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Auf einem Siegertreppchen steht ein Männchen, das gesiegt hat.

Warum Unirankings nicht so wichtig sind

Mitte August haben Österreichs Universitäten wieder einmal schlecht bei einem internationalen Vergleich abgeschnitten. Beim Shanghai-Ranking kam die Uni Wien als beste des Landes auf einen Platz zwischen 151 und 200. Wirklich ernst genommen werden diese Vergleiche von den Verantwortlichen nicht.

Wissenschaftsforschung 29.08.2012

Und das hat auch gute Gründe, meint der Bildungswissenschaftler Florian Friedrich von der Universität Oxford. Methodik und Inhalte der Rankings seien oft sehr einseitig, erzählt er in einem science.ORF.at-Interview.

Er hat zu dem Thema in Oxford eine Masters-Arbeit geschrieben, für die er mit zehn österreichischen Experten im Hochschulbereich und Wissenschaftsministerium gesprochen hat. Im kommenden Jahr wird er aller Voraussicht nach an die Universität Shanghai wechseln - der Heimat eines besonders umstrittenen Rankings.

Der Bildungswissenschaftler Florian Friedrich

privat

Florian Friedrich ist Bildungswissenschaftler am Department of Education der Universität Oxford

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 29.8., 13:55 Uhr.

Wie die großen Rankings ranken:

"Shanghai Academic Ranking of World Universities": 60 Prozent der Bewertung basieren auf der Zahl wissenschaftlicher Publikationen und Zitierungen, wobei Veröffentlichungen in den Magazinen "Science" oder "Nature" doppelt zählen. 30 Prozent des Ergebnisses beruhen auf der Anzahl der Nobelpreis- und Fields-Medaillen-Gewinner und zehn Prozent auf der Produktivität je Forscher.

QS University Rankings : 40 Prozent der Reihung hängen von den Ergebnissen einer weltweiten Umfrage unter Akademikern zum Ansehen von Hochschulen ab, weitere zehn Prozent von einer zusätzlichen Befragung unter Arbeitgebern. Je 20 Prozent der Wertung ergeben sich aus dem Zahlenverhältnis Studenten-Lehrende sowie der Forschungsleistung und je fünf Prozent aus dem Anteil an internationalen Studenten bzw. Forschern und Lehrenden.

Times Higher Education Ranking : Die Akademiker-Befragungen - unterschieden nach Forschung und Lehre - haben den stärksten Einfluss (34,5 Prozent) auf das Ergebnis, dazu werden bibliometrische Indikatoren mit 32,5 Prozent gewertet. Weitere Faktoren sind die Lernvoraussetzungen (ausgezeichnete Lehrende, Einkommen der Lehrenden etc.) mit insgesamt 15 Prozent, Umfang von und Einnahmen aus Forschung (10,5 Prozent), Internationalisierung (fünf Prozent) und anwendungsorientierte (industry-related) Forschung (2,5 Prozent).

Auf deutsche Universitäten beschränkt ist das CHE-Hochschulranking , das nicht ganze Universitäten bewertet, sondern derzeit 37 Fächer. Neben Fakten zu Studium, Lehre, Ausstattung und Forschung umfasst das Ranking Urteile von über 250.000 Studierenden über die Studienbedingungen an ihrer Hochschule sowie die Reputation der Fachbereiche unter den Professoren der einzelnen Fächer

science.ORF.at: Was halten Uni-Verantwortliche von diesen Rankings?

Florian Friedrich: Im persönlichen Interview sagen die meisten: eigentlich wenig. Wenn man aber gut abschneidet, steigt die Relevanz plötzlich an. Dann wird die relativ gute oder verbesserte Position der eigenen Universität gerne in den Medien hervorgestrichen. Für die internen Entscheidungen im Unibereich haben Rankings relativ wenige Auswirkungen. Was klar ist, weil Studenten in Österreich im Gegensatz zu den USA oder Großbritannien im Regelfall nicht nach Rankings entscheiden, an welche Uni sie gehen, es gibt diesen direkten Wettbewerb nicht. Öffentliche Mittel sind ebenfalls nicht an solche Rankings gebunden. Natürlich gibt es Reputationseffekte, an der Wirtschaftsuniversität Wien etwa ist man auf das gute Standing in Teilbereichen stolz, was für internationale Kooperationen wichtig ist. Generell sieht niemand Rankings als besonders hochwertiges Werkzeug, sondern als mediales Spiel, das sich gut publizieren lässt.

Was ist die Hauptkritik?

Die Vorstellung wird bezweifelt, dass die Qualität einer so komplexen Institution wie die einer Uni mit einer einzelnen Zahl oder Kategorie erfasst werden könnte - pseudowissenschaftlich belegt durch Auftragen auf einer Skala. Dazu kommen Messbarkeit und Gewichtung der Kriterien, nach denen die Rangliste erstellt wird. Grundsätzlich sind Rankings, die eine breitere Palette an Parametern beinhalten - etwa das Betreuungsverhältnis von Studenten und Professoren oder eine größere Auswahl von Publikationen - besser angesehen.

Mitte August ist wieder einmal das Shanghai-Ranking veröffentlicht worden, wie schätzen Sie das ein?

Das Shanghai-Ranking ist methodisch sicher die fragwürdigste der weithin rezipierten Bewertungen, da es nur ganz bestimmte Faktoren berücksichtigt: etwa Publikationen, die sich auf englischsprachige Naturwissenschaften konzentrieren. Dabei werden Top-Journals überproportional stark gewichtet, das gilt auch für Preise und Auszeichnungen.

Da werden etwa Nobelpreisträger, die in den vergangenen 40 Jahre an der Institution waren, gewertet: Das reflektiert zwar die Reputation der Universität, sagt aber nichts über die aktuelle Qualität des Unterrichts oder der Forschung aus. Der gesamte Bereich der Lehre fließt nicht in das Ergebnis ein. Es herrscht offenbar die Annahme, dass jemand, der internationale Preise gewinnt, auch gut unterrichtet. Was natürlich nicht stimmt. Oft ist das Gegenteil der Fall, wie ich auch aus persönlicher Erfahrung weiß. An der London School of Economics hatte ich viele nominell herausragende Professoren, die ich aber kaum zu Gesicht bekommen habe, weil sie für Undergraduate-Studenten wenig Zeit hatten.

Wie ist es historisch überhaupt zu diesen Unirankings gekommen?

Das erste Ranking wurde 1983 vom "U.S. News & World Report" herausgegeben und sollte High-School-Absolventen eine Entscheidungshilfe geben, an welcher Universität sie sich bewerben könnten. Das entsprach dem amerikanischen Wettbewerbsgedanken und in der Simplizität auch der breiten Zielgruppe, die wissen will, wie der Markt aussieht. Das Ranking spiegelte die allgemeine Reputation der US-Unis wider, mit Harvard, Yale, dem M.I.T., Princeton etc. an der Spitze. Die Rankings wurden extra so designt, dass diese Unis auch an der Spitze blieben, weil sie selbst sonst nicht glaubwürdig erschienen wären.

Warum wird über das Shanghai-Ranking so viel berichtet?

Es passt in seiner Art gut in die amerikanische Ranking-Tradition, deshalb hat es auch internationale Aufmerksamkeit erreicht. Aber zur Verteidigung der Urheber muss man sagen: Ihre Schöpfer haben das ursprünglich als rein internes Werkzeug für die Uni Shanghai entwickelt. Im Versuch, an die Weltspitze zu gelangen, wurde es gemacht, um sich in ganz spezifischen Bereichen mit anderen Universitäten der Welt zu vergleichen. Es ging eben um Naturwissenschaften, Publikationen, Reputation - das alles sollte dokumentiert und in Zahlen gefasst werden, aber als rein internes Werkzeug.

Bevorzugt das Ranking bestimmte Wissenschaften?

Shanghai, aber indirekt auch andere forcieren die Naturwissenschaften, da sie internationale Zitate stark bewerten und es nur in den Naturwissenschaften üblich ist, vor allem auf Englisch zu publizieren. In Human- und Sozialwissenschaften ist das viel seltener der Fall, es gibt auch kein so eindeutiges Äquivalent zu Fachzeitschriften wie "Science" oder "Nature". In diesen Wissenschaften wird für einen kleineren Kreis publiziert, der weniger Aufmerksamkeit erhält, und das fließt disproportional in die Rankings ein.

Welches der bei uns besonders bekannten Rankings - wie Shanghai, CHE oder QS - gilt als vertrauenswürdigstes?

Eigentlich wird das CHE Ranking bei uns als nützlichstes Werkzeug betrachtet. Es hat seine Stärke darin, dass es nicht schwarz-weiß-Aussagen trifft nach dem Motto "das sind die besten Unis", sondern aus einer relativ breiten Palette jene Kriterien auswählen lässt, die für Unis selbst relevant sind und von denen sie einen internationalen Vergleich haben wollen. Wobei auch dieses Ranking Probleme aufgeworfen hat. Viele österreichische Unis haben sich aktiv nicht daran beteiligt, weil sie den Eindruck hatten, dass man dabei statistisch fragwürdig beurteilt wird.

Haben Sie Ideen für andere, sinnvollere Rankings?

Damit würde ich mich gerne in Shanghai beschäftigen. Ich sehe diese Ranglisten generell kritisch, würde aber gerne dazu beitragen, bessere Vergleichsmöglichkeiten für die Qualität von Unis zu entwickeln. Ganz entscheidend ist es aber sicherlich, dass Lehre und Forschung getrennt in so eine Bewertung einfließen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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