Standort: science.ORF.at / Meldung: "Heldenreise trifft Netzwerktheorie "

Antike Skulptur

Heldenreise trifft Netzwerktheorie

Irische Mathematiker versuchen sich im literarischen Fach. Sie haben Klassiker der Weltliteratur - von der "Illias" bis zu "Richard III" - netzwerktheoretisch unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Literarische Genres besitzen offenbar einen statistischen Fingerabdruck.

Analyse 27.07.2012

Formalwissenschaften haben einen Vorteil. Man kann sie im Prinzip überall einsetzen. Vor allem Netzwerktheoretiker haben sich in den letzten Jahren merklich diversifiziert, sie sind in der Polymerforschung und Ökonomie tätig, ebenso in der Epidemiologie und Linguistik.

Die Studie

"Universal Properties of Mythological Networks", Europhysics Letters (doi: 10.1209/0295-5075/99/28002).

So gesehen ist es durchaus folgerichtig, wenn nun mal die Literatur an der Reihe ist. Pádraig Mac Carron and Ralph Kenna von der Coventry University haben sich die Mühe gemacht, aus tausenden Seiten Weltliteratur eine Datenbank literarischer Charaktere und ihrer Sozialbeziehungen zu erstellen. Dies mit dem Ziel, die Beziehungen statistisch auswerten zu können.

Aus der Abteilung Mythos wählten die beiden Mathematiker Homers "Illias", das angelsächsische Epos "Beowulf" sowie die irische Sage "Táin Bó Cúailnge". Demgegenüber aus der Kategorie fiktionale Literatur: "Les Misérables", "Richard III", "Herr der Ringe" und "Harry Potter".

Knoten und Kanten

In der Netzwerktheorie besteht die Welt aus Knoten und Kanten, man könnte auch sagen: Dingen und deren Verbindungen. Dabei ist es egal, ob es sich bei den Knoten um Moleküle oder Menschen handelt. Und es ist auch egal, ob die Verbindungen physischer Natur sind oder nicht.

Was zählt, ist die Statistik, also etwa: Wie stark neigt das Netzwerk zur Verklumpung? Wie groß ist die Distanz zweier beliebiger Knoten? Bilden die Knoten hierarchische Muster? Und spiegelt sich das Muster des Kleinen auch im Großen - wie es etwa bei der Gestalt von Flüssen und Wolken der Fall ist?

Solche Kennzahlen präsentieren nun auch Mac Carron und Kenna. Wie sie im "European Journal of Physics" schreiben, zeigen sich die literarischen Kategorien offenbar auch in der Netzwerkanalyse. "Richard III" und "Harry Potter" sind einander in Sachen Statistik durchaus ähnlich und lassen sich von der realen (Sozial-)Welt unterscheiden. Der Mythos steht dazwischen.

"Mythen sind realistisch"

Literatur merkt man offenbar an, ob sie einen historischen Hintergrund hat oder nicht. Im Fall von "Ilias" und "Beowulf" deuten archäologische und historische Funde auf Vorbilder aus der Realgeschichte. Beim "Táin Bó Cúailnge" ist das zwar fraglich. Gleichwohl könnten die Netzwerk aller drei Mythen theoretisch auch in der Wirklichkeit vorkommen - nicht so bei der fiktionalen Literatur.

"Wir können natürlich nichts über konkrete Ereignisse sagen", sagt Mac Carron. "Wir behaupten nicht, dieses und jenes sei geschehen und auch nicht, dass die Geschichten oder Personen real waren. Alles was wir sagen können, ist: Die in den Mythen beschriebenen Gesellschaften und die Beziehungen ihrer Mitglieder scheinen realistisch zu sein."

Wer will, kann die vorliegende Analyse auch als statistisches Postskriptum zu einer Theorie von Joseph Campbell lesen. Der 1987 verstorbene US-amerikanische Mythenforscher ging davon aus, dass alle Mythologien das gleiche archetypische Grundmuster aufweisen. Abstrahiert man vom konkreten Inhalt der Geschichten, bleibt Campbell zufolge eine Heldenreise, nämlich der "Monomythos" übrig - die Realistik der Netzwerke könnte ein Beleg dafür sein.

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: