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Computertastatur und menschliche Hand im digital space

Open Access auf dem Vormarsch

Wissenschaftliche Veröffentlichungen werden in Zukunft immer häufiger kostenlos via Internet zu lesen sein: Mit dem European Research Council (ERC) hat sich nun eine der größten europäischen Förderorganisationen der Open-Access-Politik verschrieben.

Publizieren 17.07.2012

Auch Länderorganisationen beschreiten diesen Weg: Die UK Research Councils und die britische Regierung verpflichten künftig alle geförderten Wissenschaftler, Open Access zu publizieren und wollen das gesamte Publikationssystem bis 2014 darauf umstellen. In Österreich startet der Wissenschaftsfonds FWF, schon bisher ein Open-Access-Vorreiter, eine neue Kampagne mit prominenten Forschern.

70 Prozent aller Zeitschriften zu teuer

Derzeit sind viele wissenschaftliche Erkenntnisse nur über kostenpflichtige Zeitschriften bzw. Datenbanken zugänglich. Bibliotheken und wissenschaftliche Einrichtungen klagen über deren hohe Anschaffungskosten. "Großverlage verkaufen den Bibliotheken ein Bündel an Zeitschriften zu einem hohen Preis, ohne dass diese entscheiden können, welche Journals sie wirklich brauchen", schilderte Falk Reckling, Experte für das Thema beim FWF, gegenüber der APA das Grundproblem.

Etwa 70 Prozent der so verkauften Zeitschriften von kommerziellen Großverlagen seien laut der Datenbank journalprices.com zu teuer, bei 20 Prozent würde der Preis gerade passen und zehn Prozent seien ihr Geld gemessen am Output tatsächlich wert.

"Grüner" und "Goldener Weg"

Grob gesprochen wird zwischen zwei Open-Access-Zugängen unterschieden: Der "Grüne Weg" bezeichnet die Archivierung durch die Wissenschaftler von in klassischen Zeitschriften erschienenen Postprints auf frei zugänglichen Homepages bzw. in institutionellen Archiven, also einer Art elektronischer Bibliotheken. Beim "Goldenen Weg" wird der wissenschaftliche Artikel in einer Zeitschrift, die allen frei zugänglich ist, veröffentlicht. Prominente Beispiele sind die Zeitschriften der Public Library of Science oder von BioMedCentral.

Open Access wird nach Ansicht von Reckling gerade "von einem Nischenthema zu einem der zentralen forschungspolitischen Themen: Das System ist am Kippen". Immer mehr Forscher würden in Open-Access-Journalen publizieren, weil nach einem notwendigen zeitlichen Vorlauf mehr und mehr dieser Zeitschriften an Renommee gewonnen hätten. So ist die Open-Access-Zeitschrift PLoSOne derzeit die (gemessen an der Zahl der veröffentlichten Artikel) weltweit größte wissenschaftliche Fachzeitschrift.

Verkauf: Artikel statt Zeitschrift

Der "Goldene Weg", so erwartet Falk Reckling, wird das "Businessmodell der Zukunft in der Wissenschaft sein." Damit werden die Verlage keine Bündel an Zeitschriften mehr verkaufen, sondern nur noch einzelne Artikel.

Hier zeichnen sich laut Reckling zwei Finanzierungsformen für die Zeitschriften ab: "Bei der ersten tragen die Autoren (bzw. deren Fördergeber und Forschungsorganisationen) durch eine Gebühr die Kosten der Veröffentlichung. Bei der zweiten werden Forschungsorganisationen oder Fachgesellschaften den Betrieb von Zeitschriften direkt finanzieren. Es wird aber auch mit Mischformen zwischen diesen Modellen zu rechnen sein. In jedem Fall werden die Artikel für alle frei zugänglich sein."

Derzeit gibt es jedoch noch eine Reihe von Problemen für Open Access. Einerseits ist die Anzahl von Open-Access-Zeitschriften mit hohem Renommee zu gering. Andererseits lassen "manche Verlage nur bedingt zu, dass man Publikationen selbst archiviert. So ist die Version, die nach den Regeln der Verlage archiviert werden darf, oft nicht identisch mit der, die publiziert wird", betonte Reckling. "Das sind natürlich Hürden, die viele Wissenschafterinnen und Wissenschaftler vor Open Access zurückschrecken lassen."

Daher spricht für den FWF viel dafür, den "Goldenen Weg" zu forcieren. Der FWF investiert deshalb rund eine Million Euro pro Jahr in Open Access. Zudem ist man über die europäische Dachorganisation "Science Europe" bemüht, Anreizmodelle zu entwickeln, die es klassischen Fachzeitschriften erleichtern, darauf umzusteigen.

Geisteswissenschaften: E-Book-Library

In den Geisteswissenschaften ortet der FWF-Experte eine andere Publikationskultur, da hauptsächlich in Buchform veröffentlicht wird. Der Fonds reagiert darauf, indem alle Arbeiten, die von ihm gefördert werden, standardmäßig via Open Access zugänglich gemacht werden müssen. Der FWF baut gegenwärtig eine frei zugängliche E-Book-Library auf, die im September online geht. Anfangs wird diese 150 bis 200 Buchpublikationen umfassen, dann sollen 80 bis 90 pro Jahr dazukommen.

Für Österreich hat der FWF eine Testimonial-Kampagne gestartet, in der prominente Wissenschaftler aller Fachgebiete erklären, warum sie Open Access in der einen oder anderen Form betreiben und warum sie denken, dass Open Access wichtig ist.

Mit dabei sind u.a. der Informatiker und Präsident des Institute of Science and Technology (IST) Austria, Thomas Henzinger, der Physiker und Solarzellen-Pionier Serdar Sariciftci, der Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr, IHS-Direktor Christian Keuschnigg, der Experimentalphysiker Ferenc Krausz, der Chemiker und ehemalige Präsident der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Peter Schuster, der Mathematiker Karl Sigmund sowie der Direktor des Forschungszentrums für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Giulio Superti-Furga.

Details der neusten Entwicklungen werden während der Open-Access-Tage vom 26. und 27. September 2012 an der Universität Wien diskutiert.

science.ORF.at/APA

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