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Zwei Kinder und eine junge Frau stehen in der Warteschlange vor einem Geschäft.

"Besatzungskindern eine Stimme geben"

Sie wurden als Kinder des Feindes oder "Russenkinder" diskriminiert und hatten vielfach ihr gesamtes Leben lang mit Vorurteilen zu kämpfen: Die Besatzungskinder in Österreich und Deutschland. Als ihre Väter in die Heimat zurückkehrten, blieben diese Kinder mit ihren Müttern meist zurück.

Zeitgeschichte 25.09.2012

"Eine vergessene Generation und immer noch ein Tabuthema", meint die Historikerin Barbara Stelzl-Marx vom Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung im Gespräch mit der APA. Die erste internationale Konferenz zum Thema Besatzungskinder möchte diese Forschungslücke der Zeitgeschichte verkleinern.

Die Tagung:

"Besatzungskinder in Österreich und Deutschland", 27. September 2012, Diplomatische Akademie Wien, Favoritenstraße 15, 9 bis 18 Uhr, Anmeldung beim Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung.

Ablehnung aus Familie und Nachbarschaft

Barbara Stelzl-Marx schätzt die Zahl der Besatzungskinder in Österreich auf mindestens 20.000 Personen, in Deutschland auf etwa 400.000. "Nur kurze Zeit zuvor waren die Väter noch die Feinde und haben meist auch noch als solche gegolten", so die stellvertretende Leiterin des Boltzmann-Instituts.

Oft sei das Leben als Besatzungskind daher mit viel Scham verbunden gewesen. Ablehnung habe es aus der eigenen Familie, aber auch aus der Nachbarschaft gegeben.

"Vaterlose Generation"

Vor allem in der sowjetischen Besatzungszone seien Beziehungen zwischen Soldaten und einheimischen Frauen unter keinem guten Stern gestanden. "Stalins Politik erlaubte es den Soldaten nicht, österreichische Frauen zu heiraten oder sie und das Kind mit in die Heimat zu nehmen. Im Gegenteil: Wurde eine solche Beziehung bekannt, drohte die Versetzung", erklärt Stelzl-Marx.

Durch den Kalten Krieg sei es dann kaum möglich gewesen, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Die meist jungen Mütter blieben ohne Geld in einer wirtschaftlich prekären Situation zurück. Die Kinder wuchsen ohne leiblichen Vater auf, "eine vaterlose Generation", wie es die Historikerin nennt.

"War Brides"

Anders sei die Situation in der britischen, französischen oder US-amerikanischen Besatzungszone gewesen. Als das Fraternisierungsverbot im Oktober 1945 aufgehoben wurde, wanderten einige einheimische Frauen als so genannte "war brides" mit ihren Ehemännern nach Amerika aus. Einige britische Soldaten ließen sich in Österreich nieder und gründeten hier eine Familie.

Besonders schwer hätten es jedoch die Kinder afroamerikanischer Soldaten gehabt. "Diesen Kindern hat man angesehen, dass sie anders waren. Sie hatten keine Möglichkeit, sich zu verstecken", so Stelzl-Marx. Zusammen mit den Kindern von sowjetischen Soldaten seien sie den schlimmsten Diskriminierungen ausgesetzt gewesen.

Suche nach Wurzeln

Allerdings seien nicht alle Besatzungskinder aus freiwilligen Beziehungen entstanden. "Das Spektrum geht von der romantischen Liebesbeziehung über Gelegenheitsbeziehungen, meist unter dem Aspekt der Überlebensprostitution, bis hin zu Vergewaltigungen", sagt die Wissenschaftlerin. 1945 habe es jedoch eine im Vergleich hohe Abtreibungsrate gegeben.

Ziel der Konferenz sei nicht nur, "diese Mauer des Schweigens einzureißen", sondern auch der Generation der Besatzungskinder eine Stimme zu geben und sich gegenseitig bei der Suche nach den eigenen Wurzeln zu unterstützen. Immer wieder würden Besatzungskinder mit dem Wunsch an das Institut herantreten, ihre Väter zu finden, so Stelzl-Marx.

science.ORF.at/APA

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