Standort: science.ORF.at / Meldung: "Späte NS-Aufarbeitung"

Polizei vor dem Haupteingang der Universität Wien, antisemitisches Plakat "Juden Eintritt verboten"auf der Säule, aufgenommen 1931

Späte NS-Aufarbeitung

Bis 1945 war die Universität Wien eine Hochburg des Antisemitismus. In einigen Instituten, wie der Theaterwissenschaft, hat die Geschichtsaufarbeitung lange auf sich warten lassen. Nationalsozialisten waren hier auch nach der NS-Zeit in führenden Positionen beschäftigt.

Zeitgeschichte 12.10.2012

Im Mai 1945 wird Heinz Kindermann als Direktor des Instituts für Theaterwissenschaft abgesetzt und seiner Professur enthoben. 1954 kehrt er an die Universität Wien zurück. Er definierte Theaterwissenschaft als "Lebenswissenschaft", schrieb eine "rassisch und volkhaft bedingte Theatergeschichte". Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind von einer antiziganistischen, antislawischen und antisemitischen Haltung gekennzeichnet. 1966 übernimmt Margret Dietrich, eine Schülerin Heinz Kindermanns, die Institutsleitung. Heinz Kindermann lehrt und forscht auch nach seiner Emeritierung weiter am Institut für Theaterwissenschaft. Er wurde mehrheitlich als "einer der profundesten Kenner der europäischen Theaterwissenschaft" gewürdigt, sein NS-ideologischer Hintergrund wurde nicht berücksichtigt.

Birgit Peter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien und Leiterin des theaterhistorischen Archivs.

Birgit Peter hat sich mit der Biographie Heinz Kindermanns beschäftigt und die NS-Geschichte des Instituts für Theaterwissenschaften und ihres langjährigen Leiters untersucht. Im Interview mit science.ORF.at spricht sie über verschwundenes Archivmaterial, Spendenaktionen für Kindermann in der Zeit seines Berufsverbots und verpasste Chancen der NS-Aufarbeitung an der Universität Wien.

science.ORF.at: Heinz Kindermann kommt bereits 1954 nach einer "Pause" von neun Jahren zurück an das Institut für Theaterwissenschaft der Universität Wien. War diese Rückkehr eines Antisemiten an die Universität eine Ausnahme?

Birgit Peter: Das ist kein Einzelfall in Österreich. Viele Professoren, die sich vor 1945 durch ideologische Schriften kompromittiert haben, mussten der Universität nicht lange fernbleiben. Heinz Kindermann hatte jedoch wirklich ein Berufsverbot. Trotzdem konnte er sich auf ein großes Netzwerk verlassen. Ich bin zum Beispiel auf ein Bankkonto der "Freunde von Heinz Kindermann" gestoßen. Es wurde als Spendenkonto in den späten 1940er Jahren eingerichtet, um ihn in der Zeit des Berufsverbots finanziell zu unterstützen.

Die Konferenz "Der lange Schatten des Antisemitismus. Kritische Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Universität Wien im 19. und 20. Jahrhundert.", bei der u.a. Birgit Peter ihre Forschungsergebnisse vorgestellt hat, fand am 11. Oktober 2012 am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien statt.

Was hat Heinz Kindermann getan, um als Professor an die Universität zurückkehren zu können?

Kindermann hat von 1945 an gezielt an seiner Wiedereinsetzung gearbeitet. Dafür hat er wissenschaftliche Texte, die er in der Zeit des Nationalsozialismus verfasst hat, leicht umgearbeitet. Und er ist in dieser Zeit immer wieder als Spezialist für Theatergeschichte an die Öffentlichkeit getreten. Zum Beispiel mit einer Publikation über den deutschen Schauspieler Conrad Ekhof. Die gilt bis heute als Standardwerk, weil er Archivmaterial verarbeitet hat, das heute nicht mehr existiert.

Mir scheint das oft nicht zufällig, dass dieses Material verschwunden ist. Denn ich bearbeite das Archiv des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft und bin mit chaotischen Sammlungsbeständen ohne Inventarbücher konfrontiert. In so einem Chaos kann viel verschwinden. Und ich weiß auch von gewissen Ankäufen von wertvollem Aktenmaterial, das ich einfach nicht auffinden kann.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Veranstaltung hat auch Wissen Aktuell am 11.10. um 13:55 berichtet.

Ich habe jedoch genügend Material gefunden, das zeigt, wie geschickt Heinz Kindermann publiziert hat und wie groß sein Netzwerk war. Allein wer ihm - auch nach 1945 - regelmäßig zum Geburtstag gratuliert hat, ist unglaublich. Das war die Wiener Polit- und Kulturprominenz.

Womit beschäftigt sich Heinz Kindermann in den Jahren von 1945 bis zu seiner Rückkehr an das theaterwissenschaftliche Institut 1954?

Er arbeitet unter anderem an der "Großen europäischen Theaterausstellung", mit der er sich dann auch offiziell rehabilitiert hat. Die hat 1955 in Wien im Künstlerhaus stattgefunden. Ich habe gemeinsam mit Studenten die Materialien zu dieser Ausstellung untersucht. Sie wäre eigentlich für die deutsche Stadt Essen geplant gewesen, für die Villa Hügel, die zum Besitz der Familie Krupp gehört. Das war ein wirklich nationalsozialistischer Ort. Heinz Kindermann ist im Zuge der Ausstellungsplanung an Gustav Lindemann herangetreten. Lindemann war ein jüdischer Schauspieler, der emigrieren musste. Er war mit Louise Dumont verheiratet. Auf der wertvollen Sammlung dieses Schauspielerehepaars basiert heute das Theatermuseum in Düsseldorf.

Ich habe im Archiv der "Großen Europäischen Theaterausstellung" einen riesen Stapel Papier aus diesem Dumont-Lindemann-Archiv gefunden. Das war die Spur. Ich habe dann im Theatermuseum Düsseldorf angerufen und mitgeteilt, dass ich Bestände von ihnen gefunden habe. Dieses Material war 60 Jahre lang verschwunden. Und es geht sich zeitlich ziemlich genau aus, dass diese Bestände an Heinz Kindermann gegangen sind.

Warum ist die Ausstellung in Essen letztlich nicht zustande gekommen?

Weil es zu einem politischen Skandal kam. Ein anderer nationalsozialistischer Theaterwissenschaftler, Carl Niessen aus Köln, hat Heinz Kindermann als Nationalsozialisten bloßgestellt. Gustav Lindemann war schockiert, mit welchen Leuten er da zusammenarbeiten sollte. Und Kindermann hat daraufhin versucht, sich dem Skandal zu entziehen und das Projekt nach Wien gebracht. Das wurde aus Briefmaterial rekonstruiert. Und in Wien hat niemand danach gefragt.

Inwieweit ändert sich der wissenschaftliche Zugang von Heinz Kindermann nach seiner Rückkehr an die Universität 1954?

Er wird ein "Philosemit", also er würdigt die Kulturleistungen des Judentums in seinen Schriften. Eine fast schon klassische akademische Reaktion. In diesem Zusammenhang haben wir auch ein tolles Dokument entdeckt. Heinz Kindermann hat ja nicht nur Max Reinhardt an sich gerissen - er hat eine Reinhardt-Forschungsstätte begründet in den 1960er Jahren - sondern er hat auch versucht sich an Arthur Schnitzler "ranzumachen". Der Sohn Heinrich Schnitzler wehrte sich aber dagegen. Er lebte zu dieser Zeit im Exil in den USA. Und wir haben einen Brief von Heinrich Schnitzler, wo man lesen kann, wie ein Vertriebener auf diese selbstmitleidigen Lügen, wie "ich hab ja müssen" usw., reagiert. Das ist ein tolles Zeitdokument.

In der Ausstellung "Wissenschaft nach der Mode? Die Gründung des Zentralinstituts für Theaterwissenschaft an der Universität Wien 1943", die 2008 am Institut stattgefunden hat, wurde unter anderem die großzügige Ausstattung des Instituts für Theaterwissenschaft gezeigt, die es ab 1943 gegeben hat. Was haben sich die Nationalsozialisten davon erwartet?

Das ist schwer zu sagen. Theater hatte auf jeden Fall einen hohen Stellenwert. Heinz Kindermann wusste zum Beispiel auch, dass nicht nur Theater, sondern auch Film in Zukunft einen sehr hohen Stellenwert haben wird. Und er hat vorsorglich - ab dem Zeitpunkt, zu dem die ersten Theater Spielverbot bekamen - angefangen Filme zu sammeln. Und er hat auch einen Entwurf zur Filmwissenschaft als Bereich der Theaterwissenschaft verfasst.

Verknüpft ist seine wissenschaftliche Arbeit mit Politik und Ideologie dahingehend, dass er die Theaterwissenschaft als Lebenswissenschaft betrachtet hat. Er baut auf Blutmetaphern, auf organischen Metaphern auf, wo es ganz eindeutig um gesunde und kranke Organe geht. Und er führt einen neuen Geschichtsbegriff ein, zunächst in der Literaturwissenschaft. Er nennt das eine "biologisch anthropologische Literaturgeschichte".

Für die Theaterwissenschaft nennt er das dann rassisch, volkhaft gedachte Theatergeschichte. Bei diesen Geschichtsmodellen geht es darum, Geschichte neu zu schreiben, die eben auf diesen Kategorien basiert. Und wir wissen alle, dass das notwendig ist, um die Verdrängung, Versklavung, Vernichtung, Auslöschung des Nichtzugehörigen zu legitimieren. Er hat diese Ansichten auch in "Wille und Macht", einer Publikation der nationalsozialistischen Jugend, und bei Reden vor der Hitlerjugend verkündet.

Sie arbeiten hauptsächlich mit Archivmaterial. Das heißt, zumindest eine Aufarbeitung dieser Bestände wäre durchaus möglich gewesen. Warum wird die NS-Geschichte des Instituts für Theaterwissenschaften erst jetzt behandelt?

Das habe ich schon als Studentin nicht verstanden. Und ich und einige Kolleginnen und Kollegen haben schon in unserer Studentenzeit am Institut immer wieder darauf hingewiesen. Aber wir sind mit unseren Anregungen schnell an Grenzen gestoßen. Deswegen war es mir auch wichtig, diese Aufarbeitung der NS-Geschichte des Instituts gemeinsam mit Studierenden zu machen.

Denn sie waren es seit den 1950er Jahren, die immer wieder auf die Notwendigkeit dieser Arbeit hingewiesen haben. Es gab auch beim Wiedereintritt Kindermanns, bei seiner ersten Vorlesung 1954, Studentenproteste. Aber es war immer eine Minderheit, die die Selbstinszenierung Kindermanns und des Instituts als "Wir sind doch nur Theaterbegeisterte" in Frage gestellt hat.

Wie könnte heute eine angemessene Reaktion des Instituts bzw. der Universität Wien aussehen?

Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Das ist auch Aufgabe von Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen darüber nachzudenken. Dass gar nichts passiert, verstehe ich nicht. So wie die Lösung mit dem Dr.-Karl-Lueger-Ring. Der wird umbenannt, aber das Denkmal bleibt stehen. Ich kann doch das Denkmal auch kommentieren, irgendwas, irgendein Zeichen setzen.

Tanja Malle/Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

Mehr zum Thema: