Standort: science.ORF.at / Meldung: "Forscher schreiben mit rosa Brille"

Fünf Hände mit Dauemn nach oben

Forscher schreiben mit rosa Brille

Dass Medienberichte über medizinische Studien nicht immer ultrakorrekt ausfallen, mag keine große Überraschung sein. Einer Untersuchung zufolge gilt das auch für die Berichte der Forscher: Ihre Zusammenfassungen sind oft spektakulärer als die Daten.

Analyse 12.09.2012

"Unser Resultat könnte zur Entwicklung von x führen." Dieser Satz steht in jeder zweiten Studie. Für x setze man ein: Krebstherapien, Quantencomputer, Solarzellen. Grundlagenforschung muss mögliche Folgen und Anwendungen ihrer Ergebnisse kommunizieren, dass die vermuteten Zusammenhänge mitunter vage sind, liegt in der Natur der Sache.

Bei der angewandten Forschung ist die Distanz zur Praxis naturgemäß geringer. Gleichwohl braucht es auch hier eine Einschätzung, was aus den Resultaten entstehen könnte. Und die weist, wie nun ein Team um Isabelle Boutron berichtet, nicht selten eine gewisse Schieflage auf.

Jeder zweite Bericht übertrieben

Wie die Epidemiologin von der Universität Paris Descartes im Fachblatt "PLoS Medicine" berichtet, ist die angebotene Interpretation häufig zu optimistisch, und zwar sowohl bei den Wissenschaftlern selbst, als auch bei den PR-Abteilungen der Universitäten und nicht zuletzt auch bei den Medien.

Die Studie

"Misrepresentation of Randomized Controlled Trials in Press Releases and News Coverage: A Cohort Study" PLoS Medicine (9(9): e1001308, doi: 10.1371/journal.pmed.1001308).

Boutron und ihr Team haben 70 medizinische Pressemeldungen von der Wissenschaftswebsite "Eurekalert!" mit den dazugehörigen Studien und Medienberichten verglichen. Den Fokus legten sie auf so genannte randomisierte kontrollierte Studien, also solche mit einem hochwertigen Studiendesign.

Boutron zufolge ist bereits der "Abstract", die Kurzzusammenfassung des wissenschaftlichen Berichts, verzerrt. In 40 Prozent der Fälle ist diese kondensierte Darstellung der Ergebnisse etwas freundlicher geraten, als es die Rohdaten belegen. Da wird, um ein Beispiel zu nennen, Akupunktur schon mal als Libido-steigerndes Mittel gepriesen, auch wenn eigentlich Hitzewallungen Thema der Studie waren und die Statistik außerdem nicht wasserdicht ist.

Die zur Bewerbung/Erläuterung der Studien verfassten Presseaussendungen sind - wenig überraschend - ebenfalls optimistisch geneigt (in 47 Prozent der Fälle). Entsprechende Medienberichte verstärken die Tendenz nochmals - 51 Prozent der Artikel übertreiben bei ihrer Darstellung. Boutron zufolge dürfte das nicht nur an einer Missinterpretation der Originalarbeiten liegen. Der Impuls gehe meist bereits von den Forschern aus - und werde danach von Journalisten noch verstärkt.

Symbiotische Spirale

Das Ergebnis offenbart eine symbiotische Beziehung zwischen Forschung und Medien. Untersuchungen zeigen nämlich: Presseberichte über wissenschaftliche Studien führen dazu, dass letztere häufiger zitiert werden. Da die Zahl der Zitate in der Fachgemeinde oft als Maßzahl für Relevanz angesehen wird (und, wenngleich das nicht oft zugegeben wird: auch als Maßzahl für Qualität), kommt den Forschern mediale Aufmerksamkeit durchaus gelegen.

Umgekehrt lieben Medien möglichst spektakuläre Forschung, Quotendruck und Auflage wollen eben gefüttert werden. Und wenn etwas nicht spektakulär ist, dann hilft man (Forscher, PR-Agent, Journalist) eben ein bisschen nach. Da muss nichts gelogen sein, es reicht schon selektive Aufmerksamkeit - und schon ist sie da, die statistisch nachweisbare Schieflage.

Ähnliche Ergebnisse wie Boutron hat auch die deutsche Wissenschaftsforscherin Martina Franzen vorzuweisen. Sie spricht von einem "Kampf um Aufmerksamkeit zwischen Fachjournalen", in dem durchaus ähnliche Tendenzen zu beobachten seien, wie man sie aus den Massenmedien schon länger kennt.

In einem ORF-Interview meinte sie kürzlich: "Forscher neigen dazu, ihre Ergebnisse zu überzeichnen, um überhaupt auf Interesse zu stoßen. Manchmal wird mehr versprochen, als die Daten hergeben."

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: