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Männer aus Papua-Neuguinea vom Stamm der Enga

Das Rezept für Frieden

"Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf", schrieb der Staatstheoretiker Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert. Eine Langzeitstudie an Bewohnern Papua-Neuguineas zeichnet ein optimistischeres Bild. Sie zeigt, dass sich Gewalt in Stammesgesellschaften sehr wohl bannen lässt: durch Dorfrichter und Entschädigung statt Strafe.

Papua-Neuguinea 28.09.2012

Bis in die 1950er Jahre blieben die Bewohner der Enga-Provinzen in Papua-Neuguinea weitgehend isoliert von Besuchern aus dem Westen. Stammesfehden waren zu dieser Zeit zwar üblich, hatten aber keine verheerende Auswirkungen: Sie wurden mit Speer, Pfeil und Bogen ausgetragen. Das sollte sich zu Beginn der 1990er Jahre ändern, als junge Männer erstmals moderne Schusswaffen gegen ihre Opponenten einsetzten.

"Zeitalter des Terrors"

Was folgte, war eine Spirale der Gewalt, "das Zeitalter des Terrors", wie es Pauline Wiessner nennt. Die Anthropologin von der University of Utah hat jahrelang das Leben der Eingeborenen des pazifischen Inselstaats dokumentiert. Sie berichtet nun im Fachblatt "Science", wie sich das soziale Gefüge der Enga verändert hat.

Nachdem der Gebrauch moderner Waffen zwischen 1991 und 2010 zu 500 Kriegen und dem Tod von bis zu 5.000 Eingeborenen (rund ein Prozent der Gesamtbevölkerung) geführt hatte, fanden die lokalen Stämme wieder zu einer relativ friedlichen Koexistenz. Des Krieges überdrüssig riefen immer mehr Stammesmitglieder lokale Gerichtsbarkeiten an, Dorfrichter, denen es offenbar gelang, den Zyklus der Gewalt zu stoppen. "Heute herrscht wieder Friede - und er scheint relativ stabil zu sein", resümiert Wiessner.

Sie hat im Rahmen ihrer Studie Interviews mit Stammesangehörigen geführt und drei Faktoren für die erfolgreiche Rückkehr zum Frieden ausgemacht. Zum einen sei die Mehrzahl der Bewohner zu dem Urteil gekommen, dass Krieg in Summe mehr Nachteile als Vorteile bringen würde. Zweitens hätten christliche Glaubensgemeinschaften jenen Zuflucht geboten, die der Gewalt abschwören wollten.

Der dritte und laut Wiessner wohl wichtigste Faktor war die Praxis der Dorfgerichte: Diese entschieden nämlich in der Regel nach dem Prinzip der, wie es im Englischen heißt, "restorative Justice". Soll heißen: Entschädigung in Form von Geld oder Schweinen für Gewaltopfer und deren Angehörige, relativ selten Strafen für die Täter.

"Trinkt Coca-Cola!"

So berichtet Wiessner von der Vergewaltigung und Ermordung einer Mutter von fünf Kindern. Ihr Mann habe sich entscheiden, die Dorfrichter anzurufen, anstatt sich beim Täter zu rächen. Diese hätten ihm eine Entschädigung zuerkannt, die es ihm ermöglichte, seine Kinder weiterhin auf die Schule zu schicken und wieder zu heiraten.

Männer aus Papua-Neuguinea

Polly Wiessner, University of Utah

Dorfrichter aus Papua-Neuguinea

In weniger schwerwiegenden Fällen hätten die Dorfweisen nicht selten auf traditionelle Befriedungsritale vertraut. Wenngleich in leicht modernisierter Form: "Geht nach Hause und trinkt Coca-Cola miteinander!", lautete eine häufig gebrauchte Empfehlung der Richter. Früher hatten die Enga in solchen Situationen Zuckerrohr ausgetauscht, im 21.Jahrhundert ist es nun eben ein Süßgetränk aus Übersee.

Wer will, kann die Wiessner'sche Studie als optimistisches Postkriptum zu Thomas Hobbes "Leviathan" lesen. Darin kam der englische Phsilosoph zu dem Schluss, dass Gewalt nur durch Gewalt zu bannen sei - nämlich durch den Staat und sein Durchgriffsrecht.

Der Mensch im Naturzustand scheue "keine Gewalt, sich Weib, Kind und Vieh eines anderen zu unterwerfen, das Geraubte zu verteidigen, sich zu rächen für Belanglosigkeiten wie ein Wort, ein Lächeln, einen Widerspruch oder irgendein anderes Zeichen der Geringschätzung", hatte Hobbes anno 1651 notiert. Ganz so hoffnunglos ist es, wie Wiessner zeigt, denn doch nicht. Inwieweit ihre Untersuchung auch eine Lehre für anoynyme Gesellschaften westlichen Zuschnitts bereit hält, ist allerdings fraglich.

Der US-Psycholge Stephen Pinker, Autor eines mehr als 1.200 Seiten starken Buches über die menschliche Gewalt, kommentiert die Studie mit einem statistischen Hinweis. Der Anteil der Kriegsopfer sei bei den Ena auch heute, in relativ friedlichen Zeiten, höher als in den USA während des gesamten 20. Jahrhunderts. Ob er dabei auch die innerstaatlichen Gewalttaten der USA auf der Rechnung hat, sagt Pinker allerdings nicht.

John Braithwaite, australischer Experte für "restorative Justice", erkennt in Wiesners Bericht indes eine Dialektik menschlichen Tuns: „Es sind die besonders kriegerischen Gesellschaften, die auch die größte Weisheit zur Erhaltung des Friedens entwickelt haben."

Robert Czepel, science.ORF.at

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