Rousseau mit großem Bedauern gesehen hatte, nicht rückgängig gemacht werden, meint Vietta.

Für ihn wäre die Entfaltung einer "reflexiven Rationalität die Voraussetzung, "die Einseitigkeiten und Ungerechtigkeiten der Rationalität zu überwinden, um so die Voraussetzung für eine zukünftige friedliche und kulturell reiche Weltgesellschaft zu schaffen".

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

Mehr zum Thema: