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Mit Diamanten besetzter Totenschädel von Damien Hirst.

"Damien Hirst kann nicht mal zeichnen!"

Jim McGuigan untersucht die Verflechtungen zwischen Kunst und Kapitalismus. In einem Interview erklärt der britische Kulturwissenschaftler wie man rückwärts ins Rampenlicht geht - und was Damien Hirst mit König Midas zu tun hat.

Kunst 15.10.2012

science.ORF.at: Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung unter anderem mit dem britischen Galeristen und Kunsthändler Charles Saatchi. Was macht ihn so interessant?

Jim McGuigan: Vor ein paar Jahren fragten mich die Herausgeber eines Handbuches über Museologie, ob ich ein Kapitel für das Buch schreiben wolle. Ich sagte: "Ich weiß eigentlich nichts über Museen." Und sie antworteten: "Das macht nichts. Sie werden schon etwas zu sagen haben." Kurze Zeit später besuchte ich die dritte Galerie von Charles Saatchi in Chelsea, London. Und da hatte ich mein Thema für den Aufsatz!

Jim McGuigan

Jim McGuigan

Jim McGuigan ist Professor für Cultural Analysis an der Loughborough University, UK. Am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) hält er einen Vortrag zu diesem Thema - Titel: "Cool Art on Display".

Zeit: 15.10.2012, 18:00 Uhr.
Ort: IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien

Saatchi kommt ursprünglich aus der Werbebranche, er ist berühmt - aber sein Einfluss auf die Kunst ist ambivalent: Ist er ein Förderer der Kunst oder nur am Gewinn interessiert? Die britische Kunsthistorikerin Lisa Jardine schrieb vor ein paar Jahre einen Artikel für Saatchis Ausstellung "Sensation". Der Text hatte die Gestalt einer großen Entschuldigung.

Jardine argumentierte, Saatchi sei ein Mäzen und diese Rolle lasse sich bis zu den Medici zurückverfolgen. In ein paar Jahren werde man dankbar dafür sein, was er alles für die Kunst getan habe. Saatchi hat tatsächlich eine neue Kunstströmung ermöglicht - vertreten durch die "Young British Artists", wie etwa Damien Hirst und Tracey Emin. Die Qualität ihrer Arbeiten ist aber umstritten.

Hinkt der historische Vergleich nicht ein wenig? Die Medici haben ihre Bilder nicht verkauft. Saatchi hat mit von ihm in Auftrag gegebener Kunst Millionengewinne gemacht.

So ist es. Saatchi ist der Mediator einer Strömung, die ich "Neoliberalisierung der Kulturpolitik" nenne. Die Saatchi-Galerie ist frei zugänglich und sieht aus wie ein öffentliches Museum. Aber sie ist privat: Zwei Stockwerke des Gebäudes dienen allein dem Verkauf von Kunst. Die wirklich interessante Frage dabei ist: Wer definiert, was moderne Kunst ist? Wer legt das fest?

Was meinen Sie?

In Großbritannien hatte Saatchi die Definitionsmacht. Er hat in den letzten 20 Jahren entschieden, was Kunst ist. Wenn man sich etwa die Arbeiten von Damien Hirst ansieht, den Saatchi groß gemacht hat: Hirst kann nicht mal zeichnen! Er macht seine Kunst auch nicht selbst, sondern lässt sie machen. Ich gebe zu, ich bin da ein wenig altmodisch. Ich möchte bei Kunst auch Handwerk sehen. Wobei natürlich klar ist: Hirst macht Konzeptkunst, seine Kunst handelt von Ideen.

Triptychon von Jim McGuigan

Jim McGuigan

Der Forscher greift auch selbst zum Pinsel: Damien Hist auf McGuigans Triptychon "Hung, Drawn, Quatered"

Sie verwenden im Zusammenhang mit Saatchi den Begriff "Cool Capitalism". Was bedeutet das?

Da muss ich ausholen. "Cool" stammt aus Westafrika. Es leitet sich vom Begriff "Itutu" ab und bedeutete ursprünglich, in der Hitze des Gefechts ruhig und gefasst zu sein. Diese Idee reiste mit den afrikanischen Sklaven nach Amerika und tauchte im Diskurs des "Cool" der afroamerikanischen Kultur wieder auf. Etwa im Jazz in der Mitte des 20. Jahrhunderts. "Cool" wurde von der Erfahrung von Sklaverei und Ungleichheit beeinflusst: Es bedeutete, die eigenen Emotionen kontrollieren zu können und ermöglichte eine Abkehr von der dominanten Kultur. "Cool" ist eine Art Distanzierung. So wie die Körperhaltung von Miles Davis, der mit dem Rücken zum Publikum gespielt hat.

Buchcover von "Cool Capitalism"

Pluto Press

"Cool Capitalism" von Jim McGuigan.
Pluto Press, 2009

Was macht den Kapitalismus "cool"?

Der Kapitalismus hat sich die Symbole des "Cool" angeeignet, besonders die Werbung. Denken sie an Apple und seine dissidente, fast subkulturelle Bohemien- Ästhetik: Steve Jobs war "cool". Tatsächlich ist Apple einer der unbarmherzigsten und ausbeuterischsten Konzerne der Welt.

Saatchi ist "cool", indem er Kunst als Geschäftsmodell betrachtet?

Ja. Er besucht seine Ausstellungen nicht. Er macht sich rar. Saatchi tritt nicht vorwärts ins Rampenlicht, sondern rückwärts. Kürzlich hat er einen Interviewband veröffentlicht, obwohl er normalerweise keine Interviews gibt. Da waren dann Fragen zu lesen wie: "Herr Saatchi, stimmt es, dass Sie in den letzten 20 Jahren die britische Kunstszene wiederbelebt und zur großartigsten Kunst der Welt transformiert haben?" Und Saatchi durfte dann antworten: "Ja, das könnte stimmen."

Sie schreiben, Damien Hirst hat den "Cool Capitalism" wie kein anderer zum Bestandteil seines Werkes gemacht. Ist er ein Künstler oder ein Geschäftsmann?

Er ist beides. Als Geschäftsmann ist er wirklich beeindruckend. Kennen Sie sein berühmtestes Werk "For the Love of God"?

Ja, ein mit Diamanten besetzter Totenschädel.

Den hat er 2007 für 50 Millionen Pfund verkauft. Ein Konsortium hat 76 Prozent davon erworben. Den Rest, 24 Prozent, hat er zurückbehalten. Das ist doch wie an der Börse: Wer hätte davor gedacht, dass man nur einen Prozentsatz eines Kunstwerkes kaufen könnte!

Ist das zynisch oder brillant?

Gute Frage. Einerseits ist es verdammt zynisch. Andererseits weist es darauf hin, dass das Kunstwerk eine gute Wertanlage ist. Interessanterweise ist das just im Jahr der Finanzkrise passiert: "Oh mein Gott, unser Geld ist in Gefahr - wir stecken es lieber in die Kunst von Damien Hirst! Das ist der einzig sichere Ort!" (lacht)

Man könnte aber auch sagen: Das Business ist Hirsts eigentliche Kunst.

Durchaus. Vielleicht ist er auch der größte Künstler der Gegenwart. Auch wenn ich keines seiner Kunstwerke im Haus haben wollte. Wissen Sie, wie der Titel "For the Love of God" entstand? Er stammt von Hirsts Mutter. Sie schrie: "Um Himmels willen!" Weil ihr Sohn wieder mit so einer Sache ankam … (lacht).

… die Geschichte stimmt wirklich?

Oh ja.

John McKay, ein früherer Freund von Damien Hirst, hat bereits Jahre vor Hirst einen Diamantenschädel gestaltet. Laut "Times" soll McKay gesagt haben: "Als ich hörte, dass er das machte, fühlte es sich an wie ein Schlag in die Magengrube."

Das wusste ich nicht. Aber der Punkt ist: Er hätte den Schädel nicht für 50 Millionen Pfund verkaufen können. Denn er ist nicht Damien Hirst. Damien Hirst hat sich in eine Marke verwandelt. Er ist wie König Midas: Was er berührt, wird zu Gold.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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