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Eric Kandel

Kandel: "Wien war damals einzigartig"

"Mein Schreiben ist eine Posttraumatische Belastungsstörung", sagt Eric Kandel. In einem Interview spricht der in Wien geborene Nobelpreisträger über sein neues Buch, Neuroästhetik, Österreichs Faible für Ehrenzeichen - und Wiens magische Phase um 1900.

Interview 01.10.2012

APA: Erst vor wenigen Tagen haben Sie hier in New York vom österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer eine hohe Auszeichnung bekommen...

Eric Kandel: Österreich spezialisiert sich auf Ehrenzeichen. Diesmal war es das Silberne mit dem Stern - ist das etwas Wichtiges? (lacht) Ich nehme diese Orden nicht sehr ernst, auch wenn es immer sehr nett ist, sie zu bekommen. Was mir wichtig ist, ist meine Freundschaft zu Heinz Fischer, den ich sehr schätze. Meine Familie war da - wir haben sehr schöne Fotos gemacht.

Vorträge

Eric Kandels Vorträge in Wien: 9. Oktober, 17 Uhr, Lesung in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; 10. Oktober, 19 Uhr, Lesung in der Secession (bereits ausgebucht); 11. Oktober, Symposium zur "Geschichte des Antisemitismus an der Universität Wien" anlässlich der Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Rings. Außerdem hält Kandel am 8. Oktober um 13.30 Uhr die Keynote Lecture bei den "Days of Molecular Medicine 2012" im Palais Liechtenstein

Buch

Eric Kandel: "Das Zeitalter der Erkenntnis. Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute", Siedler, 704 Seiten, 41,20 Euro, ISBN 978-3-88680-945-5, Erscheinungsdatum: 8. Oktober.

Ihr Buch über Wien 1900 werden sie nächste Woche selbst in Wien präsentieren, neben einer Lesung in der Akademie der Wissenschaften sind Sie auch in der Secession, bei einer Antisemitismus-Konferenz an der Universität und bei einer Tagung von "Science Translational Medicine" anzutreffen.

Es ist vieles zusammengekommen. Eigentlich ist es lächerlich - ich werde nicht einmal Zeit haben, um auf die Toilette zu gehen!

Wie sind sie auf die Idee gekommen, ein Buch über Wien 1900 und über ästhetische Wahrnehmung zu schreiben?

Das kam stufenweise. Ich hatte wieder so eine Ehrung bekommen, von der Universität Wien, und ich wollte dort darüber sprechen, was die Wiener Medizin zur weltweiten Forschung beigetragen hat. Bei den Recherchen stieß ich auf Carl von Rokitansky, dann auch auf Zuckerkandl, dessen Enkel ich in Palo Alto besuchte.

Bei den Vorbereitungen für einen anderen Vortrag, über Klimt, Schiele und Kokoschka, stieß ich auf den Zusammenhang zwischen der medizinischen Forschung und ihrem engen Kontakt mit den Künstlern. Über Ernst Gombrich konnte ich die Neurobiologie hineinbringen. Denn seine Idee war schon damals, die Kunstgeschichte wissenschaftlicher zu machen - und zwar durch den Blick auf die ästhetische Wahrnehmunung.

Im Gegensatz zu dem "Zeitalter der Erkenntnis", das Sie beschreiben, liegt zwischen Natur- und Geisteswissenschaften heute eine tiefe Kluft. Oft fühlen sie sich gegenseitig nicht ernst genommen.

Ich nehme die Kunsthistoriker sehr ernst. Aber manche Kulturwissenschaftler sind sehr schnell beleidigt, wenn sich die Biologie da einmischen will. Sie wehren sich gegen einen angeblich reduktionistischen, darwinistischen Zugang. So sehr ich Darwin schätze - ich denke nicht, dass dieses Bild auf mich oder viele meiner Kollegen zutrifft.

Es geht um einen parallelen Zugang, der die Kunstgeschichte nicht vertreiben, sondern ihr eine weitere Dimension hinzufügen soll. Die Selbstverständlichkeit, dass Kunst und Wissenschaft zusammengehören, war in Wien damals einzigartig. Dann haben wir sie eine Zeit lang verloren - ich denke, bald wird sie zurückkommen.

Wie?

Hier an der Columbia University haben wir zum Beispiel die Mind-Brain-Behaviour-Initiative. Die Idee ist, dass wir ja eigentlich alle daran arbeiten, den Geist zu verstehen. Die biologischen Grundlagen dazu sind deshalb auch für die Künste, die Philosophie, aber auch für die Rechtswissenschaft oder die Wirtschaft von Bedeutung.

