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Porträtfoto des Sportmediziners Paul Haber

Beharrlichkeit und Sprengen von Fachgrenzen

Paul Haber ist dem Sport in vielerlei Hinsicht verbunden. 1964 war er Staatsmeister im Brustschwimmen, danach wurde er einer der führenden Sportmediziner Österreichs. Ein von ihm entwickelter Trainingsplan führte in den 1990er Jahren zu bis dahin ungekannten Erfolgen heimischer Ruderer. In Wissenschaft wie Sport brauchte es bei Haber ähnliche Eigenschaften.

Olympische Spiele 2 01.08.2012

Die Erfolgsgeheimnisse: Beharrlichkeit im Verfolgen eines Ziels und das Sprengen enger Fachgrenzen. Das sagt Paul Haber, seit vielen Jahren auch Präsident des Sportvereins Hakoah in Wien, gegenüber science.ORF.at im zweiten Teil der Serie über ehemalige Sportler in der Wissenschaft.

science.ORF.at: Wie sind Sie zum Schwimmen gekommen?

Paul Haber: Durch meinen Vater, der selbst Schwimmer und Wasserballer war. Er hat mich von frühester Kindheit an zu den Schwimmabenden des Sportvereins Hakoah mitgenommen, dessen Präsident er war. Mit zehn Jahren habe ich systematisch und wettkampfmäßig zu schwimmen begonnen.

Der Sportmediziner Paul Haber bei einem Interview

APA, Georg Hochmuth

Univ. Prof. Dr. Paul Haber ist Facharzt für Innere Medizin und für Internistische Sportmedizin. Er hat das österreichische Olympiateam in Barcelona (1992) und Atlanta (1996) betreut und ist Präsident des jüdischen Sportklubs Hakoah im Wiener Prater, das "Karl-Haber-Sportzentrum" ist nach seinem Vater benannt.

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Serie in Ö1 und science.ORF.at:

Während der Olympischen Spiele stellen wir eine Reihe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen vor, die früher im Spitzensport erfolgreich waren: zu hören in Wissen aktuell, zu lesen in science.ORF.at.

Die weiteren Teile der Serie:

Wie viel haben Sie trainiert?

Unter der Woche meistens einmal pro Tag im Stadion- oder im Dianabad, rund eineinhalb Stunden, manchmal auch zweimal am Tag. Das ist aber in jedem Fall viel weniger als Schwimmer heute trainieren, um das gleiche zu erreichen, etwa um Staatsmeister zu werden.

1964 waren auch Olympische Spiele, das war kein Thema?

Nein, ich war vom Limit doch ziemlich weit weg. Das Niveau der Schwimmer in Österreich war damals viel niedriger.

Wissen Sie noch Ihre Zeit?

Ungefähr 1:14 Minuten, damit gewinnt man heute vermutlich bei den Jugendmeisterschaften der Mädchen keine Medaille mehr (lacht).

Der aktuelle Rekord in Österreich liegt bei knapp über einer Minute … Wie lange sind Sie noch geschwommen?

1965 habe ich noch voll trainiert und auch Medaillen bei den Staatsmeisterschaften gewonnen. Dann habe ich den aktiven Schwimmsport aufgegeben, eine Trainerausbildung gemacht und einige Jahre die Schwimmer der Hakoah trainiert. Danach wurde ich Vereinsfunktionär, habe die Schwimmsektion der Hakoah geleitet und in der Zeit auch mein Medizinstudium absolviert.

Warum haben Sie so früh aufgehört?

Beigetragen hat ein Erlebnis bei einer Makkabiade in Israel. Ich war 21, österreichischer Meister, neben mir schwamm ein deutlich kleinerer 15-jähriger Australier und hat mich "stehengelassen". Er hat das Rennen noch nicht einmal gewonnen. Das war das Tüpferl auf dem I, mit dem sehr umfangreichen Training aufzuhören, ich hatte ja schon gut zehn Jahre Wettkampfsport hinter mir. Außerdem habe ich studiert, ich wollte nicht mehr als ein Semester für das Schwimmen opfern.

Sie haben sich dann schnell auf Sportmedizin spezialisiert, warum?

Nach dem Studium hat mich der damalige Schwimmwart des Österreichischen Schwimmverbands angesprochen, ob ich nicht einmal bei einem Trainingslehrgang die Athleten untersuchen möchte. Das habe ich gemacht, mich entsprechend eingearbeitet, das war der Einstieg. In Wiener Neustadt ist dann ein Schwimmgymnasium gegründet worden, der Schulleiter hat mich gefragt, ob ich für die Maturaklasse Sportphysiologie unterrichten möchte. Das habe ich getan, und das war eine wesentliche Grundlage meiner Ausbildung. Sportmedizin war damals ein exotisches Orchideenfach, das von niemandem ernstgenommen wurde. Durch das Unterrichten war ich gezwungen, mich selbst systematisch mit der Materie auseinanderzusetzen.

Welche Literatur haben Sie dafür verwendet?

In erster Linie stammte sie aus der damaligen DDR und Sowjetunion, die sich am systematischsten mit den Wirkungen von Training im Leistungssport beschäftigt haben, aber auch aus Amerika. Eine der wesentlichsten Erkenntnisse war: Wo immer man in der Welt erfolgreich trainiert hat, wurde im Prinzip das gleiche System angewendet. Entweder die Leute sind empirisch draufgekommen, durch Versuche mit sich selbst, durch Trial und Error, oder durch Statistik. Die russische Methode bestand darin, 5.000 Trainingspläne zu analysieren und die erfolgreichste Methode zu ermitteln.

Was war das Gemeinsame?

Dass ein erfolgreiches Training einer ganz konkreten, beschreibbaren Regel folgt. Es braucht einen systematischen Aufbau von Jahr zu Jahr über viele Jahre hinweg und eine ziemlich klare Strukturierung eines Trainingsjahrs. Diese durchaus empirisch gefundenen Ergebnisse lassen sich physiologisch begründen. Im biologischen System Mensch gelten bestimmte Regeln, wie in der Medizin überhaupt: Man muss sich verlassen, dass der Blinddarm rechts unten liegt, sonst gibt es keine Medizin. Und beim Training ist das ähnlich: Menschen sind auf der ganzen Welt gleich, und deshalb sind auch die Regeln für die Entwicklung der körperlichen Leistungsfähigkeit die gleichen. Ich habe mich bemüht, die unterschiedlichen Publikationen so zu formulieren, dass sie in der Medizin lehr- und lernbar werden.

Das war in Österreich damals nicht unbedingt weit verbreitet?

Es war völlig unbekannt. Deshalb waren die ersten Umsetzungen des Systems durchschlagend erfolgreich.

In welchen Sportarten?

Mein größter Erfolg war die Zusammenarbeit mit dem Ruderverband in den 1980er Jahren. Die medizinische Idee war: Man muss eine Intervention, eine Behandlung oder ein Medikament, klar dosieren können und nach bestimmten Regeln anwenden. Das gilt auch für Training.

Durch jahrelange Laboruntersuchungen konnte ich das Training - quantifiziert mit Stunden pro Woche - mit dem Ergebnis, dem Leistungstest, statistisch in Korrelation bringen und diesen Zusammenhang mathematisch formulieren. D.h.: Wer etwa vier Stunden in der Woche trainiert, sollte am Ergometer dieses Ergebnis bringen können.

So ist der österreichische Ruderlehrplan entstanden, ein siebenjähriges Training, in dem festgehalten wurde, wie viel pro Woche trainiert werden sollte und welche Perioden innerhalb eines Trainingsjahrs einzuhalten sind. Ruderverband und -trainer waren offen für die Idee, und so wurde nach dem Konzept in fast ganz Österreich trainiert.

Und zwar enorm erfolgreich. 1983 war der beste Österreicher bei einer WM Dreizehnter, 1989 kam die erste WM-Medaille. 1992 gewannen Jonke/Zerbst bei den Olympischen Spielen eine Silbermedaille. Anfang der 90er Jahre gehörten von 500 aktiven Ruderern in Österreich 25 zur Weltklasse.

Warum macht man das nicht immer so?

