Standort: science.ORF.at / Meldung: "Homo erectus war nicht allein"

Schädel einer Menschenart, KNM-ER 1470 cranium (entdeckt 1972), kombiniert mit dem Unterkiefer KNM-ER 60000

Homo erectus war nicht allein

Unser Vorfahr, der Homo erectus, hatte zwei ihm ähnelnde Konkurrenten. Fast zwei Millionen Jahre alte Fossilien belegen zwei weitere Menschenarten in Ostafrika. Der Paläontologen-Familie Leakey ist damit ein weiterer Durchbruch bei der Erforschung der menschlichen Evolution gelungen.

Paläoanthropologie 09.08.2012

Nur der Mensch hat überlebt

Cover zur Nature-Titelgeschichte am 8.8. 2012 New fossils from Koobi Fora in northern Kenya confirm taxonomic diversity in early Homo

Nature

Die Studie in "Nature":

"New fossils from Koobi Fora in northern Kenya confirm taxonomic diversity in early Homo" von Meave G. Leakey et al., erscheint am 9. August 2012

Für das ungeübte Auge handelt es sich lediglich um versteinerte Fragmente früher Menschen, die fast zwei Millionen Jahre unter der Erde des Turkana-Sees in Nordkenia begraben lagen. Aber für Meave Leakey stellen die zwischen 2007 und 2009 gefundenen Fossilien eines Schädels und zweier Unterkiefer eine kleine Sensation dar - denn sie offenbaren neue Details über die Entwicklung des Menschen vor 1,78 bis 1,96 Millionen Jahren in Ostafrika. "Unsere Forschungsarbeit zeigt, dass es mehrere ähnliche Menschenarten gegeben hat, aber wir die einzige sind, die überlebt hat", sagte die berühmte 70-jährige Paläoanthropologin der Nachrichtenagentur dpa.

Aber dies birgt auch Gefahren. "Die Menschen verstehen sich als etwas Besonderes, und vielleicht verhalten wir uns deshalb so mies. Wir zerstören die Ozeane, die Luft, die wir atmen, und unsere Nahrungsquellen", warnt Leakey. Zusammen mit ihrem Mann Richard und ihrer Tochter Louise versucht die Forscherin seit vielen Jahren, die Geheimnisse unserer Entwicklung zu entschlüsseln - und dadurch letztlich auch die Gegenwart besser zu verstehen.

Intelligenz setzt sich durch

Der fossile Fund KNM-ER 62000, links ungereinigt, rechts freigelegt

Fred Spoor

Der fossile Fund KNM-ER 62000 vor und nach der Reinigung.

Dass die Wiege der Menschheit in Afrika liegt, ist schon lange bekannt. Aber durch die neuesten Fossilien-Untersuchungen können Experten jetzt besser erklären, warum der Homo erectus so erfolgreich war und sich zum Homo sapiens entwickelt hat, während die anderen nun untersuchten beiden Homo-Arten ausgestorben sind. Denn die Lebensumstände im Pleistozän waren rau. Intelligenz war gefragt, denn nur wer Grips hatte, überlebte.

"Ich glaube ganz ehrlich, dass das größere Gehirn den Ausschlag gegeben hat", meint Leakey. "Homo erectus war schlauer und konnte wahrscheinlich bessere Steinwerkzeuge herstellen und leichter Nahrung finden, als die anderen Spezies."

Aber bevor es soweit war, teilten sich die Menschenarten ihren Lebensraum in Ostafrika. So wie heute Gorillas und Schimpansen in einigen Gebieten koexistieren, konnten auch die frühen Menschen lange Zeit gleichzeitig nebeneinander leben, ohne sich gegenseitig auszumerzen.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie haben auch die Nachrichten berichtet.

Erstmals gebe es ein klareres Bild davon, wie die anderen Menschenarten ausgesehen haben könnten, sagt der an dem Projekt beteiligte Wissenschaftler Fred Spoor vom Max-Planck-Institut in Leipzig. Auffälligstes Merkmal war ihr langes, flaches Gesicht.

Jahrzehntelange Debatten beendet

KNM-ER 1470 cranium (gefunden 1972) zusammengesetzt mit dem neuen Unterkiefer KNM-ER 60000; vermutlich von einer Art. Unterkiefer: fotografisch rekonstruiert, cranium basier auf Tomographie scan.

Fred Spoor

KNM-ER 1470 Cranium (gefunden 1972) zusammengesetzt mit dem neuen Unterkiefer KNM-ER 60000; vermutlich von einer Art. Unterkiefer: fotografisch rekonstruiert, Cranium basiert auf einem Tomographiescan.

Leakey und ihr Koobi Fora Forschungsprojekts (KFRP) haben der Entschlüsselung der menschlichen Evolution einen weiteren Puzzlestein hinzugefügt und eine jahrzehntelange Debatte darüber beendet, ob neben dem Homo erectus vor knapp zwei Millionen Jahren noch weitere bislang unbekannte Menschenarten in Ostafrika lebten. Aber sie will sich nicht auf den Lorbeeren ihres Erfolges ausruhen. Denn die neuen Erkenntnisse machen den Menschen auch verwundbar.

"Die ersten Hominiden bevölkerten unseren Planeten vor sechs Millionen Jahren, und in dieser Woche haben wir ein Fahrzeug auf den Mars gesetzt", sagt Leakey. "Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir in geologischer Zeitrechnung erst seit einem winzigen Moment auf der Erde sind. Und wenn wir unsere Ressourcen weiter so vergeuden wie bisher, sind wir wahrscheinlich nicht mehr sehr lange hier."

Von James Reinl und Carola Frentzen, dpa

Mehr zum Thema: