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Romeo und Julia umarmen sich am Burgtheater

Das kleine Ich-bin-ich der Liebe

Warum sind wir die Person, die wir sind? Eine Antwort darauf kann sich jeder selbst geben, wenn er oder sie die Geschichte des eigenen Lebens erzählt. Genau das hat die Wiener Kulturwissenschaftlerin Alexandra Kofler mit 40 Interviewpartnern gemacht. Ergebnis: Die Liebe ist ein zentraler Schauplatz der Identitätsfindung - und für entsprechende Konflikte.

Kulturwissenschaft 24.12.2012

science.ORF.at: Wieso ist die Liebe so wichtig für unsere Identität?

Alexandra Kofler: Identität ist immer ein Ergebnis von Beziehungen, der Auseinandersetzung zwischen Ich und Anderen. Die Liebe ist dabei ganz zentral, weil der Einzelne seine Identität aus der Beziehung zwischen Ich und Du bezieht. Die Liebe ist ein Ort der Anerkennung oder Verweigerung von Identitätsentwürfen. Vor allem das romantische Konzept der Liebe sieht die Einswerdung und Verschmelzung von zwei Personen vor. Diese Vorstellung geht weit zurück bis zum Mythos der Kugelmenschen in Platons Symposion, die einmal getrennt wieder zueinander finden sollen.

Porträtfoto der Kulturwissenschaftlerin Alexandra Kofler

Alexandra Kofler

Alexandra Kofler, Dr. phil., erhielt für ihre Dissertation den Michael-Mitterauer-Preis für Gesellschafts-, Kultur und Wirtschaftsgeschichte. Sie lebt und arbeitet als freie Wissenschaftlerin in Wien.

Das Buch:

"Erzählen über Liebe. Die Konstruktion von Identität in autobiografischen Interviews" ist vor kurzem im Campus Verlag erschienen.

Methode:

Alexandra Kofler hat über Online-Jobbörsen 40 Menschen gefunden, die ihre Liebesbiografie erzählten. Die mehrstündigen Interviews wurden in Anlehnung an die narrativ-biografische Interviewmethode von Fritz Schütze erhoben und ausgewertet. Die Idee dabei ist es, dass sich der Forscher zurückhält und wenig in den Erzählfluss eingreift. "Wie die Personen also über ihr Leben gesprochen haben, war höchst unterschiedlich, und das fand ich sehr spannend: Manche begannen chronologisch mit ihrer Geburt, andere setzten mit der ersten Liebe an, wieder andere mit einem bestimmten Thema, das sie für ihr Leben zentral sehen", so Kofler.

Links:

Diese Urerzählung der romantischen Liebe wurde bis heute immer mehr mit Bedeutung aufgeladen. Soziologisch gesprochen: Die Liebe soll vor der Kälte der modernen Welt retten. Sie soll die Entfremdung, die wir als moderne Menschen erleben, wieder aufheben - diese Idee war und ist in der Kultur, in der Musik, in Filmen allgegenwärtig. Dennoch entspricht sie nicht den realen Erfahrungen und gerät in einen Widerspruch zu den kulturellen Anforderungen nach Autonomie, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit. Die Konflikte zwischen diesen Anforderungen und dem Ideal der romantischen Liebe waren in meinen Interviews deutlich zu spüren.

Sie haben bei der Auswertung der Interviews Erzählmuster ausfindig gemacht. Welche Muster verwenden Menschen, wenn sie über ihr Liebesleben erzählen?

Ganz unterschiedliche, wie z.B. Passionsgeschichten, persönliche Reifungsprozesse oder Konversionserzählungen. Letztere sind in den Interviews sehr oft vorgekommen. Das Muster stammt aus einem religiösen Zusammenhang, wenn aus einem Glauben in einen anderen übergegangen wird. In den autobiografischen Erzählungen wurde dieses Motiv benutzt, um den Wechsel von Partnerschaften zu erklären. Die Geschichten folgen einem ganz bestimmten Aufbau: Das Leben vor dem Identitätswandel wird als äußerst zwanghaft geschildert, das Ich ist bis dahin unterdrückt. Dann tritt der Moment der großen Befreiung ein, des Fortschritts und der Selbstverwirklichung: entweder ein neuer Partner oder zumindest die Trennung von einem alten. Vor diesem Moment war alles schlecht, nach der Konversion ist man ein neuer Mensch.

Warum war die Konversion ein so häufiges Muster der Liebeserzählungen?

Es entspricht offensichtlich der kulturellen Anforderung, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, sein eigenes Schicksal zu bestimmen. Was noch dazu kommt: Eine Konversion lässt sich gut erzählen. Das Leben als Bewegung nach vorne zu schildern, ist dynamisch und dramatisch, das erzeugt beim Zuhörer großes Interesse.

In Ihrem Buch kommt u.a. "Gisela" vor, die eine solche Konvertitin ist. Können Sie ihre Geschichte als Beispiel kurz nacherzählen?

Bei Gisela, einer zum Interviewzeitpunkt 52-jährigen Frau, bildete der Wandel der persönlichen Identität den Plot der Erzählung. Sie schilderte, wie sich ihr Leben vom leidvollen, fremdbestimmten Leben als Hausfrau und Mutter zweier Kinder hin zu einem selbstbestimmten entwickelte. Gisela trennt sich vom Vater ihrer Kinder und stellt das patriarchale Rollenmodell sowie ihren Entwurf als Mutter infrage. Sie absolviert nach ihrer Trennung ein Studium und schlägt einen neuen beruflichen Weg ein.

Und vor allem konzipiert sie ihre Folgebeziehungen nach einem ganz anderen Modell als ihre erste Ehe: Ihre Beziehungen werden zu ausdrücklichen "Projekten", die wie Vertragspartnerschaften geschlossen werden. Mann und Frau einigen sich für einen bestimmten Zeitraum auf ein Projekt - etwa die Erziehung der Kinder und die gegenseitige Unterstützung dabei. Mit der Erledigung der Aufgabe ist das Projekt dann auch abgeschlossen und die Beziehung wird aufgelöst. Entscheidend ist, wie Gisela und die anderen Interviewpartner ihre Lebensgeschichte beim Erzählen inszeniert und darstellt.

Inwiefern?

In Giselas Geschichte steht das Ich im Zentrum. Es kommen kaum andere Personen vor, die Beteiligung anderer Akteure an Handlungen wird verschleiert oder ausgeblendet. Daran zeigt sich, dass die Darstellung der eigenen Lebensgeschichte immer auch strategisch ist, weil es darum geht, eine bestimmte Selbstdeutung zu etablieren. Giselas Ziel ist es, das Ich ihrer Erzählung möglichst unabhängig und individualisiert darzustellen. Ihre Geschichte ist so aufgebaut, dass alles in ihrem Leben den eigenen Entscheidungen unterliegt, nichts durchkreuzt ihre Handlungspläne. Ihre Geschichte ist die einer Emanzipation, wie sie vielleicht für viele Frauenbiografien zutreffen könnte, aber sie präsentiert sich in ihrer Erzählung als unternehmerisches und risikofreudiges Ich und greift damit auf ein populäres kulturelles Erzählmuster zurück.

Woher stammen diese autobiografischen Erzählmuster?

Sie werden nicht bewusst angewendet, sondern zeigen, wie unsere Selbst- und Weltwahrnehmung kulturell geprägt ist, wie wir immer schon geschichtenförmig denken. Das ist auch der zentrale Punkt des Begriffs "narrative Identität": Er meint, dass das Nachdenken über die eigene Lebensgeschichte bereits voraussetzt, dass wir in Form von Geschichten denken. Alles hat einen Zusammenhang, es gibt Abfolgen von Ereignissen, wir leben nicht in einer Welt, die zerrissen ist und aus Einzeldaten besteht, sondern Geschichten stiften permanent Zusammenhang, Sinn und geben Orientierung.

Woher kommt das theoretisch?

Ich habe mich an dem französischen Philosophen Paul Ricoeur orientiert, der sich mit der Thematik zwar nicht in Hinblick auf Autobiografie, aber auf Geschichtsschreibung und Literaturwissenschaft beschäftigt hat. Seine Idee ist folgende: Wenn wir über uns als Menschen nachdenken und die Frage "Wer bin ich?" stellen, dann können wir sie nur in der Form beantworten, dass wir eine Geschichte erzählen, die Geschichte unseres Lebens.

Sie erklärt, wie ich zu der Person geworden bin, die ich bin, wie ich mich verändert habe oder auch nicht. Dieses Verständnis "narrativer Identität" kann meines Erachtens die theoretischen Debatten um die Identität lösen, weil es im Gegensatz zu der altbekannten Alternative steht - Identität verstanden entweder als Zwang oder postmodern als Fragmentierung. Wenn wir unsere eigene Identität in Form einer Geschichte verstehen, bedeutet das auch, dass sie nie festgeschrieben ist, sondern wandelbar, gestaltbar und revidierbar ist.

Das ganze findet vor einem gesellschaftlichen Hintergrund statt …

Natürlich. Früher ist man davon ausgegangen, dass sich die Identitätsfindung im Bereich des Erwachsenenlebens abspielt: Wenn der junge Erwachsene seine Rolle in der Gesellschaft - zumeist über seinen Beruf - einmal gefunden hat, dann ist das Problem der Identität gelöst. Heute aber hat man üblicherweise nicht mehr nur einen einzigen Beruf bis zum Lebensende, man lebt nicht mehr nur in der einen Ehe, "bis dass der Tod uns scheidet". Die biografischen Brüche häufen sich, und die Menschen sind immer stärker gefordert, selber an ihren Biografien zu basteln, neuen Sinn zu stiften.

Biografisches Erzählen ist dabei ein zentrales Mittel, sich selbst zu vergewissern und seine Identität zu hinterfragen. Man sieht das auch an den vielen verschiedenen Medien, die auf solche Erzählungen drängen wie Talkshows oder Soziale Medien. Wenn auch in kleiner Form so werden auch bei Facebook und Co permanent biografische Erzählungen geliefert. Die Frage "Wer bin ich?" ist allgegenwärtig.

Im Untertitel Ihres Buchs heißt es "Konstruktion von Identität in autobiografischen Interviews": Geht es dabei nur mehr um Erzählung und nicht mehr um die Wirklichkeit?

Konstruktion meint nicht, dass eine Erzählung völlig frei erfunden wäre, unabhängig von dem, was tatsächlich passiert ist. Aber es ist notwendig, sich auf das empirische Material zu beschränken, das waren in meinem Fall die Interviews. Die zentrale Frage ist dann, welche Ereignisse werden ausgewählt und zu einer Geschichte verknüpft und vor allem: Wie wird die Liebesbiografie dargestellt?

Konstruktion bedeutet nicht nur, dass die autobiografische Erzählung einen neuen Sinn stiftet. Es bedeutet auch, dass diese Erzählungen aus einer Praxis heraus entstehen, dass alleine die Situation - hier sitze ich als Forscherin, vis-à-vis der Erzähler oder die Erzählerin - mitbedingt, was und wie erzählt wird. Natürlich stehen hinter den Erzählungen reale Erfahrungen und Ereignisse, aber diese werden beim Erzählen nicht abgebildet, sondern neu zusammengefügt. Mir geht es um die Art, wie Menschen ihre Identität inszenieren, während sie erzählen.

Weniger wichtig als eine Wahr-falsch-Option ist die Frage der Plausibilität: Wann ist eine Erzählung plausibel? Die Antwort lautet: meistens dann, wenn sie bestimmten Konventionen des Erzählens entspricht, wenn sie nicht aus dem Rahmen dessen fällt, was erwartet wird. In Bezug auf das eigene Leben bedeutet das: Ich kann immer wieder einen anderen Blick auf mein Leben haben.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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