Eine gute Frage, die speziell in Österreich zu stellen ist, weil es hier erstaunlicherweise große Schwierigkeiten gibt, das erprobt erfolgreiche Wissen in die Praxis umzusetzen. Es scheitert oft an den Funktionären und Trainern. Die haben andere oder keine Vorstellungen von Training, dafür aber eine Position. Viele Trainer fürchten, dass ein solches Konzept sie kontrollieren soll, was nicht stimmt. Wer glaubt, das Rad neu erfinden zu müssen, und mit Jugendlichen im dritten Trainingsjahr so trainiert wie der Olympiasieger aus dem Vorjahr, der wird viele Ex-Talente produzieren, was in Österreich leider häufig der Fall ist.

Haben Sie im Schwimmsport etwas gelernt, das Ihnen später in der Wissenschaft geholfen hat?

Es ist schwer zu sagen, ob der Leistungssport in meiner Jugend mich geformt hat oder ob ich das betrieben habe, weil ich von Vorneherein bestimmte Eigenschaften mitgebracht habe. Ich war im Sport kein extrem großes Talent, da gab es größere Talente, die weniger trainierten und auch Meister geworden sind. Aber meine Stärke war eine vergleichsweise starke Konsequenz im Training über viele Jahre hinweg.

Ich war auch einer der ersten, der konsequent ein Krafttraining betrieben hat. Ich habe das mit 13 begonnen, zu einer Zeit, als man noch allgemein gesagt hat, Krafttraining verhärte die Muskeln und das sei für Schwimmer schlecht. Diese Eigenschaft des beharrlichen Verbeißens in ein Thema habe ich dann in meine berufliche Laufbahn herübergebracht. Wenn ich mich mit etwas befasst habe, dann in der Regel sehr gründlich und über Fachgrenzen hinweg.

In der Medizin ist es durchaus üblich, dass man nur medizinische wissenschaftliche Arbeiten anerkennt. Ich habe aber auch sehr viele nicht-medizinische Lehrbücher und Arbeiten gelesen, von Trainern und Sportwissenschaftlern. Insofern haben mir diese Eigenschaften, die ich entweder mitgebracht habe oder durch den Leistungssport geformt wurden, in meiner beruflichen Entwicklung entscheidend weitergeholfen.

Sie sind Präsident des Sportvereins Hakoah in Wien, der von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde. Wann wurde er neugegründet?

Die Hakoah wurde nur einmal gegründet, 1909. Dann wurde sie gegen jedes Recht aufgelöst und hat 1945, wie ich es ausdrücken würde, ihre Tätigkeit wieder aufgenommen, nachdem die Republik Österreich wiedererstanden ist und wieder Recht und Gesetz gegolten haben.

Hat es gleich wieder einen Sportbetrieb gegeben?

Ja, darunter auch rasch wieder die Schwimmsektion. In den 1940er und -50er Jahren ist jeder, der dazu in der Lage war, ausgewandert ist, sodass die Hakoah stark geschrumpft ist. Anfang der 60er Jahre hat die Schwimmsektion aus meinem Vater, meiner Schwester, mir und noch ein paar anderen bestanden. Das hat sich dann umgekehrt, ist wieder angewachsen wie der Rest des Vereins. Heute ist die Hakaoh ein mittelgroßer Sportverein mit mehreren hundert Mitgliedern.

Welchen Sport üben Sie heute noch aus?

Wettkampfmäßig gar nichts mehr, ich hab keinen Ehrgeiz mehr dazu. Aber ich betreibe sehr regelmäßig je nach Jahreszeit verschiedene Sportarten. Wenn es im Winter kalt ist, benütze ich auch ein Zimmerfahrrad, um eine gewisse Grundkondition zu erhalten. Ich schwimme interessanterweise fast gar nicht mehr, möglicherweise aus dem Gefühl heraus, dass ich in meinem Leben schon genug geschwommen bin (lacht). Und es gibt tatsächlich Sportarten, wo der Erlebniswert größer ist als in einem Schwimmbecken: beim Radfahren etwa oder beim Paddeln auf der Donau.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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