Die Neuroästhetik ist eine neue Disziplin, die versucht, Aspekte von Kunst im Sinne ihrer biologischen Grundlagen zu erklären. Denn es ist doch auch für Künstler in Ausbildung interessant, wie Kunst eigentlich wahrgenommen wird.

Sie sind selbst Kunstliebhaber. Klimt, Kokoschka und Schiele gehören zu Ihren persönlichen Favoriten?

Ja, ich sammle aber auch andere, etwa deutsche Expressionisten. Die österreichischen sind aber kohärenter und interessanter, denn sie reflektieren die Moderne, einen neuen Blick auf die Welt und auf den Menschen.

Am Beispiel Freud, Klimt und Schnitzler kann man ausgezeichnet beobachten, wie Künstler und Wissenschaftler die gleichen Phänomene bearbeiteten - mit unterschiedlichem Erfolg. Zum Beispiel wusste Klimt, der mit 400 Frauen geschlafen hat, sehr viel über die weibliche Sexualität. Freud dagegen wusste darüber gar nichts (lacht).

Sich für ein Buch so intensiv mit Wien zu beschäftigen, der Stadt, aus der Sie als Kind fliehen mussten, ist das nicht traurig und schmerzhaft?

Ja, es ist sehr gemischt. Warum tue ich mir das an? Manchmal denke ich, mein Schreiben ist eine Posttraumatische Belastungsstörung. Ein Weg, mit einem Trauma fertig zu werden, ist, es zu beherrschen, das habe ich schon in meiner Autobiografie getan.

Ich frage mich auch manchmal, warum ich mich eigentlich so für österreichische Forschung einsetze. Ich denke die Antwort ist: Ich habe jetzt ein sehr viel bedeutungsvolleres Verhältnis zu Österreich als früher, weil ich da viele Menschen kenne, die ich sehr schätze. Das macht es leichter, darüber zu schreiben.

Die Namensänderung des Karl-Lueger-Rings war Ihnen schon seit Jahren ein Anliegen, jetzt nehmen sie an einem Antisemitismus-Symposium anlässlich der Umbenennung teil. Freut Sie das - oder kommt es zu spät?

Ich finde, für österreichische Verhältnisse war das Rekordzeit! Normalerweise tanzen sie doch ewig um so etwas herum. Bei dieser Veranstaltung werde ich darüber sprechen, dass Wien rund um 1900 eine magische Periode erlebt hat, die nicht zuletzt der freien Interaktion von Juden und Nicht-Juden geschuldet war. Und darüber, ob das in Wien nicht wiederkehren kann, wenn sich wieder mehr Juden ansiedeln würden.

Auf lange Sicht halte ich das für möglich. Man könnte etwa gezielt jüdische Wissenschaftler durch Stipendien holen. In 100 Jahren, nach drei oder vier Generationen, könnte es wieder einen gewichtigen jüdische Bevölkerungsanteil geben - und gemeinsames Denken und Forschen.

Welche Fragen beschäftigen Sie bei Ihrer Forschung zur Zeit?

Ich möchte wissen, ob CPB (Creb-Bindeprotein, Anm.) ein generelles Phänomen ist. Bei der Maus haben wir festgestellt, dass es die Erinnerung aufrechterhält, jetzt müssen wir herausfinden, ob das auf alle zutrifft, außerdem, ob es weitere Proteine gibt, die eine solche Funktion besitzen. Ich möchte wissen, wie neue Synapsen wachsen und warum sie bestehen bleiben.

Ich möchte Gedächtnisstörungen verstehen und herausfinden, ob sie rückgängig gemacht werden können. Außerdem mache ich aus meiner "Charlie Rose"-Serie über das menschliche Gehirn gerade mein nächstes Buch.

Sie haben früh in ihrer Karriere große Entdeckungen für die Neurowissenschaft gemacht. Was war der größte Aha-Effekt?

CPB war natürlich eine große Sache. Die einflussreichste, aber auch überraschendste Erkenntnis war aber, dass Lernen ein Wachstum in den synaptischen Verbindungen hervorruft. Für mich hat es Sinn ergeben, wegen der Wirkungsweise der Psychotherapie: Es ist eine Lernerfahrung, das bedeutet, es verändert tatsächlich das Gehirn. Ich war der erste, der gesagt hat: Psychotherapie ist eine biologische Behandlungsform.

Freud hat sich das vielleicht auch schon gedacht.

Ja, Freud wusste das.

Interview: Maria Handler, APA

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