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Eine junge Frau steht vor einem Graffito.

Der Jugend ihre Kunst

Jugendliche sind längst nicht so gelangweilt von Kunst und Kultur wie gemeinhin angenommen. Sie haben nur ihre eigenen Wege gefunden, um ihre Kreativität auszuleben, schreibt die Medienwissenschaftlerin Jutta Zaremba in einem Gastbeitrag. In der Forschung sei es an der Zeit, diese neuen Foren zu analysieren.

Forum Alpbach 2012 07.08.2012

Zaremba plädiert auch für eine Neudefinition von "Fantum": Denn längst würden Fans nicht mehr in passiver Bewunderung verharren, sondern sich aktiv in die Weiterentwicklung von Populärkultur einbringen.

Die Jugend von heute… ist sichtbar kreativ

von Jutta Zaremba

Jutta Zaremba

Jutta Zaremba

Jutta Zaremba ist Medienwissenschaftlerin und Kunstpädagogin und seit 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Ästhetisch-Kulturelle Bildung der Universität Flensburg.

Seminare beim Forum Alpbach:
Zaremba leitet gemeinsam mit Christian Demand beim Europäischen Forum Alpbach 2012 das Seminar "Kunst - Künste - Jugend Kunst Online".

"Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte." Dass dieses Zitat einer älteren Generation zuzuschreiben ist, liegt auf der Hand – allerdings einer sehr alten Generation, denn diese Einschätzung stammt bereits vom Philosophen Sokrates (469-399 v.Chr.).

Aktualisiert würde das Urteil heutzutage wohl lauten, dass die Jugend dem Konsum- und Medienwahn frönt, modischen Trends hörig ist und ihrem ausgeprägten Narzissmus erliegt. Welche Sicht hat eine Disziplin wie die Kunstpädagogik darauf, die sich zentral mit Formen von Kreativität beschäftigt? Eine ambivalente: Zum einen gibt es diejenigen, die bestätigen, dass Jugendliche einen großen Unmut besitzen, sich überhaupt bildnerisch ausdrücken zu wollen und daher als "bildnerische Mängelwesen" anzusehen sind. Zum anderen gibt es diejenigen, die nach typischen Ausdrucksformen von Jugendlichen Ausschau halten und diese in Collagen oder Graffitis verorten. Eine Erforschung von jugendlichen Kreativitätsformen ist allerdings bislang kaum erfolgt.

Enormer Ausdruckswille

Dabei liegt eine riesige Ressource sehr nahe und kann jederzeit öffentlich betrachtet werden: Das Internet mit seinen von Jugendlichen erstellten Videos, Fotos, Zeichnungen, Malereien, Rollenspielen und vieles andere mehr. Unter dem Schlagwort "Fanart" finden sich auf einschlägigen, nationalen und internationalen Portalen (z.B. animexx-onlinewelten.com, deviantart.com oder larpwiki.de) Hunderttausende von freiwillig (!) angefertigten, gestalterischen und szenischen Arbeiten - inklusive ausführlicher Beschreibungen, Kommentare und Tipps von Gleichgesinnten oder selbst produzierter Tutorials und Wettbewerbe.

Hier zeigt sich der enorme Ausdruckswillen von Jugendlichen, die mit viel Herzblut und Zeitaufwand ihr Fantum miteinander vertiefen und aushandeln. Gesellschaftlich wird Fantum - analog zur Jugend - oftmals abgewertet: Es gilt als pubertäres Verhalten, bei dem sich unkritische Begeisterung mit emotionaler Unreife paart. Diese negative Positionierung zum Fantum hat auch darin seinen Ursprung, dass ein Fan als naiver Konsument von Populärkultur aufgefasst wird, während bei der Beschäftigung mit Werken der Hochkultur von "Kennern" oder "Liebhabern" die Rede ist.

Doch in den letzten Jahren gibt es vermehrt wissenschaftliche Beiträge, die Fantum als einen produktiven Part unserer Kultur begreifen und verschiedene Formen von Fanaktivitäten untersuchen - bis hin dazu, dass die Partizipation von Fans aktuell vom führenden Fantum-Forscher Henry Jenkins als essentiell für die Funktionsweise von Kultur insgesamt angesehen wird, da sie Medieninhalte permanent aktiv interpretieren, produzieren und zirkulieren lassen.

Drei Bereiche des Fantums

Ausstellungen:

Wichtige Anregungen lassen sich sicher auch bei künstlerischen Auseinandersetzungen zum Thema Jugend(kulturen) finden, wie sich bei richtungsweisenden Ausstellungen wie "Coolhunters. Jugendliche zwischen Medien und Markt" (Karlsruhe 2005, Wien 2006), "Die Jugend von heute" (Frankfurt a.M. 2006), "Intercool 3.0. Jugend Bild Medien" (Dortmund 2010) oder aktuell "Megacool 4.0. Jugend und Kunst" (Wien) gibt.

Grundsätzlich werden bei jugendlichem Fantum drei zentrale Bereiche sichtbar: FanFiction, FanZines und FanArt. FanFiction ist der narrative Bereich, bei dem Fans die Handlungsstränge ihres bevorzugten Mediums nach eigenen Vorlieben weiterführen, indem sie z.B. Nebenfiguren zu Hauptfiguren machen.

FanFiction ist sehr kommunikativ und wird nicht nur durch einzelne Personen, sondern im Internet auch durch das ständige Fortschreiben von mehreren Fans betrieben. Der Begriff FanZine (= Fan + Magazine) bezeichnet unabhängige Zeitschriften von Fans für Fans, die in der Freizeit geschrieben sind. Mit zahlreichen Zusatzinformationen und Bildern, geben sie einem subjektiv empfundenen, oft rebellischen Lebensgefühl Ausdruck. FanArt ist ein visuell ausgerichteter, bildnerisch-szenischer Bereich mit zahlreichen Ausdifferenzierungen und Entwicklungsdynamiken.

Forschungsfragen

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2012 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Eine insbesondere mit der FanArt verbundene Forschungsperspektive sollte sich ihrer Thematik vielfältig nähern: Da wäre der Ansatz der Online-Ethnografie, die das Internet weniger unter technischen Vorzeichen als vielmehr als Kulturraum begreift.

Zentrale Frage wären: Wie genau sehen die "artworlds" von Jugendlichen aus, was sind ihre Motivationen, Strukturen, Interaktionsformen? Dazu kämen Ansätze der Visuellen Kultur: Welche Begriffe von Kunst und Kreativität werden hier verhandelt, welche Inszenierungsformen der Exponate lassen sich unterscheiden, und wie sieht es mit (künstlerischen) Strategien von Kopie, Wiederholung oder Zitat aus? Zudem Fragen nach der Pragmatik: Inwiefern können Fächer wie die Kunstpädagogik diese Ressource aufgreifen, ohne sie schlichtweg zu duplizieren? Wo liegen gestalterische und didaktische Schnittstellen?

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