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Trauriger Mann greift sich auf die Stirn

Psychische Leiden: Was ist krank?

Im Jahr 2013 erscheint die neue Auflage des Handbuchs für psychische Störungen. Es kategorisiert seelische Leiden und beeinflusst, welches Verhalten als krank gilt. Alfred Pritz, Rektor der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien, beschreibt in einem Interview die Grenzzone zwischen "Normalität" und "Krankheit".

Psychiatrie 30.07.2012

Auch die Pharmaindustrie beeinflusse den Inhalt des offiziellen Krankheitskatalogs, sagt Pritz. Medikamente seien jedoch immer nur eine therapeutische "Hilfskonstruktion".

science.ORF.at: Wer bestimmt, was eine seelische Krankheit ist?

Alfred Pritz: Dazu gibt es zwei hauptsächliche Bemühungen: Es gibt einerseits das DSM-System, das von der American Psychiatric Association herausgegeben wird. Andererseits das vor allem in Europa verwendete ICD-System. Die Motivation hinter den beiden Manualen ist, ein Diagnoseschema zu schaffen, das weltweit vergleichbare Daten liefert. Es soll die Möglichkeit schaffen, zwischen normalen und abnormalen Verhalten zu differenzieren.

Alfred Pritz

Sigmund Freud PrivatUniversität Wien

Alfred Pritz ist Rektor der Sigmund Freud Privatuniversität Wien sowie Klinischer Psychologe und Pyschotherapeut.

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Interview berichtet auch "Wissen aktuell", Mo., 30.7.2012, 13:55 Uhr.

Das DSM erscheint nun nächstes Jahr in seiner fünften Version, welche Veränderungen ergeben sich dadurch?

Beide Systeme - das DSM und der ICD - werden laufend evaluiert. Bei der neuen Version des DSM gibt es aufgeregte Diskussionen. Es besteht die Sorge, dass durch die Ausweitung der Diagnosen die ganze Welt in seelische Störungen eingeteilt wird, andererseits wirft man dem DSM-Komitee vor, dass die Diagnosen allzu sehr an Medikamente angepasst werden. Dazu kommt die Kritik von Seiten der Psychotherapeuten, dass der Mensch und sein Leben ganzheitlicher betrachtet werden müsse. Ich persönlich finde, dass die DSM-Arbeitsgruppe eine tolle Arbeit leistet. Die Kritikpunkte sind berechtigt und auf jeden Fall zu diskutieren. Die Kritiker müssen jedoch erst einmal ein besseres Diagnoseschema aufstellen.

Die fünfte Version des DSM soll um Störungen ergänzt werden - welche sind das?

Das Manual wird unter anderem um nicht-substanzgebundene Süchte erweitert. Dazu zählen zum Beispiel die Glücksspielsucht, Internetsucht oder Sexsucht. Darüber hinaus erfolgt die Entscheidung, ob eine Krankheit vorliegt, nicht mehr nur aufgrund von "ja" oder "nein", sondern aufgrund von "mehr" oder "weniger". Diese graduelle Abstufung stellt einen Fortschritt dar.

Es geht vielmehr um die Frage, wie stark die jeweiligen Symptome ausgeprägt sind. Über den Grad der Ausprägung lässt sich natürlich diskutieren, denn Krankheit ist unter anderem ein soziales Konstrukt.

Auf welcher Grundlage wird entschieden, was als krank gilt? Kritiker behaupten, dies geschehe willkürlich.

Willkürlich würde ich nicht sagen. Die Entscheidungsbasis liefern Studien zu den diversen Krankheitsbildern. Was als krank oder gesund definiert wird, entscheidet das DSM-Komitee, das aus Psychiatern und klinischen Psychologen besteht. Psychotherapeuten gehören dieser Gruppe nicht an.

Wer ist was?

Psychiater: Mediziner, der sich auf die Behandlung von psychischen Störungen spezialisiert hat, die Behandlung erfolgt in erster Linie mittels Medikamenten.

Klinischer Psychologe: Psychologe, der sich vor allem auf die Diagnostik und Behandlung von psychischen und psychosomatischen Störungen spezialisiert hat.

Psychotherapeut: es gibt viele unterschiedliche Psychotherapierichtungen, allen gemeinsam ist, dass sie eine Auflösung der Symptome und langfristig eine Heilung der gesamten Persönlichkeit anstreben.

Jedenfalls kommt es immer wieder vor, dass bestimmte Verhaltensweisen plötzlich als krank definiert werden oder aus dem Handbuch heraus genommen werden.

Das ist richtig. Ich habe selbst zwei Debatten miterlebt: Bei der einen ging es um Homosexualität, bei der anderen um Alkoholismus. Alkoholismus war lange Zeit nicht Teil des Klassifikationssystems. Alkoholsüchtige waren einer massiven Diskriminierung am Arbeitsplatz und einer sozialen Entwertung ausgesetzt. Durch die Möglichkeit der Diagnose wurde die Sucht von einer moralischen Position in die Position einer Krankheit gehoben und damit Hilfe erleichtert.

"Entdämonisierung" über den Weg der "Pathologisierung" ist ein Weg, den die Psychiatrie immer wieder beschritten hat. Etwa auch bei der Schizophrenie.

Genau. Ähnliches geschah mit der Homosexualität: Ein Sexualverhalten, über Generationen hinweg verteufelt und strafrechtlich verfolgt, wurde zunächst in den Status einer Pathologie gehoben, die eine vorläufige Toleranz ermöglichte. Das in den späten 60er und 70er Jahren beginnende Gay-Liberation Movement führte zu einem Umdenken, sodass die Homosexualität von einer Krankheit hin zu einem "Way of Being" revidiert wurde. 1973 wurde die Homosexualität aus dem DSM entfernt. 20 Jahre später auch aus dem ICD.

Als in der Vergangenheit die "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung" (ADHS), in die diagnostischen Systeme aufgenommen wurde, kam es zu einem rasanten Anstieg an ADHS-Fälle und zu einer deutlichen Zunahme von Ritalin-Behandlungen.

Das ist richtig, es kam beinahe zu einer Ritalinexplosion. In sehr schweren Fällen, wenn das Kind die täglichen Anforderungen nicht mehr gerecht wird, kann das Medikament zusätzliche Hilfe bringen. Oft verbergen sich jedoch hinter den Symptomen Beziehungsprobleme in der Familie. Diese Konflikte können mittels einer Psychotherapie gut behandelt werden.

Gibt es ein Naheverhältnis zwischen Pharmaindustrie und der DSM-Gruppe?

Die Psychopharmakaindustrie hat einen starken Einfluss. Die Differenzierung psychischer Erkrankungen ermöglicht, dass mehrere Diagnosen gestellt werden können. Davon profitiert die Pharmaindustrie, weil sie verschiedene Medikamente in den unterschiedlichen Diagnosekategorien besser unterbringen kann. Somit erschließen sich neue Märkte. Ein weiteres Beispiel dafür wäre das Syndrom der Panikattacke. Früher hatte man sie unter Angstzustände klassifiziert. Plötzlich kam das Wort Panikattacke auf und dazu ein eigenes Medikament. In diesem Fall war die Verbindung offensichtlich.

Können Medikamente seelische Krankheiten heilen?

Die Pharmaindustrie ist inzwischen zum Glück weit genug, um zu sehen, dass ohne psychotherapeutische Maßnahmen die Medikamente ins Leere laufen. Sie beeinflussen eben nur Symptome wie zum Beispiel das "manische" Element der Sexsucht. Die dem Symptom zugrunde liegende Störung beeinflussen sie gar nicht. Man sollte jedoch nicht das Kind mit dem Bad ausschütten, denn vielen Menschen helfen diese Medikamente. Sie sollten jedoch therapiebegleitend eingesetzt werden, als eine Art Hilfskonstruktion, solange bis die Psychotherapie greift und eine ausreichende innere Stabilität erreicht wurde.

Zur Kritik der Psychotherapeuten am DSM. Sie wünschen sich einen dynamischeren und ganzheitlicheren Ansatz. Was bedeutet das?

Man darf das DSM bzw. den ICD-Code nicht überschätzen, es handelt sich dabei um Richtlinien und die Kategorien fangen nicht die komplexe Lebenswelt eines Menschen ein. Ein alternativer Ansatz bestünde darin, eine Beziehungswelt zu beschreiben, die noch näher und treffsicherer die Situation des modernen Menschen darstellt.

Ein Beispiel: Sie haben einen Fragebogen, der ihr Glücklichsein erfassen soll. Sie können auf die verschiedenen Fragen mit sehr, mäßig, mittel, wenig oder gar nicht antworten. Letztlich ergibt sich ein Glückscore, der jedoch gar nichts aussagt. Wenn ich sie hingegen fragen würde, in welcher Form zeigt sich ihr Glück bzw. Unglück und wie fühlt es sich an, dann wären das psychotherapeutische Fragen. Somit kämen wir in einen Dialog, der etwas über ihren "Livestream" aussagt. Dabei würden dynamischere, ganzheitlichere Elemente berücksichtigt.

Diesen "Livestream" erfassen die beiden Systeme nicht. Gibt es alternative Schemata?

Ja, es gibt zum Beispiel das OPD - die operationalisierte psychodynamische Diagnostik -, sowie Versuche eine generelle psychotherapeutische Diagnostik zu erstellen, welche die Sprachen der verschiedenen Psychotherapieschulen überbrücken soll. Bei beiden Systemen wird versucht, den Menschen in seiner ganzheitlichen Funktionstüchtigkeit zu sehen, in der Art und Weise, wie er im Leben steht, mit seinen Stabilitäten und Instabilitäten.

Die große Schwierigkeit liegt jedoch darin, ein System zu finden, dass für breite Fachkreise akzeptabel ist. Auch die interkulturellen Differenzen stellen eine große Herausforderung dar: Was in Deutschland gedacht wird, ist in Frankreich vielleicht nicht verständlich; ganz zu schweigen von den globalen Unterschieden.

Interview: Aaron Salzer, science.ORF.at

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