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Zwei Mädchen auf der Wiese, die miteinander reden

Mehr Mitgefühl mit jenen, die uns ähnlich sind

Menschen sind wir alle. Doch inwieweit wir anderen in einer konkreten Situation Menschlichkeit zusprechen, hängt stark davon ab, wie sehr wir uns in sie hineinversetzen können. Eine neue Studie sagt: Je stärker dieses Hineinversetzen, desto ähnlicher fühlen wir uns - und desto eher helfen wir einer Person.

Psychologie 18.10.2012

Jasminka Majdandžić, Psychologin an der Universität Wien und Studienautorin mit niederländischen Wurzeln, spricht in einem science.ORF.at-Interview über moralische Entscheidungen im Labor und Dehumanisierung im Straßenverkehr.

Portrait Jasminka Majdandzic

Majdandzic

Jasminka Majdandžic ist Postdoc am Institut für Psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethoden der Universität Wien (Social, Cognitive and Affective Neuroscience Unit).

Die Studie:

"The human factor: Behavioral and neural correlates of humanized perception in moral decision making" von Jasminka Majdandžić, Claus Lamm und Kollegen ist am 17.10. in "PLoS One" erschienen.

science.ORF.at: In der Aussendung der Uni Wien zu Ihrer Studie steht: "Unter 'Humanisierung' versteht man das Wahrnehmen von anderen als Individuen mit mentalen Zuständen, wie Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen" Nehmen wir nicht alle Menschen derart wahr?

Jasminka Majdandžić: Nicht unbedingt. Zu bestimmten historischen Zeiten, z.B. bei Kriegen, werden Personen entmenschlicht und etwa als primitiv, tierisch oder maschinenartig charakterisiert. Es wird zwar nicht explizit behauptet, dass sie nicht denken oder fühlen könnten, implizit aber sehr wohl.

Im Alltag nehme ich den anderen im Schnitt aber doch ab, dass sie Menschen sind, oder nicht?

Sicherlich. Der Begriff der "Humanisierung" in der Sozialpsychologie betont aber, inwiefern wir in einem bestimmten Moment anerkennen, dass andere Menschen Gedanken und Gefühle haben. Das ist nicht immer gleich, sondern fluktuiert. Bei Menschen, die wir gut kennen oder mit denen wir mitfühlen, ist das stärker, bei Unbekannten meistens schwächer.

Sie haben diesen Zustand der Humanisierung experimentell hergestellt, wie?

Mit Hilfe subtiler Manipulationen unserer 40 Versuchsteilnehmer. Wir haben ihnen - Männer zwischen 20 und 45 Jahren - Geschichten zum Lesen über fiktive Personen gegeben. Die Hälfte der Texte war so, dass die Gedanken und Gefühle der Beschriebenen im Vordergrund standen. Die Probanden mussten nachher Fragen beantworten zu diesen Personen, und zwar so, dass sie deren Perspektive übernahmen. Wir haben diese Personen die "Humanisierten" genannt.

Die andere Hälfte der Texte hat die Personen sehr faktenorientiert beschrieben, ganz ohne Gefühle oder eigene Gedanken. Die Fragen, die den Probanden danach gestellt wurden, drehten sich dementsprechend nicht um Gefühle, sondern um diese Fakten - die Personen haben wir deshalb als die "Neutralen" bezeichnet. Die Versuchspersonen haben beide Arten von Texten gelesen und wurden somit unterschiedlich für das eigentliche Experiment vorbereitet - sie haben das nicht bemerkt, es hatte aber Auswirkungen, als sie moralisches Dilemmata lösen sollten, in die entweder die "humanisierten" oder die "neutralen" Personen involviert waren.

Illustration eines Dilemmas

Doesjka Majdandzic

Illustration eines moralischen Dilemmas

Das Trolley-Dilemma:

Das Trolley-Dilemma behandelt einen führerlosen Zug, der auf fünf Gleisarbeiter zurast. Mit dem Stellen einer Weiche kann man den Zug auf ein Gleis umleiten, wo sich nur ein Arbeiter befindet. Die Frage ist, ob man bereit ist, eine Person zu opfern, um fünf das Leben zu retten. Die meisten Menschen würden diesem Fall eine utilitaristische Entscheidung treffen und die Weiche stellen. Geht es in einem ähnlichen Problem aber darum, auf einer Fußgängerbrücke einen Mann mit einem schweren Rucksack in die Tiefe zu stoßen, um fünf andere zu retten, lehnt dies ein Großteil der Personen ab.

Bevor Sie uns die Resultate verraten: Haben Sie ein Lieblings-moralisches-Dilemma, abseits des bekannten Trolley-Dilemmas, das Sie auch verwendet haben?

Lieblings-Dilemma ist übertrieben … Ich finde sie alle grauslich, auch das Folgende: Sie werden Augenzeuge eines Unfalls, sehen, wie ein Radfahrer von einem Auto angefahren wird. Der Radfahrer ist schwer an seinen Beinen verletzt und droht in einen Fluss zu stürzen. Sie halten ihn an seinen Armen fest und wissen, dass er in den Fluss stürzen und wegen seiner Verletzungen ertrinken wird, wenn sie ihn loslassen. Gleichzeitig ist das Auto mit vier Insassen in den Fluss gestürzt. Nun müssen sie entscheiden, ob Sie die Vier retten - dafür müssten Sie aber den Radfahrer loslassen. In unseren Experimenten haben wir nun geschaut, was geschieht, wenn der Radfahrer eine humanisierte oder eine neutrale Person war.

Was ist geschehen?

Die Versuchspersonen haben seltener eine humanisierte als eine neutrale Person zum Wohl der anderen geopfert. Bei den Humanisierten entschieden sich 60 Prozent für die Opferung, bei den Neutralen waren es 67 Prozent.

Kein wahnsinnig großer Unterschied ...

Stimmt. Größere Unterschiede zeigten sich aber im Weg bis zu der Entscheidung. Wir haben mittels funktioneller Magnetresonanztomografie auch untersucht, was während der Entscheidungsfindung im Gehirn passiert. Dabei zeigte sich, dass jene Areale, die mit Stress, Selbstkontrolle und starken Gefühlen zu tun haben, bei den Entscheidungen zu humanisierten Personen viel stärker aktiviert sind als bei den Neutralen. Mit anderen Worten: Auch wenn man es schafft, rationell zu entscheiden und den Einen für die Vielen opfert, ist das bei den Humanisierten viel schwieriger. Offenbar taten den Versuchsteilnehmern diese Entscheidungen mehr leid, sie empfanden mehr Stress und brauchten mehr Selbstkontrolle, um utilitaristisch zu handeln.

Das lässt sich alles aus den Gehirnaktivitäten ableiten?

Nicht nur. Wir haben die Probanden nach der Entscheidung auch gebeten, ihre Gefühle dabei zu beschreiben. Die Ergebnisse decken sich mit den Gehirndaten. Bei den humanisierten Personen empfanden sie deutlich mehr Stress.

Hat das etwas mit Spiegelneuronen zu tun?

Nicht direkt. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die in unserem Motorsystem aktiviert werden, sowohl wenn wir selbst uns bewegen als auch wenn wir Bewegungen bei anderen wahrnehmen. Es hat aber im weiteren Sinn mit Simulation zu tun. Ich glaube, dass wir eine Art Simulation im Gehirn hervorrufen, wenn wir über andere nachdenken. Unser Hirn spielt uns dann vor, wie sich diese Situation oder jene Emotionen für uns anfühlen würden, wenn wir selbst betroffen wären, und zwar intensiver, wenn die Personen uns nahe stehen, uns ähnlicher sind. Dieses Simulationsprinzip ist wahrscheinlich verantwortlich für die Effekte von Humanisierung auf die Entscheidung eines moralischen Dilemmas. In diesem Sinne ist Simulation ein wichtiges Konzept, Spiegelneuronen sind aber nur ein Teil davon.

Sie haben - um die Daten homogener zu machen - nur Männer untersucht. Welche Hypothese haben Sie zu den gleichen Experimenten mit Frauen?

Wir haben derartige Studien nicht vor, es gibt aber andere, die sich Geschlechterunterschiede angesehen haben. Die haben gezeigt, dass Männer im Schnitt eher regelbasiert entscheiden, ob etwas gerecht ist oder nicht, Frauen eher, weil sie persönlich für eine Person empfinden. Die ganz vorsichtige Arbeitshypothese lautet also: Die Effekte müssten bei Frauen noch größer sein.

Lautet die Aussage Ihrer Studie zusammengefasst: Gegenüber Menschen, die ich "so wie ich" sehe, habe ich mehr Mitgefühl?

Genau. Es fällt leichter, sich Menschen ähnlich zu fühlen, deren mentalen Zustände man kennt. Je ähnlicher die mentalen Zustände einer Person mit meinen eigenen sind, desto ähnlicher fühlt sie sich im Ganzen für mich an. Und desto schwieriger ist es, eine solche Person zu verletzen.

Sie sind eine Niederländerin in Österreich: Geht Ihnen das auch mitunter so, dass Sie Menschen, deren mentale Zustände ihnen ähnlich erscheinen, mehr Menschlichkeit zubilligen als anderen?

(lacht) Manchmal ist das im Stadtverkehr der Fall. Ich fahre - als Holländerin fast schon ein Klischee - in Wien viel mit dem Fahrrad. Und da muss ich aufpassen, dass ich mich nicht zu viel aufrege über die Autofahrer und sie "dehumanisiere". Wenn man daran denkt, dass die auch nur nach Hause wollen zu ihrer Familie, dann gibt sich das wieder. Dann werden sie wieder menschlicher.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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