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Ein Team von Business-Leuten steht vor einem Gebäuden

"Wirtschaftsnobelpreis" an zwei Spieltheoretiker

Der "Wirtschaftsnobelpreis" 2012 geht an die beiden US-Ökonomen und Spieltheoretiker Alvin Roth und Lloyd Shapley für ihre "Theorie stabiler Verteilungen und die Praxis des Marktdesign". Beide hätten bahnbrechende Erkenntnisse dafür entwickelt, "wie verschiedene wirtschaftliche Akteure zueinander finden", heißt es in der Begründung des Nobelpreiskomitees.

Auszeichnung 15.10.2012

Die Auszeichnung ist umstritten, weil sie nicht wie die anderen Nobelpreise auf das Testament des Schweden Alfred Nobel zurückgeht, sondern erst 1968 von der Reichsbank in Stockholm gestiftet wurde.

Seitdem hat die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie meist US-Ökonomen ausgezeichnet. Nur eine einzige Frau gehörte bisher zu den 69 Preisträgern. 2012 sind alle Auszeichnungen des Nobelpreiskomitees an Männer vergeben worden (bzw. der Friedensnobelpreis an die EU).

die beiden Wirtschaftssnobelpreisträger 2012, Alvin Roth und Lloyd Shapley

Nobelprize.org

Alvin Roth (geboren 1951) arbeitet an der Harvard Business School in Boston/Massachussetts; Lloyd Shapley (geboren 1923) ist emeritierter Professor an der University of California in Los Angeles.

Ö1 Sendungshinweise:

Die Ö1 Journale und Ö1 "Wissen aktuell" berichten über alle Nobelpreise.

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Wirtschaftsakteure zueinander bringen

Shapley habe Spieltheorie eingesetzt und einen eigenen Algorithmus (Gale-Shapley algorithm) entwickelt, um verschiedene Marktteilnehmer so zusammen zu bringen, dass sie dauerhaft zueinander passen ("stabile Allokation"). Roth habe auf seinen Ergebnissen aufgebaut und in einer Reihe empirischer Studien gezeigt, wie sich Institutionen diese Erkenntnisse zunutze machen können.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Leiter des Instituts für analytische Volkswirtschaftslehre der WU Wien, Ulrich Berger, freut sich über die Preisträger, bezeichnete die Entscheidung des Nobelpreiskomitees aber als "eigentlich überraschend". Die Arbeit der beiden "hat sich hervorragend bewährt und wurde vorbildlich von der Theorie in die Praxis umgesetzt", so Berger im APA-Gespräch.

Matching-Algorithmen

Vor allem als Spieltheoretiker freue es ihn, dass die zwei voneinander unabhängig arbeitenden Forscher ausgezeichnet wurden, "die im weiteren Sinn auch Spieltheorie betreiben", sagte Berger. Shapley habe die Basisarbeit für sogenannte "Matching-Algorithmen" geleistet, Roth diese über die vergangenen 20 Jahre intensiv weiterentwickelt.

Es gehe um die Frage, wie man Dinge verteile, wenn es zwei Seiten gebe, erklärte Berger: "Zum Beispiel, wenn Studierende auf der Suche nach einer passenden Universität sind und beide (Studierender und Universität, Anm.) gewisse Präferenzen haben (welche Uni sie als erstes besuchen würden bzw. welchen Studierenden die Institution am liebsten aufnehmen würde, Anm.)." Der Algorithmus errechne bei solcherlei Fragestellungen die richtige Verteilung von Studierenden zu den richtigen Unis.

Methode wird konkret angewendet

Beispielsweise werde die Zuteilung von Schülern im öffentlichen Schulsystem von New York nach einem solchen "Matching-Algorithmus" organisiert, erklärte Berger. Selbiges funktioniere auch als Programm für Nierentransplantationen, das potenzielle Spender und Empfänger "matcht".

Shapley habe den "relativ leichten Algorithmus, der samt den gewünschten Eigenschaften funktioniert" gezeigt. Roth habe diesen verfeinert, erweitert und praxistauglich gemacht, was in den vergangenen Jahren sehr gut gelungen ist", so Berger.

"Überraschend" nannte der Institutschef die Vergabe, weil "die heißen, vorab genannten Kandidaten nicht zum Zug kamen und Nobelpreise für spieltheorienahe Forschung bereits vergeben worden waren". Dass Roth "den Preis jetzt schon bekommt", sei auch überraschend.

Überreichung am 10. Dezember

Roth sagte in einer ersten Reaktion am Telefon von Kalifornien aus, er sei "überrascht und glücklich" über den Nobelpreis. Auf die Verleihung in Stockholm freue er sich, weil "das eine sehr gute Party sein soll".

Im vergangenen Jahr waren die beiden US-Forscher Thomas Sargent und Christopher Sims für Methoden ausgezeichnet worden, die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftspolitik und volkswirtschaftlichen Rahmendaten wie Inflation, Beschäftigung und Bruttoinlandsprodukt (BIP) untersuchen.

Alle Nobelpreise werden traditionsgemäß am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896), überreicht. Die Preise sind heuer mit acht Millionen schwedischen Kronen (etwa 920.000 Euro) dotiert.

science.ORF.at/APA/dpa

Die wissenschaftlichen Nobelpreise 2012:

Die "Wirtschaftsnobelpreise" der vergangenen Jahre: