Standort: science.ORF.at / Meldung: "Eunuchen leben länger"

Koreanische statue aus dem 17. Jahrhundert

Eunuchen leben länger

Ohne Sexualhormone könnten Männer deutlich älter werden. Eine Analyse historischer Familienbücher zeigt zumindest: Koreanische Eunuchen überlebten ihre männlichen Zeitgenossen um mehr als 14 Jahre.

Altern 25.09.2012

Dass kastrierten Haustieren häufig ein ungewöhnlich langes Leben beschieden ist, weiß jeder Katzen- und Hundebesitzer. Ob das auch beim Menschen so sein könnte, war bislang unklar – und auch kaum zu beantworten. Denn für seriöse Vergleichsstudien fehlt es naturgemäß an enstprechend zahlreichen Kastraten. Das war allerdings in anderen Kulturkreisen nicht immer so.

In der koreanischen Joseon-Dynastie, deren Periode von 1392 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dauerte, spielten Eunuchen eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Sie hatten Zugang zum Königspalast und bekleideten Positionen am könglichen Gerichtshof. Im Gegensatz zur chinesischen Tradition durften die koreanischen Eunuchen auch heiraten und Kinder adoptieren.

Die Studie

"The lifespan of Korean eunuchs", Current Biology (Bd. 22, Nr. 16, R1).

Die Söhne mussten allerdings, so die Auflage, ebenfalls kastriert sein – auf diese Weise begründeten die Eunuchen Jahrhunderte überdauernde Familiengeschichten zu Hofe. Ein Umstand, den sich nun Kyung-Jin Min zunutze gemacht hat. Der Biologe von der Incheon Universität hat sich die royalen Chroniken der Joseon-Periode genauer angesehen und in den Familienbüchern der Eunuchen einen medizinischen Statistik-Fundus entdeckt.

14 bis 19 Jahre älter

Im "Yang-Se-Gye-Bo", wie das historische Dokument heißt, sind die Namen, Berufe und Familienverhätlnisse hunderter Eunuchen vermerkt. Bei 81 konnte Min zweifelsfrei das Alter feststellen. 70 Jahre wurden sie im Schnitt, was für damalige Verhätlnisse eine ganze Menge ist. Denn Männer mit ähnlichem sozioökonomischem Hintergrund wurden im gleichen Zeitraum nur 50,9 bis 55,6 Jahre alt.

Die Lebensspanne der Eunuchen war damit um stattliche 14 bis 19 Jahre verlängert. Unter ihnen befanden sich auch drei, die über 100 jahre alt wurden. Ein bei nur 81 Personen statistisch zumindest auffälliger Befund. Zum Vergleich: In Japan wird aktuell nur eine von 3.500 Personen 100 Jahre oder älter, in den USA liegt der Anteil noch niedriger, nämlich bei eins zu 4.400.

"Von Frauen lernen"

Ö1 Sendungshinweis:

Über diese Studie berichtet auch "Wissen Aktuell" am 25. September 2012 um 13.55 Uhr.

Min vermutet, dass die Absenz der männlichen Geschlechtshormone für das lange Leben der Eunuchen verantwortlich war. So würden Studien zeigen, dass Testosteron einen hemmenden Einfluss auf das Immunsystem hat und außerdem Herzkreislauf-Erkrankungen fördert.

Der englische Biologe Tom Kirkwood hat hierzu bereits in den 1970ern eine passende Theorie entwickelt. Sie heißt "disposable soma theory" und besagt, dass sich Lebewesen zwischen Fortpflanzung und körperlicher Konservierung entscheiden können. Da sowohl das eine als auch das andere Energie benötigt, sei beides – Nachwuchs und ein langes Leben – nicht ohne Kompromisse zu haben. Kirkwood zufolge altern Menschen und Tiere deswegen, weil ein Investment in die Gesundheit nach erfolgreicher Fortpflanzung im biologischen Standardplan nicht vorgesehen ist. Theoretisch könnte es auch anders sein. Die Befunde an Eunuchen scheinen es zu belegen.

Ob Kirkwoods Theorie tatsächlich zutrifft, ist unter Fachleuten allerdings umstritten. Die Eunuchen-Studie könnte jedenfalls erklären, warum Frauen in der Regel älter werden als Männer, schreibt Min in einer Aussendung: "Um gesund zu bleiben und alt zu werden, sollte man sich von Stress fernhalten – und möglichst viel von Frauen lernen."

Robert Czepel, science.ORF.at

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