Standort: science.ORF.at / Meldung: ""Neuronen sind nicht höflich" "

Neuron im Nervennetzwerk

"Neuronen sind nicht höflich"

Ursache und Wirkung sind das Metier von Michael Esfeld. Der Philosoph von der Universität Lausanne erklärt in einem Interview, warum wir uns mit der Kausalität beschäftigen sollten - und was der Untergang der Titanic mit der Finanzkrise zu tun hat.

Forum Alpbach 2012 03.08.2012

science.ORF.at: Sie leiten beim Europäischen Forum Alpbach ein Seminar zum Thema: "Die kausale Struktur der Welt". Warum ist dieses Thema heutzutage wichtig?

Michael Esfeld : Es war immer wichtig, weil damit zentrale Fragen verbunden sind. Wenn wir jetzt miteinander sprechen, drücken wir Gedanken aus. Und die Gedanken verursachen Sprechbewegungen. Ein anderes Beispiel: Sie haben die Absicht, sich ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen - und setzen sich daraufhin in Bewegung. Das sind Kausalbeziehungen. Und die Frage ist: Wie geht das?

Genau genommen sind es nicht die Gedanken, sondern die damit verbundenen Nervenerregungen, die uns zum Sprechen bringen, oder?

Michael Esfeld

Universität Lausanne

Michael Esfeld lehrt und forscht an der Universität Lausanne. Arbeitsgebiete: Erkenntnistheorie, Wissenschaftsphilosophie.

Seminare beim Forum Alpbach:

Esfeld leitet beim Europäischen Forum Alpbach 2012 das Seminar "The Causal Structure of the World" (17.- 22.8.2012). science.ORF.at stellt dieses und weitere Seminare in Form von Gastbeiträgen und Interviews vor.

Ja. Nur müsste man hinzufügen: Die Nervenreizungen sind mit den Gedanken identisch. Daraus folgt: Würde ein Hirnforscher nun die Vorgänge in Ihrem Gehirn mit bildgeben Verfahren untersuchen, dann könnte er Ihre Gedanken förmlich sehen. Aber ob das stimmt, ist unklar.

Was meinen Sie?

Ich glaube schon, dass die Gedanken mit Erregungen im Gehirn identisch sind. Dennoch bleiben zwei Betrachtungsweisen übrig. Gedanken haben Sinn und Bedeutung, die Biochemie der Neuronen hat das nicht. Man kann nicht sagen: Neuronen sollen höflich zu anderen Menschen sein und ihre Steuern zahlen.

Die Annahme, dass es Ursachen und Wirkungen in der Welt gibt: Ist das Wissenschaft oder Metaphysik?

Es wird der Wissenschaft vorausgesetzt, also wenn sie so wollen: Metaphysik. Der britische Philosoph Bertrand Russell hat gesagt: Ursachen gibt es nicht. Russel zufolge ist das ein Vorurteil des Alltagsverstandes, das in der Wissenschaft keinen Bestand hat. Wenn man sich Russel anschließt, muss allerdings sehr viel aufgeben. Letztlich könnte man dann gar keine Zusammenhänge mehr erklären.

Machen wir kurz einen Praxistest: Was war die Ursache der Finanzkrise 2007?

Ich würde sagen: Immobilienspekulationen in den USA und das kollektive Verhalten von Anlegern.

Man könnte aber auch sagen: Neben den Immobilien waren auch Banken und Ratingagenturen dafür verantwortlich - und so weiter. Die Begründung scheint nicht zu enden.

Klar, dieses Problem haben Sie nicht nur in der Ökonomie, sondern auch in der Physik. Die Annahme, dass Ursachen und Wirkungen immer einzelne Faktoren sind, ist falsch. Der Unterschied zwischen Physik und Ökonomie ist nur: Bei ersterer können Sie die Ursachen im Labor kontrollieren und einzeln testen. Das können Sie in der Wirtschaft nicht.

Wenn ich sage: "Der Zusammenstoß mit einem Eisberg ließ die Titanic sinken", dann tue ich so, als wären Kapitän, Meeresströmungen usw. nicht beteiligt gewesen. Ist unsere alltägliche Sprechweise Etikettenschwindel?

Als Ursache bezeichnen wir im Alltag immer die Abweichung von der Norm. Im Fall der Titanic ist der Kapitän tatsächlich zu schnell gefahren und hat falsch reagiert. Wenn sie sämtliche mögliche Faktoren in Erklärungen einfließen lassen, können Sie in letzter Konsequenz gar nichts mehr sagen, außer: Der Zustand der Welt ist die Ursache des Zustandes der Welt zu einem späteren Zeitpunkt. Das bringt uns nicht weiter.

Ö1 Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2012 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Mitglieder des Ö1 Club erhalten beim Europäischen Forum Alpbach eine Ermäßigung von zehn Prozent.

Der schottische Philosoph David Hume vertrat die Ansicht: Die Kausalität kann man nicht beobachten. Was hat er damit gemeint?

Er meinte: Was man beobachten kann, sind immer nur zeitliche Abfolgen von Ereignissen, aber niemals das kausale Band zwischen ihnen.

Zum Beispiel?

Wenn Sie auf die heiße Herdplatte greifen, tut das weh. Die zwei Ereignisse - heiße Herdplatte und Schmerz - folgen aufeinander, nur der kausale Klebstoff, der sie zusammenhält, entzieht sich der Beobachtung.

Das mag zu Humes Zeiten gestimmt haben, aber heute ließe sich das im Labor lückenlos nachvollziehen.

Sie könnten die zeitliche Auflösung erhöhen. Hume würde heute das Gleiche vertreten wie zu seiner Zeit.

Eine Gegenargument lautet: Der kausale Klebstoff ist die Energieübertragung.

Stimmt, nur würde Hume antworten: Die Energieübertragung ist auch nur eine zeitliche Abfolge - warum sollte das die Kausalität sein?

Ursachen haben ihrerseits Ursachen die wiederum auf andere Ursachen zurückgehen. Wie weit kann man das zurückverfolgen?

Nach den Vorstellungen der Kosmologen bis zum Urknall.

Der Urknall ist die Ursache aller Dinge?

Er ist der Urzustand des Universums.

Was verbirgt sich in diesem Zustand: Der Keim der Kausalität? Gott?

In diesen Zustand kann man allesmögliche hineinlesen. Um Ursache und Wirkung zu bekommen, brauchen Sie jedenfalls nicht nur diesen Anfangszustand, sondern auch die Naturgesetze. Die philosophische Frage lautet: Wo kommen die Naturgesetze her?

Woher kommen sie?

Ich würde sagen: Sie stammen aus den physikalischen Eigenschaften des Urzustandes des Universums.

Was genau genommen keine Erklärung ist, sondern nur eine andere Form zu sagen: Die Naturgesetze waren schon da.

Ja, die grundlegenden Naturgesetze waren schon da. Warum sie so sind, wie sie sind, wissen wir nicht. Schon Platon hat gesagt: Aus Buchstaben können wir Wörter bilden. Aber warum wir gerade diese Buchstaben zur Verfügung haben, können wir auf diese Weise nicht beantworten. Erklärungen haben auch ein Ende. Man kann nicht alles erklären.

Und wenn man sich damit nicht zufrieden gibt, muss man Philosophie studieren.

Halt, halt: Dann muss man Theologie studieren!

Interview: Robert Czepel

Mehr zu diesem Thema: