Standort: science.ORF.at / Meldung: "Grüne Wände gegen Luftverschmutzung"

Mit Efeu bewachsener Stein

Grüne Wände gegen Luftverschmutzung

Pflanzen reinigen bekanntlich die Luft. Einer Studie zufolge wird dieser Effekt in Städten viel zu wenig genutzt. Durch eine gezielte Begrünung ließe sich die Luftverschmutzung deutlich stärker reduzieren als bisher angenommen.

Stadtplanung 20.07.2012

Ungesunde Luft

Über eine Million Menschen weltweit sterben laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) frühzeitig an durch Luftverschmutzung verursachte Krankheiten. Die häufigsten Luftschadstoffe sind Stickoxide, Feinstaub, flüchtige organische Verbindungen, Ozon, Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid; die Hauptquelle ist neben der Industrie und dem Hausbrand der Verkehr. Besonders betroffen sind daher auch die Städte. Die Grenzwerte werden regelmäßig überschritten, wie auch die österreichische Feinstaubbilanz des letzten Jahres zeigt. Dabei deutet vieles darauf hin, dass Feinstaub bereits in sehr geringen Konzentrationen gesundheitsschädlich sein kann.

Die Studie in "Environmental Science and Technology":

"Effectiveness of Green Infrastructure for Improvement of Air Quality in Urban Street Canyons" von Thomas A.M. Pugh et al.

Technische Maßnahmen, wie der Einbau von Filtern oder Katalysatoren lösen das Problem nur begrenzt, solange der Verkehr zunimmt. Regulierende Gegenmaßnahmen, die den Ausstoß an sich begrenzen, sind aber oft schwer umzusetzen. Nicht selten scheitern sie am Widerstand von Interessensgruppen bzw. der Bevölkerung, wie das Grazer Abstimmungsergebnis gegen Umweltzonen erst vor wenigen Tagen wieder gezeigt hat.

Pflanzen binden Schadstoffe

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch Wissen Aktuell am 20.7. um 13:55.

Die Eindämmung könnte aber auch am anderen Ende - bei den Schadstoffen direkt - ansetzen. Eine Möglichkeit ist die Ablagerung, z.B. auf Pflanzen - laut den Forschern um Thomas A.M. Pugh von der britischen University of Lancaster eine bisher zu wenig genützte Option, denn Grünflächen seien im Gegensatz zu anderen Oberflächen sehr viel besser geeignet, flüchtige Stoffe zu binden. Diese würden an den Blättern förmlich kleben bleiben. Durch Bepflanzung könnte man diesen Effekt gezielt nützen.

Bisherige Studien kamen zu dem Schluss, dass sich dadurch Stickoxide und Feinstaub um bis zu fünf Prozent reduzieren lassen. Die aktuelle Arbeit von Pughs Team legt nun aber nahe, dass das Potenzial von Pflanzen damit bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Man müsste allerdings die speziellen räumlichen bzw. architektonischen Voraussetzungen berücksichtigen.

Grüne Wände als Luftfilter

Bei ihrem Modell zur Reduktion von Stickoxiden und Feinstaub konzentrierten sich die Forscher daher auf einen städtischen Spezialfall, der jedoch für das Zentrum großer Städten ziemlich typisch ist: die Straßenschlucht. Diese von hohen Häusern begrenzten Zonen sind häufig besonders stark von bodennaher Luftverschmutzung betroffen. Fehlende thermische Zirkulation und wenig Wind führen zudem zu einer besonders langen Verweildauer der Schadstoffe in diesen städtischen Gebieten.

Genau hier könnte man mit einer gezielten Begrünung ansetzen. Welche Art der Bepflanzung sich dafür am besten eignet, haben die Forscher in einem Modell auf Basis der Strömungslehre berechnet.

Ein besonders großer Nutzen zeigte sich bei sogenannten grünen Wänden - Kletterpflanzen wie Efeu, die Mauern überwuchern. Sie könnten die bodennahe Konzentration von Stickoxiden um bis zu 40 Prozent reduzieren, jene von Feinstaub sogar um bis zu 60 Prozent. Im Gegensatz zu den grünen Dächern wirke diese Maßnahme direkt an der Quelle.

Bei der Bepflanzung einer Straßenschlucht mit Bäumen sei den Ergebnissen zufolge mehr Vorsicht geboten. Bei geringer bis durchschnittlicher Belastung und ausreichender Luftzirkulation reduzieren sie die Schadstoffe ebenfalls deutlich. Bei hoher Schadstoffbelastung und wenig Wind könnten sie aber auch unerwünschte Wirkungen haben, da ihre Kronen eine Extrabarriere bilden können und dadurch den Austausch mit darüber liegenden Luftschichten zusätzlich erschweren. Die Bepflanzung müsste daher von Fall zu Fall entschieden werden.

Sauber, kühl und schön

Der reinigende Effekt der grünen Wände hingegen erscheint nahezu ideal, die Luftqualität in den "gefilterten" Straßen könnte dadurch sogar besser werden als im ländlichen Umland - bekanntermaßen kann sich z.B. Feinstaub weit abseits seines Entstehungsgebiets verbreiten. Die grünen Häuserschluchten wären laut den Forschern auch ein natürlicher Puffer in Phasen besonders hoher Belastung, die bei bestimmten Wetterlagen oder Windstille in Bodennähe auftreten.

Die grünen Wände hätten zudem noch andere positive Nebenwirkungen: Sie kühlen die Straßen, dämpfen den Lärm und machen die Stadt schöner.

Eva Obermüller, science.ORF.at

Mehr zum Thema: