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Journalisten bei der Arbeit mit Mikrophonen und Aufnahmegeräten

Wissenschaft aus dem "Ghetto" herausholen

Welche Bedeutung hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die Wissenschaft in Österreich? Eine sehr große, meinen Helmut Denk, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), und Josef Seethaler, ÖAW-Medienexperte, in einem Gastbeitrag.

Medien 19.10.2012

Sie plädieren nebst anderem für mehr Wissenschaft im Fernsehen - und zwar nicht unbedingt in eigenen Spezialsendungen.

Die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Wissenschaft in Österreich

Von Josef Seethaler und Helmut Denk

Über die Autoren:

Helmut Denk und Josef Seethaler von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

ÖAW

Univ.-Prof. Dr. Helmut Denk (li.) ist Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften,
Dr. Josef Seethaler Senior Scientist an der Kommission für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Der Beitrag wird in ungekürzter Version in Nummer 8 der "Texte" erscheinen. Diese Publikation versteht sich als Plattform für den Diskurs öffentlich-rechtlicher Qualität. "Texte 8" ist vor kurzem erschienen und steht hier zum Download bereit.

Das Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit ist in eine Schieflage geraten. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der zunehmende Legitimierungsdruck, unter dem Wissenschaft steht, öffentliche Aufmerksamkeit und mediale Präsenz zu wettbewerbsrelevanten Ressourcen werden ließ, für deren Optimierung sich eine eigene (florierende) Wissenschafts-PR entwickelt hat.

Naturgemäß wird aber mit der daraus resultierenden Berichterstattung vor allem die Wissenschaftspolitik und nicht die Öffentlichkeit bedient. Um diese zu erreichen, braucht es neuer Kommunikationsstrategien, bei deren Realisierung der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine wichtige Rolle spielen kann.

Ist-Zustand: Widersprüchlich

Die Bewertung der über Medien vermittelten Wissenschaftsinformation durch die österreichische Bevölkerung zeigt ein scheinbar widersprüchliches Bild. Laut einer EU-weiten Umfrage (Special Eurobarometer 282) liegt das Interesse an Wissenschaft in den Medien mit 22 Prozent signifikant unter dem EU-Durchschnitt von 31 Prozent. Dennoch erklären rund zwei Drittel der Österreicher/innen, mit der Wissenschaftsberichterstattung im Generellen zufrieden oder zumindest weitgehend zufrieden zu sein. Auch das Ausmaß dessen, was geboten wird, scheint zu genügen: Lediglich ein Drittel der Befragten wünscht sich mehr Wissenschaftsberichte.

Andererseits entspricht die Qualität der Berichterstattung nur zum Teil den Erwartungen. So sind Verständlichkeit, Nützlichkeit der Information, persönliche Betroffenheit und die berichteten Themen die entscheidenden Kriterien für die Nutzung wissenschaftlicher Information. Allerdings empfinden über die Hälfte der Österreicher/innen (56 Prozent) wissenschaftliche Beiträge als schwer verständlich und in einem noch höheren Ausmaß (61 Prozent) als zu weit entfernt von den eigenen Bedürfnissen. Dazu passt, dass mehr als zwei Drittel glauben, dass internationale Forschung in den Medien überrepräsentiert ist.

Immerhin entspricht das gebotene Themenspektrum den Vorstellungen von 58 Prozent der Österreicher/innen, und mehr als die Hälfte erachten die Informationen sogar als irgendwie nützlich. Mehrheitlich wird eine gemeinsame Präsentation durch Wissenschaftler/innen und Journalist/innen gewünscht, und, wenn das nicht möglich ist, werden Wissenschaftler/innen aufgrund ihrer höheren Glaubwürdigkeit, Präzision und Objektivität bevorzugt.

Zu wenig Betroffenheit

Die Umfrage verweist also auf eine prekäre Situation: Wissenschaftler/innen genießen zwar einen guten Ruf, können aber offenbar nur selten die richtigen Worte finden, um mit einem breiteren Publikum zu kommunizieren. Journalist/innen gelingt es zwar zu einem gewissen Grad, relevante Themen aufzugreifen, aber es gelingt nicht, sie so spannend zu präsentieren, dass zumindest die an wissenschaftlichen Informationen Interessierten ihre Suche nach Wissen intensivieren möchten, geschweige denn, dass ihre Zahl erweitert und zumindest an ein europäisches Durchschnittsmaß herangeführt werden kann.

Unterm Strich bleibt das Ziel jedweder Kommunikation über weite Strecken unerreicht: Betroffenheit. Laut einer weiteren Umfrage (Special Eurobarometer 340) erklären 57 Prozent der Österreicher/innen, dass wissenschaftliche Informationen für ihr Leben keinerlei Bedeutung haben. Wissenschaftliche Überlegungen und Erkenntnisse können also oft nicht auf die Bedürfnisse der Menschen bezogen, nicht in ihren Lebenszusammenhang integriert werden.

Soll-Zustand: Statt aufklärerischer Vermittlung …

Die Forschung zum Thema Wissenschaftskommunikation ist sich ziemlich einig: Die unbefriedigende Bilanz des Ist-Zustandes ist auf ein ebenso einseitiges wie überholtes Verständnis von Wissenschaftsjournalismus zurückzuführen, das ausschließlich dem Postulat der Wissenschaftsvermittlung und Wissenschaftspopularisierung gehorcht.

Ihm liegt die Vorstellung eines Informationstransfers aus der Wissenschaft in die Öffentlichkeit zugrunde, welche die Medienberichterstattung nach (hier irrelevanten) wissenschaftlichen Maßstäben beurteilt und die Kommunikationserwartungen des Publikums den Bedürfnissen der Wissenschafts-PR unterordnet.

Diesem normativen Konzept einer wissenschaftszentrierten "Aufklärung" der Öffentlichkeit setzen neuere kommunikationswissenschaftliche Forschungen ein Modell entgegen, dessen Fokus nicht mehr auf der "erfolgreichen" Vermittlung, sondern auf der kommunikativen Einbettung von Wissenschaft in gesellschaftliche Zusammenhänge liegt.

… Bezug zur Gesellschaft erwünscht

Matthias Kohring von der Universität Mannheim hat die mit einem solchen Verständnis verbundene Funktion des Wissenschaftsjournalismus auf den Punkt gebracht: "Ein Journalist informiert nicht schon deshalb über ein wissenschaftliches Ergebnis, weil es produziert wurde und schon deshalb einen (Nachrichten-)Wert hätte. Dieser Ansicht sind vor allem Wissenschaftler. Ein Journalist informiert über dieses Ergebnis, weil es einen Bezug zur übrigen Gesellschaft aufweist, und zwar aus der Sicht dieser 'übrigen Gesellschaft'."

Gerade darin, dass der Journalismus - anders als unter der Perspektive einer Wissenschaftspopularisierung - Gesellschaft und Wissenschaft in gleicher Weise auf Ereignisse hin beobachtet, die wechselseitig von Relevanz sind, liegt für beide Seiten der Gewinn begründet.

In diesem Prozess kommt nicht einzelnen "Highlights" und nicht einzelnen "Stars", sondern der Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit von Wissenschaft (wie dies auch in der Eurobarometer-Umfrage zum Ausdruck kommt) zentrale Bedeutung für die Risikowahrnehmung und Wissensaneignung der Menschen zu.

Wahrheitsanspruch überdenken

Zu allererst ist die Wissenschaft aufgefordert, ihren Anspruch auf "Wahrheit" zu überdenken. Eine Wissenschaft, die sich der gesellschaftlichen Bedingtheit und Interessengebundenheit ihres Wissens bewusst ist und damit die Pluralität und Diskussion von wissenschaftlichen Meinungen als konstitutiv begreift, wird auch der Öffentlichkeit vermitteln, dass Wissen stets im Fluss ist und das Nebeneinander von Meinungen in der Auseinandersetzung keine Schwäche, sondern eine Stärke ist, weil auch die Komplexität der Probleme oft alternative Problemlösungen erfordert.

Der "Wahrheitsanspruch" hingegen mündet im "Popularisierungsparadigma", da Wahrheit nicht zur Diskussion stehen, sondern nur in ihrer Komplexität reduziert, "popularisiert" werden kann - und damit im schlimmsten Fall in der dem wissenschaftlichen Diskurs entkoppelten politischen Öffentlichkeit für populistische Lösungen missbraucht wird.

Die Medien sind eingeladen, an diesem Paradigmenwechsel mitzuwirken und Wissenschaft in ihrer Vielfalt der Problemdefinitions- und Problemlösungskompetenz aus dem Ghetto der Wissenschaftsseiten herauszuholen und dort zu platzieren, wo sie hingehört: nämlich mitten ins Leben. Wissenschaftsjournalismus ist überall: in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kultur, im Sport und im Lifestyle. Wenn Wissenschaft und Forschung derart als Querschnittsmaterie begriffen werden, sind Auswirkungen auf Programmstrukturen und journalistische Praxis unausweichlich.

Empfehlungen für das Fernsehen

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen kann und sollte dabei eine besondere Rolle spielen. Das Fernsehen ist (um nochmals auf die Eurobarometer-Umfragen zurückzukommen) nicht nur die zentrale, sondern für zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung auch die bei weitem glaubwürdigste Quelle für wissenschaftliche Information. Das ist ein Verdienst des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dem damit aber auch eine besondere Verantwortung zukommt.

Zum ersten ist sein Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft. So bevorzugen zwar vier Fünftel aller Österreicher/innen das Fernsehen als Quelle wissenschaftlicher Information, doch nur etwa die Hälfte nutzt es auch tatsächlich dafür. Im europäischen Durchschnitt liegen hingegen Prioritätensetzung und tatsächliche Nutzung viel näher beieinander; die österreichischen Daten lassen sich daher als Aufforderung an die Fernsehverantwortlichen lesen, in das Angebot an wissenschaftlicher Information zu investieren - das Publikum würde es honorieren.

Das gilt auch für den zweiten Wunsch an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Wissenschaft aus dem Ghetto der Wissenschaftsberichterstattung herauszuholen. So wichtig eigene Wissenschaftssendungen oder gar ein eigener Spartenkanal sein mögen, Informationen über wissenschaftliche Forschungen müssen jene Themen begleiten, mit denen sie sich auseinandersetzen. Gerade bei durchschnittlicher Mediennutzung bevorzugt das österreichische Publikum (wiederum laut Eurobarometer) regelmäßige kurze Berichte - und zwar zur Prime Time.

Ziel ist die öffentliche Thematisierung grundlegender Fragen durch die Wissenschaft und die Einbindung ihres Problemlösungspotenzials in den gesellschaftlichen Diskurs und damit in den Lebenszusammenhang der Menschen. Zu einem solchen "Public Engagement with Science" ist es ein langer und schwieriger Weg, aber er ist unausweichlich, wenn Wissenschaft und Forschung in der Öffentlichkeit jenen Stellenwert einnehmen sollen, der ihnen in einer Gesellschaft, die mehr denn je auf Wissen und Knowhow aufbaut, zukommen müsste.

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