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Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001

Wie wahrscheinlich ist ein zweites 9/11?

Statistik des Terrors: Forscher haben berechnet, wie wahrscheinlich ein Anschlag von der Größenordnung des 11. September 2001 wäre. Das Ergebnis: Innerhalb der nächsten zehn Jahre beträgt die Wahrscheinlichkeit zwischen 19 und 46 Prozent.

Prognose 07.09.2012

Wenn man denn ein Modell hätte! Wenn Experimente nicht möglich sind, versuchen Wissenschaftler Vorhersagen mit Miniaturversionen der Welt zu treffen. Klimaforscher tun das beispielswiese, indem sie die bekannten Klimamechanismen per Computer zu Prognosen verarbeiten. Das mag kompliziert genug sein, in den Sozialwissenschaften ist das jedenfalls noch ungleich schwieriger, "mechanistische" Modelle sind hier äußerst rar. Das gilt auch für das Phänomen Terror.

Aaron Clauset von der University of Colorado und Ryan Woodard von der ETH Zürich haben sich dem Thema dennoch zugewandt. Sie versuchen die Sache mit Hilfe von Statistiken aus der Erdbeben- und Katastrophenforschung in den Griff zu kriegen. "Wie wahrscheinlich ist es, dass in den nächsten zehn Jahren wieder ein Terroranschlag von der Größenordnung des 11. September 2001 auftritt?", lautet die Eingangsfrage ihrer soeben erschienen Studie.

Damit verbindet sich gleich eine andere: Sollte man 9/11, wie es in der Statistik so nüchtern heißt, als "Ausreißer" betrachten? Oder lag die Attacke im Rahmen des Erwartbaren?

Kein "Ausreißer"

Um das zu beantworten, haben Clauset und Woodard mehr als 13.000 Terroranschläge der Jahre 1968 - 2007 nach Opferzahlen geordnet und analysiert. Auch wenn 9/11 mit rund 3.000 Toten der bislang schwerste Terroranschlag der Geschichte war, fällt er dennoch nicht aus dem Rahmen, schreiben die beiden in ihrer Analyse. Die Wahrscheinlichkeit für eine Attacke dieser Größenordnung betrug (bezogen auf die Zeitspanne 1968 - 2007) zwischen 11 und 35 Prozent.

Und in der Zukunft? Das hängt von zwei Faktoren ab: Erstens, welche Zahl an Terroranschlägen pro Jahr man als "normal" ansieht. Und zweitens, in welche Funktion man die Daten einordnet. Viele Wissenschaftler vermuten, dass sich die Opferzahlen bei Terroranschlägen gut durch ein Potenzgesetz beschreiben lassen.

Wählt man ein solches, sind die erwartbaren Wahrscheinlichkeiten relativ hoch, wie Clauset und Woodard zeigen. Wählt man hingegen andere Varianten (logarithmische Normalverteilung, gestreckte Exponentialfunktion), sind sie zum Teil deutlich niedriger. Weswegen die beiden ihre Vorhersagen immer in Intervallen angeben.

Optimistische und pessimistische Szenarien

Gesetzt den Fall, das Jahr 2007 mit 2.000 Terroranschlägen wäre auch für die nächsten zehn Jahre gültig. Dann läge die Wahrscheinlichkeit für ein zweites 9/11 in diesem Zeitraum zwischen 19 und 46 Prozent - weltweit.

Allerdings kann man auch argumentieren, dass die neueren Zahlen durch die Konflikte in Afghanistan sowie im Irak nach oben getrieben wurden und langfristig wieder fallen könnten. Nimmt man die Jahre 1998 - 2002 als Bezugsgröße (400 Anschläge pro Jahr), sieht die Sache schon etwas besser aus. Dann käme ein 9/11-Sequel auf vier bis zwölf Prozent.

Natürlich wären auch Eskalationen denkbar, etwa, wenn die Lebensmittelpreise stiegen und eine Gewaltwelle nach sich zögen. Für diesen Fall haben Clauset und Woodard auch ein pessimistisches Szenario (10.000 Anschläge pro Jahr) durchgerechnet. Resultat: In diesem Fall stiege die Wahrscheinlichkeit der Katastrophe auf 64 bis 94 Prozent.

Man kann natürlich die Frage stellen, inwieweit solche Prognosen überhaupt zu prüfen sind. Nachdem es für die Geschichte definitionsgemäß keine Wiederholungen gibt, entzieht sich die Statistik streng genommen der Widerlegung. Sollte ein neuer Terroranschlag die Welt erschüttern, wäre das allerdings eine der geringeren Sorgen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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