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Kann man Ethik lehren?

"Das Ethische kann man nicht lehren!", davon war Ludwig Wittgenstein überzeugt, die Philosophen könnten lediglich eine Art Orientierungshilfe anbieten. Seine Ablehnung einer universell gültigen Ethik teilten auch die meisten Vortragenden des heurigen Wittgenstein Symposiums. Im Rahmen einer angewandten Ethik könne die Philosophie heute dennoch Denkanstöße liefern.

Philosophie 10.08.2012

Dies betreffe verschiedenste Lebensbereiche: Neben Bioethik, ökologischer Ethik oder Wissenschaftsethik spielte die Wirtschaftsethik eine wichtige Rolle in den Überlegungen über zeitgemäße Formen eines ethischen Verhaltens.

"Ethik - Gesellschaft - Politik" - so lautete der Titel des 35. Internationalen Wittgenstein Symposiums, das vom 5. – 11. August in Kirchberg am Wechsel stattfindet.

"Rationale Idioten"

Mit angewandter Ethik hat sich einer der Vortragenden, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrende Philosoph Julian Nida-Rümelin in seinem Buch "Die Optimierungsfalle. Philosophie einer humanen Welt" auseinandergesetzt. Darin beschreibt er die jüngsten Konsequenzen einer entfesselten Optimierungsideologie und plädiert für eine menschengerechtere Ökonomie.

Porträt von Julian Nida-Rümelin

Julian Nida-Rümelin

Julian Nida-Rümelin studierte Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaft. Nach seiner Habilitation und einer Gastprofessur in den USA übernahm Nida-Rümelin zunächst einen Lehrstuhl für Ethik in den Bio-Wissenschaften an der Universität Tübingen und dann einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Göttingen. 1998 bis 2002 war Julian Nida-Rümelin zunächst Kulturreferent in München und dann Kulturstaatsminister des ersten Kabinetts von Gerhard Schröder. 2004 bis 2007 war er Direktot am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft in München. 2009 wechselte er auf einen Lehrstuhl für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Publikationen:

"Die Optimierungsfalle. Philosophie einer humanen Ökonomie", Irsiana Verlag
"Ethische Essays", Suhrkamp Verlag
"Philosophie und Lebensform", Suhrkamp Verlag
"Demokratie und Wahrheit", C.H. Beck Verlag

Im Gespräch mit science.ORF.at erklärt er, was er damit meint. Es habe eine kleine Gruppe gieriger Managern und Bankiers gegeben, die "nur die Optimierung des eigenen Wohls im Auge hatte" - leitende Manager, die sich immer mehr in ihren dubiosen Finanzspekulationen verstrickten und der inneren Logik einer maßlosen Gewinnmaximierung folgten. Nida-Rümelin bezeichnete diese skrupellos spekulierenden Manager im Anschluss an den indischen Ökonomen Amartya Sen als "rationale Idioten", die sich in einer Kasinomentalität dem "thrill" ihrer Spekulationen hingegeben hätten.

Kollektiver Realitätsverlust

Diese "rationalen Idioten", die innerhalb der Führungsetage der Firmen arbeiteten, waren miteinander eng vernetzt und aufeinander angewiesen. Sie waren nach außen abgeschottet, daher für Kritik unempfindlich. So entstand die Mentalität einer arroganten Selbstgefälligkeit; die eigene Inkompetenz wurde nicht mehr wahrgenommen, genau so wenig wie die steigenden Risiken der Finanztransaktionen. Nida-Rümelin spricht von "einem kollektivem Realitätsverlust, einer Abkoppelung der ökonomischen Praxis von der lebensweltlichen Moralität."

Kein Wutbuch

In seinem Buch hat Nida-Rümelin eine Strategie vorgeschlagen, die dem völlig enthemmten Agieren der "rationalen Idioten" entgegen wirken soll. Im Gespräch legt er Wert darauf, kein "Wutbuch" geschrieben zu haben, keinen Aufruf zur Empörung, wie ihn der französische Autor Stéphane Hessel verfasste. "Ich klage nicht an, sondern kläre auf", so Nida-Rümelin, "ich möchte Orientierung geben und bin sicher, dass sich erfahrene Praktiker mit einem Sinn für verantwortliches Handeln in den philosophischen Prinzipien, die ich entwickle, wiederfinden."

Humane Ökonomie

Als wesentliche Aufgabe seines Buches sieht Nida-Rümelin die Konzeption der "Philosophie einer humanen Ökonomie". Nachdem er auf die Konsequenzen einer entfesselten Optimierungsideologie hingewiesen hat, kommt Nida-Rümelin auf die Grundlagen dieser Philosophie zu sprechen. Er findet sie in der antiken Philosophie, vornehmlich bei Aristoteles, der Ethik und Wirtschaft noch nicht in strikter Weise getrennt hat.

Für Aristoteles ist die Übereinstimmung von moralischem, ethischem und wirtschaftlichem Handeln die Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. Diese Übereinstimmung erfolgt in der Tugend, der areté, die wenig mit dem Begriff der Tugend, wie er heute verstanden wird, zu tun hat. Areté meint vielmehr eine "Tüchtigkeit der Seele", die sich auf die drei Grundtugenden Wahrhaftigkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit beruft.

Solidarität

Porträt Corinna Mieth

Corinna Mieth, Ruhr-Uni Bochum

Corinna Mieth hat in Tübingen Philosophie und Neuere deutsche Literatur studiert, Habilitation an der Universität Bonn, seit 2011 Professorin am Institut für Philosophie der Ruhr Universität Bochum.

Publikationen:

"Immanuel Kant. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", Suhrkamp Verlag (zusammen mit Christoph Horn und Nico Scarano)
"Positive Pflichten. Überlegungen zu Hilfe und Gerechtigkeit in Bezug auf das Weltarmutsproblem" (Habilitationsschrift, erscheint bei de Gruyter, September 2012).

Diese fundamentalen Tugenden sind für Nida-Rümelin die Voraussetzungen, die für das Zusammenleben in einer Gesellschaft unerlässlich sind. Werden diese zentralen Tugenden von einer Gruppe ignoriert, die wie die "rationalen Idioten" nur die Profitmaximierung und die Optimierung ihrer Aktienerträge betreiben, entsteht ein "Kooperationsdilemma".

Gesellschaftliche Kooperation setzt nämlich voraus, dass sich der Einzelne von seinen egoistischen Neigungen distanzieren kann, um an der gesellschaftlichen Kooperation teilzunehmen. Entfällt diese Basis, bedeutet dies den Zusammenbruch jeglicher Solidarität, ohne die eine Gemeinschaft jedoch nicht existieren kann.

Der Mensch als Zweck an sich

Die aristotelischen Tugenden ruft Nida-Rümelin in Erinnerung, weil man sie benötigt, um einen Markt und erst recht das Leben human zu gestalten. "Tugenden bringe der Markt nicht selbst hervor", meint der Philosoph, "entweder sie sind schon da oder müssen kosmopolitisch geschaffen werden." Die konsequente Ausübung dieser Tugenden ist dann die Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben, in dem laut Immanuel Kant der Einzelne als Zweck an sich, aber niemals als Mittel zum Zweck angesehen werden dürfe.

Solidarität mit der "Dritten Welt"

Auf einen ganz anderen Aspekt angewandter Ethik wies Corinna Mieth, die am Institut für Philosophie in Bochum lehrt, im Gespräch mit science.ORF.at hin: "Ein menschenwürdiges Leben im Sinne von Immanuel Kant ist in vielen Ländern der sogenannten 'Dritten Welt' nicht möglich." Dort würden viele Menschen zu einem bloßen Objekt der äußeren Umstände erniedrigt, in denen ihre Handlungsfähigkeit kaum mehr gegeben sei. Zu diesen äußeren Umständen zähle auch die weiterhin gegebene ökonomische Ausbeutung durch multinationale Konzerne.

"Starke Pflichten"

Ö1 Sendungshinweis:

Über das internationale Wittgenstein Symposium berichten auch die Dimensionen am 14.08. um 19:05.

Corinna Mieth zieht folgenden Schluss: Insofern wir die Menschen der "Dritten Welt" einem Ausbeutungssystem unterwerfen, in dem sie bloße Objekte sind, beschädigen wir nicht nur die Würde dieser Menschen, sondern auch unsere eigene. Es genüge aber nicht, meint Mieth, das schlechte Gewissen zu beruhigen und bei besonders großen Katastrophen Geld zu spenden, sonders es gehe darum, sich für "starke Pflichten" gegenüber den Menschen in der "Dritten Welt" auszusprechen.

Dazu bedürfe es empirischer Informationen, die etwa NGOs bereitstellen sollten. Somit würden Strukturen geschaffen, die Menschen dazu anspornten, ihre Konsumentenpflichten ernster zu nehmen. Würde man zum Beispiel von kritischen Institutionen auf Firmen aufmerksam gemacht, die ihre Produkte durch Kinderarbeit produzieren, erzeuge dies einen starken moralischen Druck, solche Produkte nicht mehr zu kaufen.

Vorschläge für einen sozialen Wandel

Corinna Mieth plädiert für ein moralisches Selbstverständnis, das einen allmählichen Wandel der sozialen Lage in den Ländern der Dritten Welt initiieren könnte. Dieses Selbstverständnis geht weit über moralische Appelle hinaus und geht von folgenden empirischen Analysen aus: Welche individuelle, zumutbare Verhaltensänderung kann erfolgreich sein? Wie können wir die Lage der Menschenrechte, eingeschlossen die Sozialrechte, in anderen Ländern konkret verbessern?

"Je mehr wir darüber wissen und je mehr jenseits der starken individuellen Nothilfepflichten daran geforscht wird", meint Corinna Mieth, "desto mehr hat dieses Projekt Aussicht auf Erfolg - und desto stärker werden wir konkreten Hilfs- und Reformpflichten nachkommen."

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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