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Roger Federer bei den US Open

Wie das Gehirn auf Zeitlupe schaltet

Wie fühlt es sich an, Roger Federer zu sein? Vollständig beantworten lässt sich diese Frage freilich niemals - aspektweise aber schon: Wie Versuche zeigen, bewegt sich der Ball für Tennisspieler mitunter in Zeitlupe.

Versuch 05.09.2012

"Experts have all the time in the world", schrieb der britische Psychologe Frederic Bartlett anno 1958. Das wird, wenn es denn stimmt, auch für den Sport gelten. Baseball- und Tennisspieler berichten etwa von einer seltsamen Verlangsamung des Balles, kurz bevor sie sich anschicken, ihn mit dem Schläger wuchtig ins Feld zu befördern. Äußerlich vermitteln jedenfalls Superexperten wie Roger Federer und Novak Dokovic den Eindruck, als könnten sie in der Tat den Fluss der Zeit nach Belieben drosseln.

"Ready - steady - slow"

Die Studie

"Ready steady slow: action preparation slows the subjective passage of time", Proceedings of the Royal Society B (doi: 10.1098/rspb.2012.1339).

Während ihre Gegenspieler in höchster Not nach dem Ball hetzen, bleiben die beiden immer elegant, ökonomisch, präzise. Und gewinnen noch dazu. Schwitzen die beiden eigentlich? Nun gut, das ist nicht wirklich eine Frage, die sich für die experimentelle Psychologie eignet. Sehr wohl aber die Überprüfung der subjektiven Zeitlupenmomente, von denen Tennisprofis berichten.

"Ready steady slow" lautet der Titel einer soeben in den "Proceedings" der Royal Society erschienenen Studie. Ihr Autor, Patrick Haggard, hat die Baseball- bzw. Tennissituation in einen Bildschirmtest zu übersetzen versucht, und zwar wie folgt: Auf dem Schirm erschien ein weißer Kreis, dessen Inneres nach einer bestimmten Zeit dunkel wurde. Dann mussten die Probanden so schnell als möglich den Kreis berühren.

Die Konzentration auf die folgende Handlung verlangsamte, wie Haggard schreibt, das Zeitempfinden tatsächlich. In Kontrollversuchen mussten die Testpersonen den Farbwechsel des Kreises nur beobachteten - und in diesem Fall schätzten sie die vergangene Zeitspanne kürzer ein, als wenn danach eine Bewegung folgte. Haggard und seine Mitarbeiter vermuten, dass das Gehirn auf solche Aufgaben mit einem erhöhten Informationsfluss für Sinneseindrücke reagiert, was sich wiederum in der Zeitwahrnehmung niederschlägt. Fazit: Je mehr Information durch die grauen Zellen fließt, desto langsamer tickt die subjektive Uhr.

Mögliche Ursache: Dopamin-System

Einen Hinweis auf die dahinterstehenden Mechanismen im Gehirn geben möglicherweise Parkinson-Patienten. Sie haben infolge eines Dopaminmangels Schwierigkeiten beim Gehen, beim Sprechen, letztlich bei allen Bewegungen. Interessanterweise schätzen Parkinson-Patienten Zeitintervalle regelmäßig kürzer ein als Gesunde das tun.

Letzteres dürfte ebenfalls am Dopamin liegen. Der Neurotransmitter beeinflusst nämlich den Gang der inneren Uhr. Und was noch wichtiger sein dürfte: Dopamin ist ein Botenstoff, der sowohl in den sogenannten Basalganglien als auch in den motorischen Arealen des Gehirns andockt. Beide werden aktiv, wenn sich eine Bewegung aus der Planungsphase in die Handlung übersetzt.

Könnte dieses System bei Federer und Dokovic besser entwickelt sein als bei Normalverbrauchern? Durchaus möglich, sagt Nobuhiro Hagura, einer der Studienautoren, gegenüber science.ORF.at. "Vielleicht ist die Verbindung zwischen dem Bewegungs- und Sehzentrum besser ausgebildet. Es könnte aber auch sein, dass sie schlichtweg besser vorhersehen, was als nächstes passiert." Definitiv entscheiden könnte man das allenfalls, wenn die beiden mal ins Labor am University College London kämen. Was unwahrscheinlich ist. Obwohl, andererseits: Experten haben alle Zeit der Welt.

Robert Czepel, science.ORF.at

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